© GettyImages
Startups aus der Region Stuttgart
11.Sep. 2026 | 25 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft, Start-Ups |Autor: Dr. Annja Maga
© Maga/IHK
Table of Contents
Hier finden Sie noch einmal die Geschichten, die wir 2024 im Magazin Wirtschaft über Startups aus der Region Stuttgart veröffentlicht haben.
Im Tandem zur Übergabe
Ein bemerkenswerter Nachfolgeprozess rettet ein alteingesessenes Fahrradgeschäft in Süßen
„Wie siehts aus? Möchten Sie nicht bald in Rente gehen? Und was wird dann aus Ihrem Fahrradgeschäft?“ Solche Fragen haben das Potenzial zu schwerer Kränkung. In unserem Fall stehen sie aber am Beginn eines gelungenen Nachfolgeprozesses.
Gestellt hat sie Massimiliano Mastrosimone. Der 49-Jährige ist quasi auf dem Zweirad aufgewachsen. Schon als Kind cruiste er damit durch das Filstal und später fuhr er Radrennen. Wenn etwas defekt war, ging er zu Hans-Georg Köder in dessen kleinen Fahrradladen mitten in Süßen. Eben jenem Hans-Georg Köder, dem er später die obige Frage stellte.
Köder, heute 65 Jahre alt, hatte sich tatsächlich schon Gedanken über seinen Ruhestand gemacht. Mastrosimone schlug ihm vor, „drei Jahre arbeite ich für Sie, dann kommt der Wechsel.“ Das überzeugte Köder, denn schließlich hatte sein zukünftiger Kompagnon 20 Jahre lang eine Handelsvertretung für Fahrräder geführt und bis 2016 ein eigenes Radgeschäft mit Werkstatt in Salach betrieben. 2022 gründeten sie darum zusammen die KM Sports GmbH in Süßen, wobei KM für ihre Initialen steht.
Wie siehts aus? Möchten Sie nicht bald in Rente gehen?
Warum hat Mastrosimone nicht einfach wieder ein eigenes Geschäft eröffnet? „Ich wollte gern die Marke Cube verkaufen. Die arbeitet aber nur mit Händlern zusammen, die schon einen gewachsenen Kundenstamm haben, so wie Herr Köder“, erklärt er. Außerdem verlangt das Unternehmen aus dem bayerischen Waldershof eine Verkaufsfläche von mindestens 650 Quadratmetern.
Weil auch noch eine Vororder für 2000 Fahrräder abgegeben werden musste, war der Finanzbedarf beträchtlich. Ein entsprechender Bankkredit wurde auch relativ schnell bewilligt. Das verdankt das Startup der IHK in Göppingen.
Mit ihrem ersten Businessplan war die Bank nämlich gar nicht zufrieden und schickte die beiden darum zur Bezirkskammer in die Jahnstraße. „Viele Gründer tragen zwar alle wichtigen Informationen zusammen, sie denken aber nicht daran, diese explizit und an der richtigen Stelle aufzuführen“, stellt Gründungsberater Kai Bartsch immer wieder fest. Bei KM Sports kam zum Beispiel der etablierte Kundenstamm gar nicht vor und auch nicht die verkehrsgünstige Lage des neuen Geschäfts in der Tobelstraße.
Zudem wurde bemängelt, dass die Rentabilitätsvorschau und die Wettbewerbssituation fehlten. Aber auch da konnte die IHK helfen, wie Bartschs Kollegin Stefanie Suppan erzählt: „Die IHK erstellt regelmäßig Kaufkraftanalysen. Damit konnten wir belegen, dass im Landkreis tatsächlich ein Markt für den Cube-Store vorhanden ist.“ Auch bei der Firmierung habe die IHK beraten.
Trotz der schnellen Zusage dauerte es jedoch ein Jahr, bis das Geld auf dem Konto war. „Ohne das Kapital, das Herr Köder eingebracht hat, hätten wir die Zeit nie überstanden!“, seufzt Mastrosimone und legt allen Gründern dringend nahe, solche Zeitspannen auf dem Schirm zu haben.
Köder hat 90 Prozent des Kapitals eingebracht, Mastrosimone zehn. Beide sind geschäftsführende Gesellschafter und zahlen sich das gleiche Gehalt aus. Die Arbeit haben sie sich aufgeteilt: Köder ist hauptsächlich für die Buchführung zuständig, Mastrosimone für die elf Mitarbeiter, die Werkstatt und den Laden. Alle halbe Jahre kauft er Köder Anteile ab, bis Ende 2024 das Verhältnis 50:50 betragen wird. Dann will Köder sich zur Ruhe setzen und sein Kompagnon ganz übernehmen.
Und wie sieht der das Gründungs-Abenteuer? „Man ist schon sehr stolz, was wir hier alles geschaffen haben“, erzählt er, „aber wenn die Bürokratie wieder zuschlägt, denkt man schon, musste das jetzt noch mal sein?“
Dr. Annja Maga, Redakteurin Magazin Wirtschaft für Magazin Wirtschaft 1-2.2024
Work-live-balance auf vier Rädern
Die Brüder Gregory und Adrian Auracher perfektionieren das mobile Arbeiten
© Auracher
„Umstieg zum Mobility Hub möglich“: Wer mit der S-Bahn Richtung Stuttgarter Flughafen fährt, hört diese Durchsage an der Station Vaihingen. Aber eigentlich würde sie viel besser zum nächsten Halt in Oberaichen passen…
Denn dort gibt es etwas, für das das Wort Mobility eigentlich erfunden sein müsste: Die GbR „Work`nRoll“ der Brüder Adrian und Gregory Auracher. Die beiden bauen Transporter zu mobilen Büros aus, die ihren stationären Pendants vielleicht an Platz, jedoch nicht an Komfort nachstehen.
Ein Knopfdruck genügt, dann fährt das WLAN hoch, das über Starlink läuft und darum überall in Europa funktioniert – selbst dort, wo das Handy keinen Empfang hat. Danach wird der 20-Zoll-Bildschirm aus der Halterung gezogen, Maus und Tastatur in Position gebracht und auf dem ergonomischen Bürostuhl Platz genommen. Oder doch lieber am höhenverstellbaren Schreibtisch? Dann hätte man bei geöffneter Heckklappe einen grandiosen Ausblick. Jedenfalls wenn man nicht gerade auf dem Hof der Schreinerei Auracher steht, wo die „Workation“-Fahrzeuge entwickelt und ausgebaut werden.
Bisher war noch
keiner da, der nicht mindestens einen
Doktor hat
Dort in der elterlichen Schreinerei hat der 25-jährige Gregory sein Handwerk gelernt. Sein drei Jahre älterer Bruder Adrian absolvierte zunächst ein duales BWL-Studium im Handel und arbeitete danach mehrere Jahre im Vertrieb. Während Corona kehrte er in den Betrieb zurück und ist dort seither für alles Digitale zuständig, insbesondere für die CNC-Maschinen.
© Auracher
Die Pandemie war es auch, die die beiden auf die Idee brachte, Office-Camper zu bauen: „Die eine Hälfte unserer Freunde packte damals ihre Camper, um im Süden mobil zu arbeiten, die andere Hälfte träumte davon, hatte nur kein passendes Gefährt“, erzählt Adrian Auracher.
Da die Brüder bereits mehrere Caravans gemeinsam ausgebaut hatten, um damit an sämtlichen Küsten Europas zum Kitesurfen zu fahren, wussten sie, was man braucht, um sich wohlzufühlen. Die Herausforderung bestand darin, auf der doch sehr begrenzten Fläche ein komfortables Wohnmobil mit einem vollwertigen Büro zu kombinieren.
Eine Art Tetris war nötig, um wirklich alles so kompakt und multifunktional wie möglich zu designen. Beim Tüfteln fand sich sogar Platz für zwei Blumentöpfe. Aber auch ein Hängefach im Schrank für die Business-Kluft passte in den Camper.
Aurachers machen alles selber: die passgenauen Schreinerarbeiten sowieso, aber auch Strom, Gas und Wasser. Sogar die Batterien bauen sie aus Kostengründen in Oberaichen.
Vier bis fünf Tage ist man damit autark, wenn die Sonne nicht scheint. Ansonsten reicht die Energie dank der Solarmodule unbegrenzt. Nur mit dem Wasser könnte es knapp werden. Das wäre allerdings sehr schade, denn die Dusche ist so gestaltet, dass selbst 1,98-Meter-Mann Gregory sie bequem nutzen kann.
Inzwischen gibt es fünf Office-Camper die seit Sommer vermietet werden. Wer sind die Kunden? „Bisher war noch keiner da, der nicht mindestens einen Doktor hat“, staunt Adrian und ist auch von der Altersklasse überrascht: „Eigentlich haben wir mit jungen Paaren so um die 30 gerechnet, bisher waren aber alle 50+“.
Die Kunden finden das Angebot über Online-Plattformen. Doch das Vermietungsgeschäft ist aufwendig, zumal die beiden jungen Männer noch zu je 80 Prozent in der Schreinerei arbeiten, um ihre Idee zu finanzieren. Deshalb würden sie die Office-Camper gern an Firmen verkaufen, die sie wiederum als Incentive zur Mitarbeiterbindung nutzen. Ideal sind sie aber auch für Außendienstler.
Für die Eltern Auracher ist es natürlich ein Glück, dass die Söhne in ihre Fußstapfen treten. Aber das Geschäft traditionell weiterführen und immer in Oberaichen bleiben – für Mittzwanziger ist das nicht gerade der Lebenstraum. „Wir waren uns einig, dass wir das Geschäft nicht traditionell weiterführen wollen, sondern auch mal wegwollten“, erinnert sich Adrian Auracher. Doch ausgerechnet für die Brüder klappt das nun wohl nicht mehr: „Ich glaube, wir in unserem Job können nicht länger aus einem Wohnmobil herausarbeiten“, seufzt er.
Dr. Annja Maga, Redakteurin Magazin Wirtschaft für Magazin Wirtschaft 3-4.2024
Authentizität ist Trump
Startup Kevin Scheuing und Björn Steiner wollen Mitarbeiter zu LinkedIn-Influencern schulen
© Maga/IHK
„Wenn ein junger Mann ein Mädchen kennengelernt hat und ihr sagt, was für ein großartiger Kerl er ist, so ist das Reklame. Wenn er ihr sagt, wie reizend sie aussieht, so ist das Werbung. Aber wenn das Mädchen sich für ihn entscheidet, weil sie von anderen gehört hat, was für ein feiner Kerl er wäre, dann ist das Public Relations.“
Was Bankier Alwin Münchmeyer für das Liebesleben postulierte, das funktioniert auch im zweiten großen Lebensbereich, der Arbeit. Davon sind zumindest Kevin Scheuing und Björn Steiner überzeugt. Ihre Firma Reputable People will deshalb Arbeitnehmer zu Corporate Influencern schulen, die auf ihrem LinkedIn-Auftritt positive Einblicke in ihren Arbeitsalltag geben. Profitieren soll davon das Dreieck aus HR, Vertrieb und Marketing, denn es geht sowohl ums Recruiting als auch um den Verkauf und die „Brand-Awareness“.
„Viele kaufen teure Influencer, um das zu erreichen. Das funktioniert aber nicht, weil es nicht authentisch ist und man sowieso schon von inhaltsleerem Content überflutet wird“, sagt Steiner. Die Gründer haben darum ein Programm entwickelt, mit dem Mitarbeiter in die Lage versetzt werden, bei LinkedIn „das Unternehmen glänzen zu lassen“, wie Scheuing es formuliert. Das sei nicht nur wirksamer, sondern auch noch wesentlich günstiger.
Man muss die guten Unternehmen
auch scheinen
lassen.
Einer der ersten Kunden war die Mercedes Benz AG Nord. Dort durchliefen 23 Verkaufsmitarbeiter das zwölfwöchige Programm. „Vorher hatten sie zusammen ungefähr 1000 Follower, jetzt sind es 25.000, und jeder Post hat zwischen 1000 und 5000 Impressions“, freut sich Scheuing. Dabei hält sich der Aufwand für die Mitarbeiter in Grenzen: „Wenn man einmal pro Woche postet und dafür circa 20 Minuten investiert, reicht das“, weiß Steiner aus Erfahrung.
Auch der Kurs selbst ist nicht so aufwändig, wie es klingt: Das meiste erfolgt online. Für den Inhalt sorgen unter anderem ein Rechtsanwalt, ein Kommunikationschef und ein Chefredakteur.
Allerdings sind nicht nur die Inhalte wichtig für den Erfolg der Schulung, sondern auch die Ermutigung: „Viele Kursteilnehmer haben erst einmal Sorge, ihre Posts seien nicht perfekt oder sie hätten nur Banales zu sagen. Da müssen wir sehr viel moderieren“, erzählt Scheuing. Denn gerade die ungekünstelte Echtheit der Posts macht ja ihren Reiz aus: Authentizität ist Trumpf!
Dafür steht auch der Firmenname, denn das englische „Reputable“ bedeutet laut Übersetzungs-App so viel wie angesehen, seriös, achtbar, anständig, respektiert. Gepostet wird vom privaten Account. Doch muss das Unternehmen bei so viel Eigenmarketing nicht fürchten, dass seine besten Leute abgeworben werden? „Im Gegenteil, dadurch setzen sich die Mitarbeiter viel mehr mit ihrer Arbeit und ihren Kollegen auseinander. Das bindet“, ist Scheuing überzeugt.
Die Gründer sind ein ungleiches Duo: Der 33-jährige Scheuing ist gelernter Automobilkaufmann mit zehnjähriger Erfahrung als Verkaufsleiter und davor als Hochgebirgsspäher beim Bund einschließlich Afghanistan-Einsatz. Der 50-jährige Steiner ist Kommunikationswissenschaftler und blickt auf einen „wilden Lebenslauf“ zurück, wie er sagt – unter anderem als Clubbetreiber und Manager von Sportstars.
Kennengelernt haben sie sich bei Brainhouse, einem Startup, das neue Arbeitswelten kreiert. Brainhouse hat seinen Hauptsitz in Hannover, wo beide für zwei Jahre „hingebeamt“ wurden. Eigentlich stammen sie aus der Region Stuttgart und wissen deshalb, dass es hier schon viele tolle Arbeitswelten gibt. „Aber man muss die guten Unternehmen auch scheinen lassen“, sagt Scheuing. Genau das wollen sie mit ihrer Neugründung erreichen.
Reputable People soll richtig groß werden, so groß, dass die aktuellen Büroräume in Winterbach bald nicht mehr reichen werden. Noch dieses Jahr soll eine GmbH daraus werden und sechs Mitarbeiter hinzukommen. Denn die Macher sind überzeugt, „in drei bis vier Jahren braucht uns jedes Unternehmen“.
Dr. Annja Maga, Redakteurin Magazin Wirtschaft für Magazin Wirtschaft 9´7-9.2024
© UV Energy
Schlüsselfertiges Solarkraftwerk
Ein junges Böblinger Unternehmen errichtet Solardächer in Modulbauweise. Der Einsatz auf Parkplätzen soll so einfacher und billiger werden
Ein immer größerer Anteil des Stroms kommt aus Photovoltaikanlagen – vor allem im Südwesten. Solarparks nehmen jedoch Flächen in Anspruch, die dann für Landwirtschaft, Gewerbe oder Wohnen nicht mehr zur Verfügung stehen – es sei denn, sie können doppelt genutzt werden. Deshalb müssen Unternehmen in Baden-Württemberg neuerdings ihre Parkplätze mit Solardächern ausrüsten, wenn diese 35 Stellplätze oder mehr haben.
Die betroffenen Unternehmen können so eigenen Strom aus regenerativen Quellen erzeugen. Allerdings sind die Investitionen hoch, die Planungs- und Genehmigungsprozesse lang. Zudem kann der Parkplatz während der Bauzeit nicht oder nur eingeschränkt benutzt werden. „Oft dauert es bis zu 14 Monate vom Planungsbeginn bis zur Bauabnahme“, sagt Felix Gerhardt, Gründer des Startups UV Energy GmbH in Böblingen. „Zudem muss man mit einer achtwöchigen Sperrung des Parkplatzes rechnen.“
© UV Energy
Gerhardt und sein Gründungspartner Steffen Theurer wollen diesen Prozess auf allen Ebenen beschleunigen. Das modulare Photovoltaik-System für Parkplätze, mit dem das Startup jetzt auf den Markt drängt, besteht aus vorgefertigten Einzelelementen, die konstruktionsbedingt in sich standfest sind. Nur um Sturm und Schneelast vorzubeugen, werden sie noch zusätzlich mit Erdschrauben im Boden verankert. Ein Fundament, wie bei herkömmlicher Bauweise üblich, muss nicht gegossen werden.
Das spart Kosten und Zeit
„Das spart Kosten und Zeit“, sagt Gerhardt. Durch das Baukastenprinzip sind die Solarelemente für jede Parkplatzgröße geeignet. Rund 20 Systeme können mit einem Lkw angeliefert und schnell montiert werden. „Das Ganze dauert in der Regel einen Tag, schon nach zehn Minuten können Sie den ersten Parkplatz wieder benutzen.“
Die Gründer, die ihre Aktivitäten vom Böblinger Startup-Center AI-Express aus steuern, sind sich sicher, binnen drei bis sechs Wochen nach Anfrage ein komplettes Projekt umsetzen zu können, sobald die Prozesse und Lieferanten erst einmal aufeinander abgestimmt sind. Mittels einer KI-basierten Software könnten in Minutenschnelle konkrete Angebote mit Flächenaufteilung, Materialbedarf und zu erwartendem Stromertrag erstellt werden.
Vor allem aber müsse man die Genehmigungsverfahren in den Blick nehmen, so Gerhardt. Denn die dauern derzeit noch Monate. Auch diese Engstelle wollen Gerhardt und Theurer auflösen, indem sie sich die modulare Bauweise zertifizieren lassen. Ähnlich wie bei bestimmten Prozessen in der Autoindustrie könne dann eine individuelle Baugenehmigung entfallen.
Soweit ist es noch nicht. Aber immerhin haben die Böblinger ihr erstes Pilotprojekt Ende 2023 erfolgreich abgeschlossen: Den Parkplatz des Automatisierungsspezialisten Synapticon im nahen Schönaich. Dessen Inhaber Nikolai Ensslen unterstützt UV Energy im Softwarebereich und ist an dem Startup beteiligt – gemeinsam mit Till Reuter, Chef des Augsburger Industrieroboterherstellers Kuka, dem ehemaligen Wirtschaftsminister Walter Döring und dem Startup-Fonds der L-Bank, BW Preseed.
Weitere Projekte sind in der Pipeline. Viel Potenzial sehen die Gründer zum Beispiel bei Einzelhandelsunternehmen mit ihren ausgedehnten Parkplätzen meist zu ebener Erde. Ihnen möchte das fünf Personen starke Unternehmen seine „schlüsselfertigen Solarkraftwerke“ schmackhaft machen. Wobei die Kunden zwischen zwei Modellen wählen können: Entweder sie erwerben die gesamte Anlage und sind von da an selbst für deren Betrieb verantwortlich. Oder sie überlassen sie den Böblinger Gründern, die damit als Energieversorger fungieren.
Das klingt einfach. Zu einfach? Die beiden Startup-Gründer sind keine Greenhorns. Während sich Gerhard seit zehn Jahren mit Solarenergie beschäftigt und mit der Solavinea GmbH schon einmal ein erfolgreiches Unternehmen mit aufgebaut hat, bringt Theurer mehr als 25 Jahre Erfahrung im Design und Prototypenbau mit sich. Geht ihr Konzept auf, könnte dies den Einstieg in die Energiewende für viele Unternehmen leichter und billiger machen.
Walter Beck Redakteur Magazin Wirtschaft für Magazin Wirtschaft 9-10.2024
© IHK/Maga
Halb Kalifornien – halb Stuttgart
Das Startup Waveye will mit Radarsensoren autonomes Fahren und Robotik voranbringen
Autonome Roboter und Fahrzeuge sind ein Zukunftsthema. Doch wie bringt man ihnen bei, ihre Umgebung mindestens so sorgfältig „im Blick“ zu haben wie ein Mensch es kann? Bisher kommen Kameras und Lidarsensoren zum Einsatz. Doch bei schlechtem Licht oder Wetter haben sie ihre Grenzen.
Hier setzt das Startup von Gor Hakobyan an. Es heißt Waveye, denn es will Roboter und autonom fahrende Autos dank (elektromagnetischer) Wellen das „Sehen“ beibringen. Radare können nämlich ihr Umfeld robuster wahrnehmen als Kameras – unabhängig von den Sichtverhältnissen.
Und sie durchdringen auch den Plastikdeckel der Box, die das eigentliche Produkt von Waveye ist. Wenn man es nicht wüsste, könnte man sie für eine Vesperbox halten. „Drinnen sind nur etwas Kupfer und ein paar Chips“, lächelt Hakobyan. Deswegen, und das ist der zweite Vorteil gegenüber anderen Systemen, ist sie relativ günstig zu produzieren. Das eigentliche Geheimnis sieht man der unscheinbaren Box natürlich nicht an. Es ist aber der USP von Waveye: die Algorithmen zur Verarbeitung der Signale, die die hochauflösende Radarbildgebung erzielt.
Hakobyan hat in Offenburg und München Kommunikationstechnik studiert. Seine Masterarbeit schrieb er bei BMW über Fahrerassistenzsysteme. Schon damals gefiel ihm das Thema „super“ – und erst recht, als er dazu bei Bosch promovierte und anschließend als Forschungsingenieur Erfindungen machte, aus den über 100 Patentanmeldungen entstanden. Sein Spezialwissen blieb in der Community nicht unbemerkt, und so wurde er zu einem „invited talk“ an die kalifornische Stanford-Universität eingeladen.
Schon damals interessierte ihn die Startup-Welt, doch es fehlte ihm die nötige Expertise im Bereich Unternehmensführung und Chip-Design. In Kalifornien lernte er zwei Gleichgesinnte kennen, die genau das mitbrachten, was er suchte: Levon Budagyan, der sein vorheriges Unternehmen gerade für mehr als 100 Millionen verkauft hatte und eine neue Geschäftsidee suchte, sowie Dr. Narek Rostomyan, ein Chip-Design-Spezialist. „Als alle Puzzleteile beisammen waren, haben wir Waveye gegründet“, erzählt Hakobyan. Zunächst im kalifornischen Palo Alto. Doch schon 2023, also ein Jahr später, entstand die Tochter-GmbH in Stuttgart.
Warum dieser Spagat? „Hier gibt es eine extrem starke Expertise in Sachen Radar“, erklärt Hakobyan. Andererseits sei es aber nicht in Frage gekommen, nur in Stuttgart zu gründen: „Bei der Softwareentwicklung ist Deutschland nicht so stark wie zum Beispiel das Silicon Valley“, erklärt er. Der gebürtige Armenier hat auch eine Vermutung, warum das so ist: „In Deutschland geht man erst auf den Markt, wenn alles perfekt ist. Das passt nicht zum iterativen Vorgehen in der Softwareentwicklung“.
Der kontinentale Spagat hat aber noch einen zweiten Vorteil: „Wenn wir einen Bug entdecken, melden wir den nach Palo Alto, und wenn wir am nächsten Morgen aufwachen, ist er schon gefixt“, lacht er. Auf diese Weise habe man eine Kundendemo in einer Woche auf die Beine gestellt, „weil wir wortwörtlich rund um die Uhr arbeiten. Ein Großunternehmen hätte dafür sechs Monate gebraucht“, ist er überzeugt.
Aktuell ist das junge Unternehmen mit dem „Produktivieren“ beschäftigt, also damit, aus seinen Ideen ein Produkt zu machen. In fünf Jahren, davon ist Hakobyan überzeugt, wird Radar – als Ergänzung zu Kameras – ein Muss für autonome Fahrzeuge und Roboter sein.
Deutschland muss kompetitiv bleiben, sonst gehen die Leute mit Ehrgeiz weg!
„Wir als Unternehmen wollen dann soweit sein, dass wir sehr leistungsfähige Radare bieten, die ihre Umgebung zuverlässig erkennen.“ Das werde es zum Beispiel erlauben, mit Robotern enger, weil kollisionsfrei zusammenzuarbeiten. Dies alles unter Privacy-preserving, denn das System sieht zwar, dass es eine Person „auf dem Radar hat“, aber nicht, wer es ist.
Noch sitzt Waveye im Startup-Hub „Arena 2036“ auf dem Stuttgarter Unigelände. Dort profitiert es von der Nähe zu anderen Startups, vor allem zu den vielen Firmen, die sich mit Robotik befassen. Den Standort weiß Hakobyan zu schätzen, doch er mahnt: „Deutschland muss kompetitiv bleiben, sonst gehen die Leute mit Ehrgeiz weg!“
Der 33-jährige träumt davon, dass sich auch durch seinen Beitrag „the Länd“ zu einem führenden Standort im Bereich Robotik und autonomer Systeme entwickelt.
Dr. Annja Maga, Redakteurin Magazin Wirtschaft für Magazin Wirtschaft 11-12.2024
Sie haben selber ein Startup gegründet? Dann finden Sie hier wertvolle Informationen: Was ist zu beachten, wenn Sie ein Unternehmen gründen wollen? – IHK Region Stuttgart
Wie es mit den Startups von 2024 weiterging, lesen Sie hier.
Gefällt Ihnen unser Artikel?
Seite teilen