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Serie „Ums Stöckle“: Zwischen Fairtrade und französischer Gelassenheit

07.Aug. 2026 | 10 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |
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Im Weltcafé am Stuttgarter Charlottenplatz geht es um weit mehr als Kaffee und Kuchen. Seit zwölf Jahren prägt Betreiber Luderic Belhadj einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Freundschaften entstehen und Nachhaltigkeit selbstverständlich zum Alltag gehört.

Es gibt Cafés, in denen man einen Kaffee trinkt. Und es gibt Cafés, in denen man hängen bleibt. Das Weltcafé im Alten Waisenhaus am Stuttgarter Charlottenplatz gehört ganz eindeutig zur zweiten Sorte. Obwohl die Ruhe des idyllischen Innenhofs aktuell durch eine Baustelle ein wenig geschmälert wird, sitzen dort wie drinnen Stammgäste, Freunde, Studierende mit Laptop und Menschen aus aller Welt bei Cappuccino oder Quiche zusammen. Seit rund 12 Jahren sorgt Luderic Belhadj dafür, dass das Weltcafé genau das bleibt, was es immer sein wollte: ein offener Treffpunkt mitten in Stuttgart.

Der gebürtige Pariser Belhadj ist kein Mann großer Worte. Während des Gesprächs sucht er manchmal nach deutschen Begriffen, springt zwischen Französisch, Englisch und Deutsch hin und her und entschuldigt sich mehr als einmal dafür. Doch je länger er erzählt, desto deutlicher wird, worauf es ihm wirklich ankommt: Nicht perfekte Sätze sind ihm wichtig, sondern echte Begegnungen.

Vom Rugby-Spieler zum Gastronomen

Sein eigener Weg nach Stuttgart verlief alles andere als geradlinig. In Paris geboren und aufgewachsen, begann er früh mit dem u reisen. Er lebte in London, spielte dort Rugby auf hohem Niveau, arbeitete in der Gastronomie und zog später nach Spanien. Dort lernte er seine Frau kennen. Gemeinsam ging es zunächst zurück nach Paris, ehe die Beiden beschlossen, nach Deutschland zu ziehen – genauer gesagt nach Stuttgart.

Damals, erinnert sich Belhadj schmunzelnd, sprach er kaum mehr Deutsch als „eins, zwei, drei, Polizei“. Also machte er das, was viele Menschen tun, die in einem neuen Land Fuß fassen wollen: Er arbeitete. Viel. Zeitweise sogar in drei Jobs gleichzeitig – vom Lager über den Einzelhandel bis zur Gastronomie.

Eigentlich wollte der gelernte Gastronom ein französisches Restaurant eröffnen. Das Projekt scheiterte jedoch an Genehmigungen. Kurz darauf ergab sich eine neue Chance: Das wenige Monate zuvor eröffnete Weltcafé suchte Unterstützung.

Als der heute 44-jährige  Belhadj dort einstieg, erinnert er sich, lag eine Herkules-Aufgabe vor ihm: „Es war ruhig. Es gab keine Musik, keine Terrasse, keine richtigen Abläufe.“ Vor allem aber fehlte ihm eine Idee, wie dieser besondere Ort mit Leben gefüllt werden könnte.

Gemeinsam mit seinem damaligen Geschäftspartner entwickelte Belhadj das Café Schritt für Schritt weiter. Sie organisierten Veranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen. Die Terrasse wurde erweitert, aus einem eher nüchternen Café entwickelte sich nach und nach ein beliebter Treffpunkt mitten in der Stadt.

Nur Vegetarisches kommt auf den Tisch

Natürlich ist das Weltcafé auch ein Ort für guten Kaffee. Doch wer Luderic Belhadj zuhört, merkt schnell, dass ihn etwas ganz anderes antreibt: „Die Leute sollen sich hier wohlfühlen“, das sagt er immer wieder.

Auch setzt das Café konsequent auf ein Konzept, das in Stuttgart noch immer besonders ist. Fleisch und Wurstprodukte sucht man auf der Karte vergeblich. Stattdessen gibt es ausschließlich vegetarische Gerichte aus aller Welt und jeden Dienstag ein komplett veganer Mittagstisch.

Ganz wichtig ist Belhadj die Qualität der Produkte. Brot, Quiches und Kuchen entstehen in der eigenen Backstube „Tata Moustache“, die das Weltcafé und weitere Gastronomiebetriebe beliefert. Produziert wird möglichst so, dass kaum Lebensmittel verschwendet werden.

Fair gehandelte Getränke gehören ebenso selbstverständlich zum Konzept wie regionale Bio-Produkte, wo immer sie verfügbar sind. Über Fairtrade spricht Belhadj dabei erstaunlich wenig. Nicht, weil es ihm unwichtig wäre – sondern weil es für ihn längst selbstverständlich geworden ist. „Wir denken darüber gar nicht mehr nach“, sagt er und lacht: „Das gehört einfach zu unserem Konzept.“

Vielleicht ist genau das das Besondere am Weltcafé. Es wirkt nie belehrend. Niemand muss hier über Nachhaltigkeit diskutieren. Man kann einfach einen Cappuccino trinken, unter der Linde sitzen und dabei ganz nebenbei erleben, dass fairer Handel, regionale Produkte und internationale Offenheit im Alltag funktionieren können.

Es sind Freundschaften entstanden

Mindestens genauso wichtig wie das Essen sind jedoch die Menschen. Belhadj erzählt von Jakob, der seit zehn Jahren zum Team gehört und das Down-Syndrom hat. Er spricht von älteren Stammgästen, die sich fast täglich zum Schachspielen treffen, von Gästen, die mit dem Laptop für einen Kaffee kommen und Stunden später immer noch im Innenhof sitzen. Und er erzählt von einer älteren Dame, die jahrelang beinahe jeden Tag im Café war – bis sie eines Tages nicht mehr kam. Solche Geschichten bewegen ihn bis heute. „Das gehört auch zur Gastronomie“, sagt er leise.

Über die Jahre seien im Weltcafé Freundschaften entstanden, erzählt er. Und sogar rund 15 Paare hätten sich hier kennengelernt. Ob das stimmt? Nachprüfen lässt sich das kaum. Doch wer an einem sonnigen Nachmittag den Innenhof beobachtet, bekommt zumindest eine Ahnung davon, warum solche Geschichten hier entstehen können. Niemand scheint es eilig zu haben. Niemand wird gedrängt, seinen Platz möglichst schnell wieder freizugeben. Das Weltcafé versteht sich als offener Treffpunkt – nicht als Ort, an dem Tische möglichst oft neu besetzt werden.

Dazu passen auch die Kulturveranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen und kleinen Konzerte, die hier über Jahre organisiert wurden. Zwar hat das Interesse daran seit der Corona-Pandemie nachgelassen, bedauert Belhadj. Trotzdem möchte er den Raum weiterhin für Kultur offenhalten. Wenig hält er von geschlossenen Gesellschaften. Hochzeiten oder Firmenfeiern richtet er nur in absoluten Ausnahmefällen aus. Lieber bleibt das Café für alle geöffnet. Denn genau darin sieht er seine eigentliche Aufgabe.

Nicht die Welt verändern. Aber einen Ort schaffen.

Trotz aller positiven Entwicklung blickt Belhadj nicht sorgenfrei in die Zukunft. Wie fast alle Gastronomen beschäftigt ihn die wirtschaftliche Lage. Steigende Personal-, Energie- und Lebensmittelkosten lassen die Spielräume kleiner werden. Gleichzeitig beobachtet er mit Skepsis, wie immer mehr Restaurants auf Selbstbedienung, QR-Codes und Bestellterminals setzen.

Grundsätzlich sei dagegen nichts einzuwenden. „Aber zu viel ist zu viel“, sagt er. Gastronomie lebe schließlich von Menschen und Begegnungen – nicht von Bildschirmen.

Auch als Arbeitgeber sieht er neue Herausforderungen. Junge Menschen müssten heute oft stärker eingearbeitet werden als früher. Deshalb setzt das Weltcafé inzwischen verstärkt auf interne Schulungen und feste Abläufe. Gleichzeitig versucht Belhadj, sich nicht von Entwicklungen verrückt machen zu lassen, die er ohnehin nicht beeinflussen kann.

Diese Gelassenheit zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch. Er bezeichnet sich selbst als Stoiker. Statt sich über alles zu ärgern, konzentriere er sich lieber auf das, was in seiner eigenen Verantwortung liege. Er boykottiere Produkte oder Entwicklungen, die er nicht unterstützen möchte. Und versuche, seinen kleinen Teil so gut wie möglich zu machen.

Ob ein Café die Welt verändern könne? Belhadj überlegt ein wenig länger. „Nein“, sagt er schließlich, „aber es kann Menschen zusammenbringen.“ Belhadj hat dazu einen  Ort geschaffen, in dem sich die Gäste willkommen und wohl fühlen, weil die Zeit hinter den Mauern des Alten Waisenhauses für einen Moment etwas langsamer zu laufen scheint.

Kai Holoch ist freier Mitarbeiter von mawi-on und Magazin Wirtschaft.

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