Der Genannt vor Schildern und seinen Produkten © IHK/Maga
German Käsmeier zeigt gern, wie seine Produkte funktionieren.

Zeitsprung: Die Wurzel des Erfolges

12.März 2026 | 6 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |
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1926, Stuttgart: Vier Bleche im Wert von 1030 Reichsmark markieren den Anfang einer schwäbischen Erfolgsgeschichte als Zulieferer für Weltmarktführer. Doch die eigentliche Innovation wächst aus einer Beobachtung im Wind: Inspiriert von Baumwurzeln entwickelt ein schwäbischer Tüftler in den 1980ern ein Verankerungssystem, das Städte nachhaltiger macht – ganz ohne Betonfundament. Heute ist das Produkt europaweit gefragt, Lesen Sie in unserem Zeitsprung die ganze Geschichte, erzählt von Geschäftsführer German Käsmeier.

Zu den wenigen Archivalien, die aus unseren Anfangsjahren erhalten sind, gehört eine Inventarliste von 1926. Das ist das Jahr, in dem die Brüder Karl und Emil Sträb ihre Stanzerei in der Stuttgarter Achalmstraße gründeten. Vier verschiedene Bleche stehen auf der Liste mit einem ­Gesamtwert von 1030 Reichsmark. Nach heutigem Wert sind das circa 4500 Euro.

Sträb war ein klassischer Zulieferbetrieb. Schon damals war es Firmenphilosophie, nie billig zu ­arbeiten sondern wertig und qualitativ. Mit den Blechen wurden zum Beispiel Hundemarken hergestellt.

2 Männer vor einer grünen Maschine © HK/Maga
Man beachte die Fenster: German Käsmeier und Mitarbeiter Maik George in der Produktionshalle der Firma Sträb (l.) …

Im Krieg wurde die Firma fast vollständig zerstört. 1946 fingen die Brüder darum in Wendlingen neu an. Schnell fanden sich wieder viele Kunden, darunter nicht wenige Weltmarktführer. Sträb produzierte zum Beispiel Teile der Türmechanik des Bulli. Besonders stolz sind wir auf unsere Lieferantennummer bei Bosch. Als Bosch uns 1956 listete, waren wir erst der 67. Zulieferer – heute sind es rund 35.000.

Mein Schwiegervater war lange Jahre ­Geschäftsführer bei Sträb. Als es dort keine familieninterne Nachfolge gab, kaufte er das Geschäft. Er ist ein echter schwäbischer Tüftler – war sogar Präsident des ­europäischen Erfinderverbandes. Des­wegen hat er sich neben dem Tages­geschäft immer ­Gedanken um Produkte gemacht, die die Welt ein kleines bisschen verbessern. Als in den 1980ern überall Fahrrad­wege entstanden, ärgerte er sich, dass diese an sich ökolo­gische Idee zu so vielen zusätzlichen Schildern führte, die in den Boden betoniert wurden.

Er fand es widersinnig, dass man erst ein Loch gräbt um es dann mit Beton wieder zu füllen. Der Anblick eines Baumes im Wind brachte ihn auf die Idee, Boden­dübel zu ent­wickeln, die Flachwurzeln nachempfunden sind. So entwickelte er Ferradix. Der Name ist eine Zusammensetzung aus ­lateinisch für Eisen und ­Wurzel. Er ließ die Idee patentieren und seither lief die Marke Ferradix neben unserem klassischen Zuliefergeschäft mit.

Schwarz-weiß-Foto mit 7 Arbeitern in Kitteln an Maschinen © Sträb
…und die Mitarbeiter an derselben Stelle vor demselben Fenster in den 1960ern.

Als ich vor knapp zehn Jahren in den Betrieb einstieg, reizte mich die Idee, das Produkt groß rauszubringen. Eigentlich bin ich Betriebswirt und Sportlehrer. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt schon 15 Jahre Erfahrung im Produktmanagement und Design bei einem Sportkleidungshersteller.

Ich schrieb alle Ministerpräsidenten an und stellte ihnen das Produkt vor. Einer antwortete – sogar persönlich und ganz begeistert. So kommt es, dass der Straßen­bau NRW bis heute unser größter Kunde ist. Aber auch in Stuttgart sehen Sie Ferradix überall. Achten Sie mal bei Ihrem nächsten Stadtgang darauf!

Seit 2022 ist das Ferradix-Prinzip auch in der IVZ-Norm vorgesehen – seither wächst der Markt schnell und wir sind der Marktführer. Inzwischen übrigens auch in ­Europa: Erst kürzlich habe ich unser Produkt in Skandinavien präsentiert. Die Leute schlackern immer mit den Ohren und können nicht glauben, dass die Idee schon 40 Jahre alt ist. Dann sage ich: „Die Zeit hat uns eingeholt!“

» Die Leute schlackern mit den Ohren, dass die Idee schon
40 Jahre alt ist «

Lustigerweise haben wir 2023 sogar einen Innovationspreis für Ferradix bekommen. Aber innovativ sind wir ja wirklich, denn wir entwickeln immer neue Anwendungen. Zuletzt war es eine „Wurzel“ für die Leitpfosten auf Landstraßen und Fernstraßen, und gerade wurde unsere Quickplate ­fertig, eine ­Befestigung für Schilder, die regelmäßig aber nicht dauerhaft aufgestellt werden, zum Beispiel für Wochenmärkte. Wenn man sie nicht braucht, wird das ­Bodenloch verschlossen – ein Schrauben­zieher reicht dafür. Überhaupt sind unsere Produkte mit Geräten, die jeder Bauhof hat, zu montieren. Für viele Gemeinden sind wir schon Systemlieferant.

Der genannte auf seinem Hof vor Metallkäfigen mit Rohmaterial © aga/IH
„So klein ist das Loch“: German Käsmeier vergleicht seine „Wurzel“ mit einer üblichen Schilderverankerung.

Unsere Produkte produzieren wir hier in Wendlingen von A bis Z: Rohre und Profile werden angeliefert, ab da pressen, ­stanzen, bohren, fräsen und schneiden wir alles selber. Ein Unternehmensberater würde deswegen wahrscheinlich sagen, das hier ist eine Manufaktur. Aber genau das ist unser Erfolgsgeheimnis: Wir haben keinen Produktkatalog sondern liefern Lösungen. Das ist so individuell, dass wir für die Kunden sogar ihr Stadtwappen aufprägen.

Ferradix wird immer mehr zu unserem Hauptprodukt. Das Zuliefergeschäft wird hingegen immer kleiner. Zuletzt haben wir sogar die Zusammenarbeit mit Bosch zugunsten von Ferradix abgegeben. Da ­blutete das Herz schon ein bisschen.

Natürlich könnten wir noch viel schneller expandieren, aber das will ich nicht. Wichtiger ist, dass wir Produkte mit Sinn herstellen und dass wir unseren 16 Mitarbeitern ­einen guten und sicheren ­Arbeitsplatz bieten. Und natürlich, dass wir den Staffelstab eines Tages an die dritte Generation weitergeben können.

Aufgezeichnet von Dr. Annja Maga für Magazin Wirtschaft, Rubrik Menschen und Ideen

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