© Annette Cardinale

Serie „Ums Stöckle“: Ein Café wie aus einer anderen Zeit

02.Juli 2026 | 9 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |
Autor:
Im Café Schurr wurden Ehen angebahnt, Freundschaften geschlossen und unzählige Torten serviert. Seit 70 Jahren ist das Haus in der Böblinger Straße das Wohnzimmer des Stuttgarter Stadtteil Heslach – eine Geschichte über Genuss, Begegnungen und die Kunst, Tradition lebendig zu halten.

Wer das Café Schurr in der Böblinger Straße 85 in Heslach betritt, macht eine kleine Zeitreise. Holzvertäfelung, warme Farben, gemütliche Sitzecken, die Theke – hier scheint die Zeit irgendwann stehen geblieben zu sein.

„Sieht aus wie in den Siebzigerjahren“ – das hört Michael A. Wulf oft. Beleidigt ist Wulf, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert Chef des Familienbetriebs ist, deshalb nicht. Ganz im Gegenteil. „Viele moderne Cafés haben die Atmosphäre eines Kühlschranks“, sagt er und lächelt. Im Café Schurr dagegen riecht es nach Butter, Vanille und im Winter auch mal nach Baumkuchen oder frisch gebackenem Stollen. Wer das neben der Konditorei in die Wohnung der Familie Wulf führende Treppenhaus betritt, weiß sofort, wo er gelandet ist. „Mensch, bei euch riecht’s immer so gut“, hört Wulf regelmäßig von Handwerkern und Besuchern.

Dieser Duft ist gewissermaßen das unsichtbare Logo des Hauses – und das seit mehr als 70 Jahren: Denn bereits 1955 eröffneten Konditormeister Willi Schurr und seine Frau Lore nach umfangreichen Umbauten die Konditorei mit Café in der Böblinger Straße. „Das Gebäude hatte zuvor einen eher zweifelhaften Ruf als ,Ami-Lokal‘“ erzählt Wulf. Ausgerechnet hier ein seriöses Tagescafé etablieren zu wollen, sei alles andere als selbstverständlich gewesen. Doch die Rechnung ging auf.

Damals war das Café Schurr weit mehr als ein Ort für Kaffee und Kuchen. In unmittelbarer Nachbarschaft lagen ein Kino, Kegelbahnen und das Heslacher Hallenbad. Nach dem Film, nach dem Kegeln oder dem Schwimmen traf man sich im Café. Faschingsbälle, Silvesterfeiern und Tanzveranstaltungen mit Live-Kapellen gehörten wie selbstverständlich zum Angebot. „Wenn die Kapelle morgens um fünf nach Hause gefahren war, haben wir den Laden kurzerhand wieder umgebaut – und um acht Uhr öffnete das Café wieder ganz normal“, erinnert sich Michael Wulf an wilde Zeiten. Und offenbar wurden dort nicht nur Torten serviert, sondern manchmal auch die Weichen fürs Leben gestellt. Immer wieder hört Wulf Geschichten von Paaren, die sich im Café Schurr kennengelernt – und später geheiratet haben.

Kino und Kegelbahn sind verschwunden – aber das Café ist geblieben

„Heute ist Heslach ein anderer Stadtteil“, sagt Wulf. Die Menschen seien andere, die Verkehrswege haben sich verändert, Kinos und Kegelbahnen sind verschwunden. Doch das Café Schurr ist geblieben. Und mit ihm ein Stück Stadtteilgedächtnis.

Michael A. Wulf ist der Enkel des Gründers und führt das Unternehmen in dritter Generation. Er ist Jahrgang 1967, hat das Handwerk von der Pike auf gelernt, seine Lehre im Café Königsbau absolviert, die Meisterschule besucht und Erfahrungen in Lindau, Garmisch-Partenkirchen und am Tegernsee gesammelt. Eis, Torten, rationelle Arbeitsabläufe – überall nahm er etwas mit nach Heslach.

Eigentlich, erzählt er, habe er schon als kleiner Junge im Betrieb mitgeholfen. In einem Café, das sieben Tage die Woche geöffnet hat, gebe es schließlich immer etwas zu tun. Kartons wegräumen, Müll entsorgen, irgendwo mit anpacken. Mit 16 oder 17 stand für ihn fest, dass er den Betrieb übernehmen würde. Seine Begründung klingt wunderbar pragmatisch: „Wenn die Steckdose am richtigen Platz ist, lässt sich`s leichter weiterwirtschaften.“

Nostalgie allein hält kein Café am Leben

Doch Nostalgie allein hält kein Café über Jahrzehnte am Leben. Hinter der traditionellen Fassade arbeitet ein Unternehmer, der in Sachen Qualität und Rohstoffe beinahe kompromisslos wirkt.

Das Ei? Aus Baden-Württemberg, mit nachvollziehbarer Herkunft. Das Mehl? Von einer Ulmer Mühle, die ihr Getreide in einem Umkreis von rund 100 Kilometern einkauft. Milchprodukte stammen aus dem Schwarzwald oder aus Hohenlohe. Die Schokolade kommt von „Original Beans“, einem Hersteller, der auf nachhaltigen Edelkakao aus Mischkulturen setzt. Und auch beim Kaffee möchte Wulf genau wissen, von welchem Fleck Erde die Bohnen stammen und ob die Produzenten fair entlohnt werden. Für ihn ist das keine Marketingstrategie: „Jeder, der hier arbeitet, muss wissen: Wir verkaufen keinen Sattmacher“, sagt er. „Wir verkaufen Genuss.“

Und genau darum geht es ihm. Die Gäste sollen mit einem Lächeln hinausgehen. Vielleicht nach einem Stück Käsekuchen. Vielleicht nach einem Eisbecher. Vielleicht, weil sie ein gutes Gespräch geführt haben. Das Café versteht Wulf als Kommunikationsort. Hier treffen sich Freundinnen, Familien oder ältere Menschen, die einfach ein bisschen Kontakt suchen. „Manchmal setzen sich Menschen zu anderen Gästen, weil sie nicht allein sein möchten“, sagt Wulf. Das Kaffeehaus als sozialer Ort – eine Idee, die fast altmodisch wirkt und gerade deshalb erstaunlich modern ist.

Das Café Schurr funktioniert wie ein gutes Wohnzimmer

Und bis heute lebt das Café von einer besonderen Mischung seiner Gäste. Da sind die Stammkunden, die seit Jahrzehnten kommen, an Weihnachten selbstverständlich ihren Stollen kaufen, zu Ostern ihre Hasen und zu Familienfesten „ihre“ Torte bestellen. Und da sind die Zufallsbesucher: Menschen aus Vaihingen, aus dem Westen oder Spaziergänger, die zufällig hereinschauen und wegen der Atmosphäre wiederkommen. Das Café Schurr funktioniert wie ein gutes Wohnzimmer: Man kann verabredet kommen – oder unverhofft Gesellschaft finden.

Dazu passt auch die Produktphilosophie. Alte Rezepte werden bewahrt, aber weiterentwickelt. Weniger Zucker, vegane Angebote, zuckerreduzierte Produkte oder neue Trends wie Matcha – verschließen könne man sich dem nicht: „Wer nicht mit der Zeit gehe, geht mit der Zeit“, sagt er und lacht über das Wortspiel.

Deshalb steht hinter der nostalgischen Einrichtung ein erstaunlich zeitgemäßer Betrieb. 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen dafür, dass das Café an sieben Tagen in der Woche geöffnet bleiben kann. Wulf selbst beginnt seinen Arbeitstag um sechs Uhr morgens in der Backstube. Feierabend ist oft erst gegen 18 Uhr, wenn alles gereinigt, versorgt und die Produktionsliste für den nächsten Tag geschrieben ist.

Gelingt auch der Übergang in die vierte Generation?

Worauf er stolz ist? „Dass das alles immer noch funktioniert“, sagt er, „dass der Laden läuft.“ Dass man die Qualität halten kann. Dass man auf Sonderwünsche eingehen kann. Und dass die Konditorei Schurr auch nach 70 Jahren noch ein Ort ist, an dem man sich Zeit nimmt – für Handwerk, für Genuss und für Begegnungen.

Die Zukunft? Die vierte Generation ist bereits da, auch wenn noch offen ist, ob sie den Weg weitergehen wird. Michael A. Wulf selbst hat jedenfalls noch Ideen. Er träumt von einer Art Showroom oder kleinem Museum, in dem die Menschen sehen können, wie viel Handwerkskunst hinter einer Torte steckt und warum frische Ware eben nicht aus der Schublade gezogen werden kann.

Bis dahin genügt ein Besuch im Café Schurr. Man setzt sich ans Fenster, bestellt ein Stück Kuchen und schaut hinaus auf die Böblinger Straße. Und plötzlich wirkt die Vorstellung gar nicht mehr so abwegig, dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Michael A. Wulf formuliert es so: „Das Café Schurr bewahrt alte Traditionen, ist aber offen für moderne Techniken und neue Trends.“

© Annette Cardinale
Kuchen und Torten aus eigener Herstellung sind für das Heslacher Café eine Selbstverständlichkeit.
gefällt Ihnen unser Artikel?

Seite teilen

Mehr zum Thema

Push-News erhalten? JA NEIN