© Annette Cardinale
Serie „Ums Stöckle“: Kaffee, Kunst und ganz viel Freiraum
04.Sep. 2026 | 13 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |Autor: Kai Holoch
Wer das Café Nisch an der Ecke Rotebühl- und Reuchlinstraße betritt, könnte zunächst denken: hübsches, einladendes Ambiente, viel Licht, Kunst an den Wänden, guter Kaffee. Doch ein paar Schritte weiter verändert sich das Bild. Auf rund 140 Quadratmetern folgen ein Raum mit einem Klavier, eine Lounge, in der Gäste an ihren Laptops arbeiten können und schließlich eine hübsche Spielecke. Die haben übrigens nicht der Cafébetreiber oder Innenarchitekten eingerichtet: Eltern aus der Nachbarschaft haben das Spielzeug mitgebracht und den Bereich selbst gestaltet.
Dieses Spielzimmer steht sinnbildlich für das, was der Betreiber Schadi Hammoud will. Er schafft den Raum – und schaut dann, was die Menschen daraus machen.
Der 31-Jährige strahlt, während er von seinem Café erzählt. Wobei Café eigentlich fast ein bisschen zu kurz greift. Kunstcafé nennt sich das Nisch, Veranstaltungsort ist es ebenfalls, Treffpunkt, Arbeitsplatz, gelegentlich Konzertbühne und inzwischen auch ein Ort für arabisches Essen. „Wir sind stetig in der Veränderung“, sagt Hammoud. Als das Nisch vor etwas mehr als einem halben Jahr eröffnete, war vieles von dem, was heute dazugehört, noch gar nicht da.
Café Nisch auf einen Blick
Adresse: Reuchlinstraße 22, 70178 Stuttgart-West, Ecke Rotebühlstraße
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 7 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 8 bis 19 Uhr. Montag ist derzeit Ruhetag.
Kaffee & Getränke: Im Nisch wird eine eigene, kräftige Kaffeemischung aus Guatemala ausgeschenkt, die regional geröstet wird. Außerdem gibt es unter anderem entkoffeinierten Kaffee, Tee und Limonaden.
Frühstück & Süßes: Morgens stehen Backwaren wie Buttercroissants, Laugengebäck und Schokogebäck zur Auswahl, außerdem gibt es Kuchen.
Mittagstisch: Seit August bietet das Nisch zwischen 10 und 15 Uhr auch arabische beziehungsweise libanesische Gerichte an. Auf der Karte stehen beispielsweise Hummus, Auberginenpüree und wechselnde warme Speisen. Das Angebot ist überwiegend vegan und befindet sich derzeit noch in der Erprobungsphase.
Kunst & Kultur: Die Ausstellungen wechseln etwa alle vier Wochen. Künstlerinnen und Künstler können die Wände kostenlos nutzen und ihre Werke ohne Provision an das Café verkaufen. Hinzu kommen regelmäßig kleinere Veranstaltungen und Konzerte.
Besonderheiten: Das rund 140 Quadratmeter große Café verfügt neben dem eigentlichen Gastraum über eine Lounge mit Arbeitsmöglichkeiten, einen Bereich mit Klavier sowie eine Spielecke für Kinder. Die Räume können auch für private Veranstaltungen genutzt werden.
Betreiber: Schadi Hammoud
Den Namen habe er auch gewählt, weil er schon lange eine „Nische“ habe schaffen wollen, einen Ort für kulturelle Angebote und vor allem für möglichst unterschiedliche Menschen, erzählt Schadi Hammoud.
Obdachlose und Akademiker
Obdachlose kämen ebenso wie Akademiker, Menschen im Rollstuhl, Polizisten, Menschen mit deutscher oder arabischer Familiengeschichte. „Es ist wild gemischt“, sagt Hammoud – und genau so soll es sein.
Dass ihm diese Offenheit wichtig ist, hat auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Hammoud ist in Deutschland geboren, seine Familie stammt aus dem Südlibanon. Er kennt das Gefühl, zwischen verschiedenen Welten zu stehen und schnell einer Schublade zugeordnet zu werden. Das Nisch soll deshalb ein Platz sein, an dem Herkunft oder Religion nicht darüber entscheiden, ob jemand dazugehört.
© Annette Cardinale
Dazu passt, dass auch die Räume keine eindeutige Gebrauchsanweisung haben. Wer arbeiten möchte, setzt sich mit dem Laptop in die Lounge. Kinder verschwinden in der Spielecke. Und dann ist da das Klavier. Regelmäßig, so erzählt Hammoud, komme ein älterer Mann vorbei, der einen Schlaganfall erlitten habe. Wenn er Klavier spiele, sagt Hammoud, funktioniere vieles plötzlich wieder.
Die Wände gehören den Künstlern
Und natürlich ist da die Kunst. Alle vier Wochen wechseln im Nisch die Ausstellungen. Künstlerinnen und Künstler bekommen die Wände kostenlos zur Verfügung gestellt, organisieren ihre Präsentation weitgehend selbst und können ihre Arbeiten verkaufen. Eine Provision verlangt Hammoud nicht. „Wir müssen ja nicht von allem erwirtschaften“, sagt er. Das Nisch wolle Plattform sein, nicht Kunsthändler.
Das Konzept hat sich herumgesprochen. Bis Februar sind die Ausstellungsflächen bereits vergeben. Manche Künstler finden auf ungewöhnlichen Wegen hierher. Es seien sogar schon Künstler ins Café gekommen, erzählt Hammoud, weil ChatGPT ihnen das Nisch als Ort vorgeschlagen habe, an dem sie ihre Kunst ausstellen könnten.
Grenzen gibt es trotzdem. Kunst darf inspirieren, Emotionen auslösen und Gespräche anstoßen. Bewusst provozieren soll sie nicht. Politische, religiöse oder kulturelle Angriffe haben für Hammoud an den Wänden keinen Platz.
„Ich habe noch gar nicht daran gedacht zuzumachen. Ich habe eher daran gedacht: Wann mache ich noch mehr auf“
Betreiber Schadi Hammoud
Und wie viel Kunst verträgt der Mensch morgens auf nüchternen Magen? Offenbar einiges. Denn das Nisch öffnet unter der Woche schon um 7 Uhr, am Wochenende um 8 Uhr. Hammoud kennt frühe Arbeitszeiten aus seinem anderen Beruf: Seit 14 Jahren arbeitet er in der Notfallrettung. Ganz aufgehört hat er damit auch als Cafébetreiber nicht. Nachts übernimmt er weiterhin Dienste.
90 bis 100 Stunden pro Woche, schätzt Hammoud, verbringe er derzeit mit dem Nisch. Auf die Frage nach Urlaub oder zusätzlichen Schließtagen denkt er ohnehin in die andere Richtung: „Ich habe noch gar nicht daran gedacht zuzumachen. Ich habe eher daran gedacht: Wann mache ich noch mehr auf?“
Beirut kommt auf den Tisch
Mehr gibt es seit August auch auf den Tellern. Gestartet war das Nisch mit Kaffee, Kuchen, Croissants und anderen Backwaren. Nun nutzt Hammoud die ruhigeren Sommerferien, um die nächste Stufe auszuprobieren: einen Mittagstisch mit Gerichten, wie er sie aus dem Libanon kennt.
Hummus gehört dazu, Auberginenpüree und wechselnde warme Speisen. Vieles ist vegan – nicht einem Ernährungstrend zuliebe, sondern weil zahlreiche Gerichte der orientalischen Küche traditionell ohne tierische Produkte auskommen. Vorerst wird das Angebot zwischen 10 und 15 Uhr getestet.
© Annette Cardinale
Denn Gastronom ist Hammoud bislang nicht gewesen. „Ich habe ja nur Menschen repariert oder wiederbelebt“, sagt der Notfallretter und lacht. Nun lernt er, wie Abläufe in Küche und Café funktionieren. Unterstützt wird er von einem Kernteam. Auch die Familie springt mal ein, wenn viel los ist. Hammoud: „Wir befinden uns noch im Aufbau. Das Team soll noch wachsen.“
Auch der Kaffee bleibt wichtig: Das Nisch serviert eine eigene kräftige Mischung, regional geröstet. Schließlich soll all das, was rundherum passiert, nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Kunstcafé zunächst einmal auch ein gutes Café sein muss.
Konzertbühne und Nachbarschaftstreff
Gleichzeitig probiert Hammoud aus, was die 140 Quadratmeter noch alles können. Musikveranstaltungen gab es bereits, ebenso Geburtstage und eine Babyshower-Party. Zwei oder drei Veranstaltungen im Monat kommen inzwischen zusammen.
Vieles entwickelt sich aus dem, was Menschen an Hammoud herantragen. Zur Nachbarschaft sucht er den Kontakt ganz bewusst. Er klingelte bei den Menschen in der Umgebung, stellte sich vor und lernte nach eigener Aussage gefühlt die halbe Straße kennen. Für ihn ist Nachbarschaft keine Nebensache. In einem Mehrfamilienhaus, sagt er, lebe man zwar in seiner Wohnung – „aber man wohnt im Haus“.
Ob das Nisch nach gut einem halben Jahr bereits angekommen ist? „Das Nisch kommt an“, sagt Hammoud. „Aber es entwickelt sich noch weiter.“
Bis zum Jahresende hat er einiges vor, verraten will er noch nicht alles. Auch längere Öffnungszeiten sind denkbar. Genehmigt wäre der Betrieb drinnen sogar bis Mitternacht. Doch Hammoud will beobachten, was zum Nisch passt.
Vielleicht ist gerade dieses Unfertige ein wesentlicher Teil des Konzepts. Das Nisch ist kein bis ins letzte Detail durchgeplanter Gastronomiebetrieb. Es ist ein Ort, der sich mit seinen Gästen verändert.
Und einer, mit dem sich auch Hammouds Leben ziemlich radikal verändert hat. Ob er sich sein Leben einmal so vorgestellt habe? Nein. Aber manche Dinge, glaubt Hammoud, kommen eben, wie sie kommen sollen. Man müsse lernen, mit den Aufgaben umzugehen, die einem das Leben vor die Füße legt. Im Nisch scheint ihm das bislang ziemlich gut zu gelingen.
Kai Holoch ist freier Mitarbeiter von mawi-on und Magazin Wirtschaft.