© Elmer&Zweifel
Zwei Schweizer finden ihr Glück in Bempflingen
01.Jan. 2026 | 5 Min. Lesezeit | Aus den Unternehmen, Nachfolge, Standort |Autor: Dr. Annja Maga
Die Wertschöpfungskette für Textilien reicht vom Baumwollanbau über Spinnerei, Flächenherstellung – also Weberei und Strickerei – über Veredelung bis zur Konfektion. Hier in Bempflingen haben wir früher eine Spinnerei und eine Weberei betrieben.
So sind mein Ur-Ur-Großvater Heinrich Elmer und sein Vetter Friedrich überhaupt ins Land gekommen. Sie stammten aus der Schweiz. In ihrer Heimat Glarus gab es aber Mitte des vorletzten Jahrhunderts überhaupt keine Wasserkraft mehr, die noch nicht industriell genutzt wurde.
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Obwohl sie noch keine 20 Jahre alt waren, wollten die beiden Baumwoll-Gewebe herstellen. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Innovation, denn bis dahin kannte man in Mitteleuropa nur Leinen.
Auf der Suche nach ungenutzter Wasserkraft kamen sie hier an die Erms. Mit dem Geld ihrer Väter und ihres Vetters Esajas Zweifel gründeten sie 1855 unsere Firma, die sie dann 50 Jahre lang führten.
In den ersten Jahren war die Textilindustrie noch ein Handwerk, und alle Unternehmen produzierten Vollsortimente, vom Garn bis zum fertigen Stoff. Der Vertrieb war kein Problem: Einmal im Jahr kam ein Vertreter vorbei und bestellte das für den und das für den.
Die Technik entwickelte sich immer weiter, die Konkurrenz allerdings auch. Ein richtiger Einschnitt war die Öffnung Osteuropas nach dem Mauerfall. Danach hat sich das Wettbewerbsumfeld grundsätzlich geändert. Unsere Kunden für medizinische Gewebe, auf die wir uns seit 1965 spezialisiert hatten, wandten sich alle nach Osten. Uns war klar, wir müssen etwas Neues machen.
1995 stellten wir auf Öko-Baumwolle um und bauten uns ein komplettes Netzwerk nachhaltig arbeitender Firmen über die gesamte Wertschöpfungskette auf – vom Anbau bis zur Konfektion. Dabei kam uns zugute, dass schon die Generationen davor Wert auf Nachhaltigkeit gelegt hatten.
Unsere Öko-Baumwolle kommt aus Kirgisien, Uganda und den USA. Besonders stolz sind wir auf Uganda, wo die Farmer dank guter Schulung ihren Ertrag pro Fläche verfünffacht haben – ohne Raubbau an den Böden zu betreiben. Inzwischen bauen sie ertragreicher an, als die meisten US-Farmer. Ein wunderbarer Beweis, dass es echt funktioniert, wenn man die Natur nicht chemisch, sondern biologisch versteht.
2001 haben wir die Spinnerei hier in Bempflingen eingestellt. Die Weberei hatten wir schon 1994 nach Tschechien verlagert. Dort weben und nähen heute 45 Mitarbeiter für uns.
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2003 haben wir die Marke Cotonea gegründet. Sie steht für handwerkliche und textiltechnische Top-Qualität für Haus und Heim und richtet sich nach dem IVN BEST, dem weltweit anspruchsvollsten Standard für Naturtextilien. So eine Bettwäsche können sie 20 Jahre benutzen. „Wir sind zu arm um billig zu kaufen“, sagte schon meine Oma zu dem Thema. Für uns ist die Langlebigkeit die dritte Säule der Nachhaltigkeit.
Die Cotonea-Produkte machen circa ein Drittel unseres Umsatzes aus. Zwei Drittel erwirtschaften wir mit dem Stoffverkauf an andere Labels, die Wert auf ökologische und faire Baumwolle legen.
Obwohl wir keine Produktion mehr hier vor Ort haben, stehen die Gebäude auf unserem riesigen Gelände keineswegs leer. Die 5000 Quadratmeter werden als Zwischenlager genutzt – und die sind voll. Geerntet wird schließlich nur einmal im Jahr. Außerdem wollen wir alles vorrätig haben: Wenn jemand etwas in unserem Onlineshop bestellt, geht es spätestens am nächsten Tag raus – genau wie bei Amazon. Viele unserer Bett- und Badtextilien verkaufen wir aber auch über den Einzelhandel oder Möbelschreiner. Nur auf Großflächen werden sie uns nicht finden.
Wir sind zu
Roland Stelzer.
arm um billig
zu kaufen
Ich bin quasi im Geschäft aufgewachsen. Dann habe ich Maschinenbau mit Schwerpunkt Energieingenieur studiert und später den Wirtschaftsingenieur draufgesattelt. So richtig Teil meines Lebens ist Elmer & Zweifel im November 1987 geworden. Inzwischen unterstützt mich meine Tochter Daria Stelzer im Geschäft.
Viele Leute fragen sich, wofür wir den Turm brauchen, der schon von weitem zu sehen ist. 1907 wurde er als Wasserturm gebaut, um den nötigen Druck für die Sprinkleranlage aufzubauen. Als 1920 die Druckpumpe erfunden wurde, wurde er eigentlich überflüssig, aber bis heute ist er unser Wahrzeichen. Seit meine Tochter kürzlich die Idee hatte, ihn mit LEDs zu illuminieren, sieht er auch nachts richtig toll aus.
Aufgezeichnet von Dr. Annja Maga für Magazin Wrtschaft, Rubrik Menschen und Ideen