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Andreas Bareiß

Filmakademie Baden-Württemberg – Direktor Andreas Bareiß stärkt internationale Vernetzung

17.März 2026 | 10 Min. Lesezeit | Standort |
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Andreas Bareiß ist Filmenthusiast, Netzwerker und Pragmatiker – und seit Mai 2025 Direktor der Filmakademie Baden-Württemberg. Mit klarem Kompass und spürbarer Begeisterung führt er die renommierte Hochschule in eine Zeit des Umbruchs: Er vernetzt sie stärker mit Europas Filmhochschulen, öffnet sie zur regionalen Wirtschaft und bringt Zukunftsthemen wie KI, virtuelle Produktion und Extended Reality fest in die Lehre. Sein Ziel: eine Akademie, die kreative Talente inspiriert – und Impulse für ganze Branchen setzt.

Als Kind sitzt Andreas Bareiß mit seinem Vater in den Stuttgarter Innenstadtkinos und taucht in Disneys „Dschungelbuch“ ab. Ein paar Jahre später dreht der bekennende Einzelgänger mit einer kleinen Kamera Stop-Motion-Clips im Keller, dokumentiert unter anderem Stuttgarts berühmte Treppenwege, die Stäffele, im Morgengrauen – und merkt, wie ihn Bilder, Rhythmus und Montage regelrecht aufsaugen.

Aus dem Filmfan wird ein Film-Nerd, der als mittlerweile 45-Jähriger seinen Platz in der Welt gefunden hat: Seit Mai 2025 leitet der 1980 in Ludwigsburg geborene Bareiß in seiner Heimatstadt die weltweit bekannte Filmakademie Baden-Württemberg (FABW). Etwas Besseres kann er sich nicht vorstellen.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Denn zuerst wurde aus dem Film-Nerd ein Jurist: Bareiß studiert deutsch-französisches Recht in Berlin und Paris, promoviert, berät Produktionen – und findet im Filmrecht die Schnittstelle, an der sich seine beiden Leidenschaften, Film und Frankreich, kongenial verbinden.

Vom Kanzleitisch ins Produktionsbüro – und nun an die Spitze

Über das deutsch-französische Masterclass-Programm der Filmakademie, das „Atelier Ludwigsburg-Paris“, das er später selbst mitgestalten wird, kehrt Bareiß in die Branche zurück. Die erste Produzentenarbeit: stressig, lehrreich – aber, wie er lachend betont, „on time and on budget“.

Es folgen Jahre als Medienanwalt, dann der Wechsel zur Produktionsfirma Gaumont Deutschland, wo er das Berliner Büro aufbaut und als Produzent – unter anderem für die deutsch-französisch-ukrainische Serienproduktion „in her car“ arbeitet, für die er 2025 von der Deutschen Akademie für Fernsehen als bester TV-Produzent nominiert wurde. Der Boulevard des Geschäfts interessiert ihn wenig; er bevorzugt das Machen hinter den Kulissen.

„Ich bin kein Regisseur-Typ, der auf der Bühne steht“, sagt Bareiß, „ich bin eher derjenige, der Dinge möglich macht, der die richtigen Leute zusammenbringt und den Rahmen schafft, in dem Kreativität entstehen kann.“ Dieser Blick prägt nun auch seine Arbeit als Direktor: pragmatisch, verbindend, offen. „Ich habe das Glück, hier ein großartiges Team vorzufinden. Die Leidenschaft, mit der hier gearbeitet wird, ist ansteckend.“

Er spricht von einem „sportlichen“ Start in seine neue Aufgabe, von einem großartigen Team – und davon, was er nicht sein will: „Ich will nicht der Herr Direktor sein.“ Seine Führungsmaxime: Nähe zu den Studierenden, Respekt vor den Dozierenden aus der Praxis, klare Leitplanken statt Mikromanagement. Haltung, sagt er, sei genauso wichtig wie Handwerk: Zuversicht, Neugier, Optimismus – selbst (und gerade) in unsicheren Zeiten.

„Ludwigsburger Think Tank“: Praxisnähe als Programm

Das Ludwigsburger Modell – Lehre aus der Branche, für die Branche – will Bareiß konsequent weiterdenken. Die FABW sei kein Elfenbeinturm, sondern ein Ort, an dem Projekte entstehen, Teams reifen und Netzwerke halten. „Wir denken nicht in starren Gewerken, sondern bilden Menschen aus, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette erzählen und realisieren können.“ Dazu gehört für ihn auch, den Branchenbeirat neu zu beleben und interdisziplinär zu arbeiten – etwa mit dem von Jan Pinkava geleiteten Animationsinstitut der Filmakademie. Der hat einen Oscar für seinen Kurzfilm „Geri’s Game“ (1997) bekommen und eine Oscar-Nominierung für das Drehbuch von „Ratatouille“.

Bareiß nennt die Filmakademie einen „Ludwigsburger Think Tank“. Mehr als 400 Dozierende aus allen Bereichen des Medienschaffens bringen ihr Wissen direkt aus der Praxis ein – und profitieren zugleich vom Austausch mit den Studierenden. „Es ist ein Geben und Nehmen. Für viele Dozierende ist das Unterrichten hier auch eine Möglichkeit, selbst am Puls der Zeit zu bleiben.“ Genau darin liegt für ihn die besondere Stärke des Hauses: „Diese Energie, die von unten nach oben und wieder zurück fließt, das ist einzigartig.“

Andreas Bareiß (r.) mit Jan Pinkava, dem Leiter des Animationsinstituts der Filmakademie. © FABW
Andreas Bareiß (l.) mit Jan Pinkava, dem Leiter des Animationsinstituts der Filmakademie.

Europa im Fokus – ohne Brücken abzubrechen

International war die Akademie schon immer – aus Überzeugung und aus Notwendigkeit. Nach dem Wegfall des langjährigen Hollywood-Workshops richtet Bareiß den Blick strategisch nach Europa: Ausbau des „Atelier Ludwigsburg-Paris“, engere Achsen nach London als dynamischem Produktionshub, neue Partnerschaften in Mittel- und Osteuropa – unter anderem mit der ebenso renommierten Filmschule Łódź. Das ist kulturpolitisch sinnvoll – und pragmatisch: „Ich setze Studierende lieber in den Zug nach London, als Zeit und Geld in Transatlantikflügen zu verbrennen.“

Gleichzeitig will Bareiß das internationale Netzwerk weiter ausbauen – etwa mit Kooperationen in Afrika und Indien. „Die Diversität der Geschichten, die wir hier erzählen, ist ein Schatz. Wenn wir als Filmakademie glaubwürdig bleiben wollen, müssen wir diese Vielfalt leben – vor und hinter der Kamera.“

Schnittstellen zur Industrie: Von XR bis Virtuelle Produktion

Neben der traditionellen Nähe der FABW zur Film- und Medienbranche – vom SWR bis zu zahlreichen Produktionsfirmen – möchte Bareiß seine Akademie stärker mit der „allgemeinen“ Wirtschaft der Region verknüpfen. Denn die neuen Technologien öffnen Türen: Extended Reality, virtuelle Produktion mit LED-Wänden, interaktive Medien, Games, KI-gestützte Workflows – überall entstehen Anwendungsfelder für Automotive, Maschinenbau, Handel oder Messe- und Erlebnisräume. Bareiß denkt die Hochschule als Medienakademie im Wortsinn: Ort der Narration, egal ob linearer Film, Serie, interaktive Experience oder Handyformat.

„Ich sehe da enormes Potenzial, gerade hier in Baden-Württemberg“, sagt Bareiß. „Unternehmen in der Region sind technologisch führend – und wir sind kreativ führend. Wenn diese Welten enger zusammenrücken, entsteht Neues: in der Produktkommunikation, im Design, in der virtuellen Entwicklung. Das ist Wissenstransfer, der beiden Seiten nützt.“

Unter Kooperation versteht er nicht Sponsoring, sondern gemeinsame Entwicklung – mit Partnern aus der Region, mit Rechenzentren, mit Innovationsclustern wie Heilbronn. Erste Gespräche über gemeinsame Projekte im Bereich Virtual Production und KI laufen bereits. „Wir wollen nicht warten, bis jemand bei uns anklopft. Wir wollen Partner sein, Ideen- und Impulsgeber.“

KI: Möglichmacher mit Leitplanken

Künstliche Intelligenz ist für Bareiß weder Heilsversprechen noch Bedrohung, sondern Werkzeug – und Thema der Haltung. Die FABW rollt neue Module aus, eine KI-Beauftragte koordiniert Inhalte, Fragen nach Ethik, Urheberrecht, Datennutzung und künstlerischer Handschrift werden systematisch bearbeitet. Ziel ist Mündigkeit: verstehen, einsetzen, begrenzen.

„KI kann enorme kreative Freiräume schaffen“, sagt Bareiß, „aber sie ersetzt keine Haltung, keine Perspektive, kein Bewusstsein für das, was wir erzählen wollen.“ Deshalb werden die Studierenden an der FABW gezielt darin geschult, Technologien nicht nur anzuwenden, sondern zu hinterfragen. „Kunst bleibt ein menschlicher Prozess. KI ist ein Werkzeug – aber die Verantwortung bleibt beim Menschen.“

Der Mensch Bareiß: Kino als Erinnerungsmaschine

Im abgedunkelten Saal zu sitzen, Körper und Zeit zu vergessen – das bleibt für Bareiß das Maß aller Dinge. Mainstream schätzt er heute so analytisch wie genussvoll („Barbenheimer“-Sommer), sein Kanon ist breit: Truffaut und Warhol, „Le Mépris“ und „La Boum“, jüngst Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“. Mit seinem 15-jährigen Neffen debattiert er Blockbuster, mit Studierenden schaut er Abschlussfilme – und erinnert sich daran, warum er fürs Kino brennt. „Wenn ein Film wirklich gut ist“, sagt er, „dann weiß man wieder, warum man das alles macht.“

Für Bareiß ist das Kino ein Ort der Selbstvergewisserung – und der Hoffnung. „Filme können uns berühren, aufrütteln, trösten. Gerade in einer Zeit, in der alles schneller und technischer wird, brauchen wir diese Form des Erzählens, die uns miteinander verbindet.“

Was jetzt kommt

Kurze Wege, klare Profile, starke Netzwerke: Bareiß will die FABW als europäischen Knotenpunkt sichtbarer machen, Curricula agil halten, internationale Austauschformate ausbauen und zugleich die Region enger anbinden – anwendungsnah, innovationsgetrieben, wertorientiert. Die Bilanz nach acht Monaten ist schlicht: „Es ist der Job, den ich mir vorgestellt habe.“ Nur einen Wunsch hat er: Er möchte künftig wieder mehr Unterrichten. Da stößt er an Grenzen. Bareiß: „Zeit ist die knappste Ressource.“

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