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Verteidigungsindustrie im Aufwind: Was Unternehmen aus der Region Stuttgart jetzt wissen sollten
21.Jan. 2026 | 6 Min. Lesezeit | Politische Forderungen |Autor: Kai Holoch
„Die Arbeit an der Verteidigungsfähigkeit ist notwendig. Aber wir hier in der Region Stuttgart können bereits eine ganze Menge“: Holger Triebsch, Leiter der Abteilung Industrie, Innovation und Infrastruktur der IHK Region Stuttgart, machte den Teilnehmern gleich zu Beginn Mut. Mehr als 200 Vertreter aus Unternehmen, Institutionen und Verbänden waren am Dienstag, 20. Januar, ins Stuttgarter IHK-Haus gekommen, um sich über Chancen und Risiken eines Engagements in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie gerade für kleine und mittlere Unternehmen zu informieren.
Mit der Veranstaltung positionierte sich die IHK Region Stuttgart bewusst als Plattform, um regionale Unternehmen frühzeitig an einen Markt heranzuführen, der durch geopolitische Entwicklungen stark an Bedeutung gewonnen hat – und der gerade für den industriell geprägten Südwesten neue Perspektiven eröffnet.
Hohe Hürden für Neueinsteiger
Diese Möglichkeiten betonte auch Michael Kleiner, Ministerialdirektor im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium, der seinen Beitrag „Verteidigung als Wirtschaftsmotor – Chancen für Baden-Württemberg“ genannt hatte. Kleiner betonte: „Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich auf den Weg zu machen.“ Er räumte aber auch ein, dass es für Neueinsteiger hohe Hürden zu nehmen gelte und sie in jedem Fall einen langen Atem brauchten.
Die Ausgangslage ist von einer neuen geopolitischen Realität geprägt. Die sogenannte „Zeitenwende“ hat die Branche grundlegend verändert. Deutschland investiert massiv in seine Verteidigungsfähigkeit. Der Wehretat soll sich bis 2029 nahezu verdreifachen, der investive Anteil sogar versiebenfachen. Für die Industrie bedeutet das: langfristige Planungssicherheit, volle Auftragsbücher – und ein enormer Bedarf an neuen Zulieferern. Die IHK Region Stuttgart sieht hier insbesondere für den starken Mittelstand der Region ein strategisches Zukunftsfeld.
Vom Hightech-Bauteil bis zur Gebäudereinigung
Dabei ist das Spektrum der gesuchten Leistungen breit. Die Bundeswehr benötigt nicht nur komplexe Waffensysteme oder Drohnentechnologie, sondern auch IT-Dienstleistungen, Logistik, Bauleistungen, Facility Management oder textile Ausrüstung. Besonders interessant für viele Mittelständler: sogenannte Dual-Use-Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können – etwa in der Cybersicherheit, Medizintechnik, Sensorik oder Kommunikationstechnik.
Gerade in der Region Stuttgart, die stark von Automobilindustrie, Maschinenbau und Hightech-Zulieferern geprägt ist, lassen sich vorhandene Kompetenzen häufig übertragen. Für technologieorientierte Unternehmen ergeben sich zusätzliche Chancen durch Innovationen. Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, wie schnell sich Anforderungen verändern. Neue Lösungen müssen in kürzerer Zeit marktreif werden.
Hohe Einstiegshürden bleiben
So attraktiv der Markt erscheint – der Einstieg ist anspruchsvoll. Öffentliche Vergabeverfahren sind komplex, Ausschreibungen umfangreich und Zertifizierungsanforderungen hoch. Standards wie ISO 9001 oder ISO 27001 werden zunehmend vorausgesetzt. Je nach Projekt können zudem Geheimschutzauflagen, Exportkontrollen oder Sabotageschutzprüfungen erforderlich sein.
Genau hier setzt die Unterstützungsarbeit der IHK Region Stuttgart an. Als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Politik bietet sie Unternehmen Orientierung im Dickicht der Regularien. Über die Auftragsberatungsstelle, Leitfäden zur Bundeswehrbeschaffung, Quickchecks zur Selbsteinschätzung sowie spezielle Informations- und Netzwerkformate will die IHK Hemmschwellen abbauen und den Marktzugang erleichtern.
Ohne Profil geht es nicht
Ein zentrales Fazit der Veranstaltung: Unternehmen brauchen ein klares Alleinstellungsmerkmal. In der Masse potenzieller Zulieferer wird nur sichtbar, wer seine Kompetenzen präzise positioniert. Nicht das einzelne Produkt steht im Vordergrund, sondern die dahinterliegende Fähigkeit – etwa spezielle Fertigungstechniken, Materialexpertise oder Entwicklungs-Know-how.
Ebenso wichtig ist aktives Netzwerken. „Allein die Registrierung auf Beschaffungsplattformen reicht bei weitem nicht aus“, sagt Götz Witzel, Senior Advisor bei der Beratungsfirma WIMCOM. Persönliche Kontakte, Messebesuche, Branchenevents und Clusterstrukturen spielten eine entscheidende Rolle. Die IHK baut dafür gezielt Austauschformate auf – etwa über das Netzwerk „Defense und Gesamtverteidigung“, das Unternehmen, Behörden, Einsatzorganisationen und weitere Akteure zusammenbringt. Ergänzend sollen neue digitale Matching-Plattformen wie „SVI Connect“ Anbieter und Einkäufer schneller miteinander vernetzen.
Cyberrisiken und Wirtschaftsschutz im Blick behalten
Mit dem Einstieg wachsen auch die Risiken. Karl-Friedrich Fecht vom Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg: „Kleine und mittlere Unternehmen geraten zunehmend ins Visier ausländischer Nachrichtendienste und Cyberkrimineller. Spionage, Sabotage und hybride Angriffe betreffen längst nicht mehr nur Großunternehmen.“ Fecht betonte die Bedeutung eines systematischen Schutzes sensibler Unternehmensdaten, klaren Sicherheitskonzepten und einer stärkeren Sensibilisierung der Mitarbeitenden.
Auch hier versteht sich die IHK als Anlaufstelle: Sie verweist auf Angebote des Wirtschaftsschutzes, organisiert Informationsveranstaltungen und unterstützt Unternehmen dabei, ihre Resilienz gegenüber Cyberangriffen, Stromausfällen oder Lieferkettenstörungen zu erhöhen.
Chancenreich, aber kein Selbstläufer
Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bietet für KMU also stabile Wachstumsperspektiven, attraktive Margen und langfristige Aufträge. Gleichzeitig verlangt der Markt Geduld, Investitionsbereitschaft und strategische Klarheit. Die Veranstaltung im IHK-Haus hat gezeigt: Mit der richtigen Vorbereitung und gezielter Unterstützung lassen sich die Hürden nehmen. Die IHK Region Stuttgart will diesen Weg auch weiterhin aktiv begleiten – damit Unternehmen aus der Region ihre Stärken in diesem Zukunftsmarkt einbringen können.
Weitere Informationen finden Sie hier
Die Veranstaltung „Einstieg in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie Wurde unterstützt vom Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg, den Unternehmern Baden-Württemberg, dem Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg. (Südwestmetall) sowie dem Transformationsnetzwerk für den Fahrzeug- und Maschinenbau „CARS 2.0 – Cluster Automotive Region Stuttgart 2.0“ statt. CARS 2.0 wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert
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