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Stuttgarter Blockbrain baut Firmen ein Gedächtnis
24.Feb. 2026 | 5 Min. Lesezeit | Digitalisierung, KI, Start-Ups |Autor: Walter Beck
Was passiert mit Wissen, das über Jahrzehnte gewachsen ist, aber fast ganz im Kopf eines Einzelnen steckt? Diese Frage stellte sich bei Afriso, einem Haustechnik-Spezialisten aus Güglingen, als der langjährige Serviceleiter in Rente ging. Die Lösung lieferte das Stuttgarter Startup Blockbrain. Mit seiner Hilfe entstand ein digitaler Zwilling des ausscheidenden Managers. Die Datengrundlage: E-Mails aus dem Arbeitsalltag, ergänzt durch strukturierte Interviews. Heute können Mitarbeiter Fragen per Chat oder Sprache stellen – und erhalten Antworten, die auf den Erfahrungen ihres früheren Servicechefs beruhen.
„Uns geht es darum, Wissen so verfügbar zu machen, dass es im Alltag wirklich hilft“, sagt Blockbrain-Gründer Antonius Gress. Das Startup aus dem Stuttgarter Westen entwickelt digitale Zwillinge, KI-Agenten und KI-Assistenten für Unternehmen – also wissensbasierte Modelle realer Personen oder Funktionen. Damit wird Erfahrungswissen dauerhaft verfügbar und nutzbar gehalten.
Sicherheit als Verkaufsargument
Gress (38), ist Ingenieur für Energietechnik und stammt aus Franken. Bei Bosch entwickelte er unter anderem eine interne Suchmaschine für den Einkauf. Zwischenzeitlich gründete er auch zwei eigene Unternehmen, die sich nicht durchsetzten – anders als das interne Startup für die konzernweite Digitalisierung von Geschäftsprozessen, das er nach seiner Rückkehr zu Bosch aufbaute: Die Gründung wuchs innerhalb weniger Jahre auf mehrere hundert Mitarbeiter.
2021 lernte Gress im privaten Umfeld Mattias Protzmann kennen, auch er ein erfahrener Gründer, der unter anderem das Online-Portal Statista auf den Weg gebracht hatte. Sie entdeckten ihre gemeinsame Faszination für Daten – und für die Frage, wie sich aus Informationen belastbares Wissen generieren lässt. Ein Jahr später folgte die Gründung von Blockbrain in Stuttgart.
Das Afriso-Projekt zeigt nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Risiken solcher Systeme. Wer hat Zugang zu welchem Datenkreis? Welche Antworten verlassen das Unternehmen? Gress bezeichnet dies als einen der sensibelsten Punkte bei digitalen Zwillingen: „Wenn man die Grenzen nicht genau definiert, wird es schnell zum Sicherheitsproblem.“ Blockbrain setzt deshalb auf fein abgestufte Zugriffsrechte und klar definierte Datenräume. Das Unternehmen arbeitet mit mehreren Anwaltskanzleien zusammen und kooperiert mit dem Münchner Sicherheitsanbieter Giesecke+Devrient, der sich inzwischen an dem Startup beteiligt hat.
Routine auslagern ohne Verantwortung abzugeben
Digitale Zwillinge kommen bei Blockbrain nicht nur zum Einsatz, wenn Mitarbeiter ausscheiden. Bei der Ulmer Seifert Logistics Group ließ Geschäftsführer Axel Frey einen digitalen Zwilling von sich selbst erstellen, um wiederkehrende Rückfragen zu reduzieren. Das Projekt sorgte in den Medien für Aufmerksamkeit („KI klont den Chef“) – auch weil es zeigte, dass KI-Zwillinge zur Entlastung dienen können: Routine lässt sich auslagern, ohne Verantwortung abzugeben. Wie gut das funktioniert, hängt allerdings von der Qualität und Pflege der zugrunde liegenden Daten ab.
Blockbrain arbeitet nach eigenen Angaben für rund 100 Kunden. Dazu zählen Beratungsunternehmen wie Roland Berger sowie Industrieunternehmen wie Eberspächer, Sick, Fischer-Dübel und Bosch. Viele Neukunden kämen über Empfehlungen. Das Team ist in den ersten vier Jahren auf etwa 50 Mitarbeiter gewachsen, Zum Führungsteam ist Nam Hai Ngo gestoßen. Allein 2025 habe sich der Umsatz verfünffacht, sagt Gress, die Lizenzeinnahmen liegen bei rund 3,5 Millionen Euro. Den Break-even strebt das Unternehmen derzeit nicht an. „Wir steuern bewusst noch nicht auf Profitabilität zu, weil wir in einer klaren Wachstumsphase sind.“
Europäische KI im Wettbewerb mit US-Plattformen
Finanziert wird Blockbrain durch eine Bank sowie mehrere Corporate-Investoren. In der jüngsten Finanzierungsrunde im Dezember stiegen weitere Geldgeber aus Deutschland, der EU und Großbritannien ein. Interesse aus den USA gab es ebenfalls, das Startup will jedoch europäisch bleiben.
Mit digitalen Zwillingen und KI-Agenten bewegt sich Blockbrain in einem Markt, der von großen Plattformanbietern wie Microsoft oder OpenAI geprägt wird. Warum Gress trotzdem glaubt, mithalten zu können? „Entscheidend ist nicht so sehr die Größe, sondern die Ausrichtung auf Datensouveränität, Sicherheit und unternehmensspezifische Integration“, sagt der Gründer: „Bisher fällt es uns nicht schwer, unsere Kunden damit zu überzeugen.“
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