Kapitän zur See Michael Giss ist Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg der Bundeswehr und zentraler Ansprechpartner für Fragen der zivil-militärischen Zusammenarbeit. In seiner aktuellen Rolle treibt er den Aufbau gesamtgesellschaftlicher Resilienz voran. © dpa picture alliance

„Wir haben nur wenige Jahre – und keinen Plan B“

08.Mai 2026 | 4 Min. Lesezeit | Politische Forderungen |
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Viele Firmen unterschätzen die Gefahr hybrider Angriffe und einer militärischen Bedrohung. Kapitän zur See Michael Giss mahnt: Unternehmen müssen ihre Resilienz stärken – weit über den eigenen Werkszaun hinaus. Als Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg der Bundeswehr ist Giss zentraler Ansprechpartner für Fragen der zivil-militärischen Zusammenarbeit. In seiner aktuellen Rolle treibt er den Aufbau gesamtgesellschaftlicher Resilienz voran.

Herr Kapitän, seit Jahren warnen Sie vor einer wachsenden Bedrohungslage. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Die Bedrohung ist real – und sie verschwindet nicht, nur weil wir sie ignorieren. Untätigkeit, Bequemlichkeit und Wunschdenken sind gefährlicher als alles andere. Seit fünf Jahren erkläre ich, wo der Feind sitzt. Und ja: Er heißt Russland. Seine Angriffe auf Europa laufen längst – im Informationsraum, in Cybersystemen, zunehmend über hybride Operationen.

Was bedeutet das für die Wirtschaft – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen?

Viele Mittelständler unterschätzen die Lage. Doch gerade kleine und mittlere Unternehmen sind entscheidend für die gesamtgesellschaftliche Resilienz. Sicherheit lässt sich nicht an die Bundeswehr outsourcen. Äußere und innere Sicherheit verschmelzen zunehmend – man sieht es an Drohnen über Industrieanlagen oder kritischer Infrastruktur.

Wie können sich Unternehmen auf den Ernstfall vorbereiten?

Indem sie Szenarien durchdenken und entsprechend planen. Die Lieferketten müssen funktionieren – auch im Krisen- oder Kriegsfall. Dazu gehört die simple Frage: Wie kommt mein Personal überhaupt zur Arbeit? Wer wird im Ernstfall eingezogen – zur Bundeswehr, zum Technischen Hilfswerk oder zur Zivilverteidigung? Wer würde ins Ausland zurückkehren? Und: Gibt es Beschäftigte, die dem Gegner näherstehen als unserem Land und von denen Risiken ausgehen könnten? Unangenehm, aber unvermeidlich.

Warum fällt es uns so schwer, diese Realität anzuerkennen?

Weil wir 30 Jahre lang die Friedensdividende genossen haben. Der Begriff „Krieg“ ist für viele Menschen unvorstellbar. Doch das Leben hat sich geändert. Wir müssen uns dieser Realität stellen.

Wie ist das Problembewusstsein in der Landespolitik?

Baden-Württemberg hat zuletzt Tempo gemacht. Die Regierungserklärung von Ministerpräsident Kretschmann im Sommer 2025 war ein wichtiges Signal, dem die Ressorts gefolgt sind. Aber die Verwaltungen in Bund und Ländern müssen weiter im Friedensmodus arbeiten. Ohne neue Verordnungen priorisiert deshalb niemand Verteidigungsbelange. Hier braucht es politische Führung auf allen Ebenen – jetzt.

Wie umfassend ist die Aufgabe?

Bis in die 90er Jahre war Zivilverteidigung gut organisiert. Dieses Wissen ist verloren. Jetzt fangen wir in vielen Bereichen bei Null an. Wir müssen neu planen: Versorgung der Bevölkerung, Funktionsfähigkeit der Verwaltung, Schutz kritischer Infrastruktur, Luftschutz. Und im Konfliktfall ist die Bundeswehr nicht verfügbar – sie kämpft dann an der Ostflanke.

Was raten Sie Unternehmern ganz konkret?

Sie sollen den Blick vom Schreibtisch heben und Verantwortung als Staatsbürger übernehmen: im Unternehmen, mit Partnern, in der Familie über Risiken sprechen. Und zum Beispiel auch überlegen, welche überlebenswichtigen Güter man selbst im Lande mit eigenen Mitteln herstellen könnte. Die Industrie- und Handelskammern können hierbei wertvolle Unterstützung leisten.

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