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Serie „Ums Stöckle“: Wo hinter jeder Flasche eine Geschichte steckt

25.Aug. 2026 | 13 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |
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Der Name hat historische Gründe: Im Mon Petit Café in der Cannstatter Altstadt dreht sich heute vieles um außergewöhnliche Craft-Biere und rund 200 Sorten Gin. Inhaber Christian Markl kennt fast jede Flasche – und findet manchmal sogar über das Abendessen seiner Gäste heraus, was ihnen schmecken könnte.

Wer im Mon Petit Café in der Bad Cannstatter Küblergasse 3 einen Kaffee bestellt, macht prinzipiell nichts falsch. Der Kaffee ist exzellent, kommt aus einer Stuttgarter Rösterei, und Inhaber Christian Markl bereitet ihn an einer hochwertigen Siebträgermaschine zu. Allerdings sollte man sich vom Namen nicht täuschen lassen. Denn das Mon Petit Café ist längst viel mehr Bar als Café. Und wer hier nur einen Cappuccino trinkt, könnte verpassen, was diesen etwas versteckten Ort in der Cannstatter Altstadt so besonders macht.

Rund 200 verschiedene Gins stehen derzeit zur Auswahl. Dazu kommt – neben dem üblichen Bar-Getränkeangebot eine ständig wechselnde Auswahl an Craft Beer aus Deutschland, Europa und Übersee. Manches ist so sauer, dunkel oder ungewöhnlich gebraut, dass Markl erst einmal erklären muss, was da eigentlich ins Glas kommt.

Was er ausgesprochen gerne tut: „Du musst dein Produkt kennen, um es verkaufen zu können“, sagt Markl. Dabei sei es egal, ob jemand Tische, Autos, Blumen oder eben Bier und Gin anbiete. Rund 90 Prozent seiner Gins kennt Markl so genau, dass er erklären kann, wie sie schmecken, woher sie kommen und was sie besonders macht.

Christian Markl, Inhaber des pétit Café Cannstatt, auf einer Couch sitzend. © Annette Cardinale
Christian Markl war ursprünglich Stammgast – dann übernahm er das Lokal selbst.

Das Mon Petit Café findet man in einem alten Stall in einer ruhigen Gasse der Cannstatter Altstadt. Backstein, Holz und Eisen prägen den Raum. Es ist ein Ort, den man nicht unbedingt zufällig entdeckt. Für die Laufkundschaft sei die Lage schwierig, sagt Markl. Dafür ist es hier ruhig, und im Sommer weht oft eine kleine, kühlere Brise durch die Straße. Drinnen sorgt eine Klimaanlage für gute Luft. Und überhaupt: Viele Gäste kommen längst ganz gezielt.

Vor 13 Jahren wurde das Mon Petit Café tatsächlich als Tagescafé gegründet. Daher der Name. Markls Vorgänger nahm später Craft Beer ins Sortiment, dann kam Gin hinzu. Das Café öffnete immer später und entwickelte sich allmählich zur Bar. Markl erlebte diesen Wandel zunächst auf der anderen Seite des Tresens: als Stammgast.

Dass er eines Tages selbst dahinterstehen würde, war nicht geplant. Markl  ist gelernter Buchbinder, kam aus der Nähe von Darmstadt für die Meisterschule nach Stuttgart und arbeitete anschließend 15 Jahre für einen Hersteller von Buchbindemaschinen, die meiste Zeit im weltweiten Außendienst. Die Gastronomie hatte ihn allerdings schon lange gereizt. Irgendwann ermutigte ihn seine Frau: „Dann geh halt mal ein Risiko ein.“

Während der Corona-Zeit suchten beide nach Räumen für ein eigenes gastronomisches Konzept. Eine Neugründung erwies sich aber schnell als kaum finanzierbar. Die Idee war schon fast wieder vom Tisch.

Bis er eines Tages am Mon Petit Café vorbeikam und dort eine noch verpackte Couch entdeckte, die vor dem Eingang stand. Markl fiel in diesem Moment spontan ein, dass der Besitzer schon mal über einen Verkauf nachgedacht hatte, und schrieb ihm, ob er inzwischen verkauft habe? Hatte er nicht, wollte er aber immer noch. „Die Couch ist schuld“, sagt Markl heute und lacht.

2022 übernahm er das Mon Petit Café und entwickelte Öffnungszeiten, Karte und Sortiment nach und nach weiter. Die Grundidee blieb.

Heute ist vor allem das Craft Beer ein Schwerpunkt. Rund 30 Prozent seines Umsatzes macht Markl damit. Ihn faszinieren Produkte, bei denen Hersteller zeigen können, was sie handwerklich beherrschen: Zutaten, Temperaturen, Fassreifung oder Früchte können Geschmack und Textur verändern. Markl probiert jedes Bier, das er verkauft, und hat sich auf hochwertige, teilweise hochpreisige Sorten spezialisiert. Markl: „Wer für eine amerikanische Dose fast 20 Euro bezahlt, darf auch etwas erwarten.“

Gin mit Edelweiß oder tasmanischen Kräutern

Beim Gin fasziniert ihn dieselbe Vielfalt. Seine Flaschen stammen aus aller Welt. Je nach Herkunft finden sich darin etwa Edelweiß, tasmanische Kräuter oder Aroniabeeren. Auf neue Sorten stößt Markl durch Empfehlungen seiner Gäste – oder beim Einkaufen. Markl: „Man entdeckt da noch dieses und jenes, liest, was drinsteckt – und schon ist die nächste Flasche bestellt.“

Einen Lieblingsgin hat er nicht. Er selbst habe 30 Favoriten, abhängig von Jahreszeit und Tagesform. Für die Beratung sei das ohnehin unwichtig. Markl: „Mein persönlicher Geschmack ist den Gästen egal.“

Stattdessen versucht Markl herauszufinden, was seinem Gegenüber schmecken könnte. Wer sagt, er habe keine Ahnung von Gin, wird deshalb erst einmal befragt: süß, herb, fruchtig, mit Kräutergeschmack? Und wenn auch das nicht weiterhilft, fragt Markl, was der Gast gerade gegessen hat. Nach einem Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln würde er beispielsweise keinen Gin mit Himbeernote empfehlen. Eher einen nordhessischen St. Albert’s mit Kräutern, Bergamotte und Orange. Der schmecke zwar völlig anders als das Essen, passe aber vom Geschmacksprofil dazu.

Auch wer nur alle drei Jahre kommt, kann ein Stammgast sein

Genau diese Beratung gehört zum Mon Petit Café dazu. Manche Stammgäste kommen regelmäßig, andere wohnen in Hamburg oder Österreich und schauen vorbei, wenn sie wieder mal in Stuttgart sind. Markl definiert den Begriff Stammgast deshalb großzügig: Auch wer nur alle drei Jahre kommt, kann einer sein.

Ohnehin ist das Publikum bemerkenswert gemischt: ungefähr zwischen 20 und 75 Jahre alt, international und kulturell breit gefächert. Englisch spricht Markl praktisch jeden Tag. Manche Gäste entdecken das Mon Petit Café über Google oder die Bier-App Untappd, andere über Mundpropaganda. Und manchmal erlebt Markl sogar im Ausland, dass jemand auf den Namen seiner Bar reagiert: Mon Petit? Kenn ich.

Trotz aller Spezialisierung will Markl ausdrücklich keine Bar nur für Bier- und Gin-Enthusiasten betreiben. Es gibt Wein von überwiegend regionalen Winzern, Kaffee, Limonaden, Aperol und andere Barklassiker, dazu Sandwiches, Salate und Kleinigkeiten. „Es ist eine Bar für jeden.“ Gerade gemischte Gruppen seien ideal: Einer bestellt sein gewohntes Getränk, ein anderer probiert vielleicht zum ersten Mal ein Craft Beer.

Denn beim Bier sieht Markl in Deutschland noch Nachholbedarf. Während bei Wein selbstverständlich akzeptiert werde, dass er völlig unterschiedlich schmecken könne, herrsche beim Bier häufig die Vorstellung: Bier schmeckt eben so. Dabei lasse gerade Craft Beer enorm viel Spielraum für handwerkliche Kreativität.

Geschlossene Gesellschaften gibt es im Pétit Café nicht

Was es im Mon Petit Café nicht mehr gibt, sind geschlossene Gesellschaften. Markl könnte die kleine Bar regelmäßig exklusiv vermieten, verzichtet aber bewusst darauf. Als Stammgast hatte er selbst erlebt, wie ärgerlich es ist, mehrfach vor verschlossener Tür zu stehen. Irgendwann komme man einfach nicht mehr: „Dann verlierst du Vertrauen in den Laden.“

Deshalb gilt: Wenn geöffnet ist, ist geöffnet. Ist das Mon Petit voll, rückt man eben zusammen. Sieben oder acht Leute passen irgendwie an einen Tisch, an den Couchtisch notfalls sogar zwölf. „Es ist immer noch eine Bar“, sagt Markl. „Hier ist nicht immer alles perfekt.“

Einfach ist das Geschäft dennoch nicht. Die Kosten sind gestiegen, die Gästezahlen schwanken. Im Winter ist es meist voll, im Sommer konkurriert die Bar mit Biergärten, Badeseen und Veranstaltungen. Selbst die gesperrten Neckarbrücken oder Probleme bei Bahn und SSB spürt Markl. Dazu kommen rund 90 Arbeitsstunden pro Woche. Markl: „Wer Gastronomie nicht aus Leidenschaft macht, soll es lieber lassen.“

Der Gin mit Orangenameisen wird noch heute vermisst

Dafür sammelt Markl Geschichten, die es in keinem gewöhnlichen Büro gibt. Etwa die von einem Gin-Wettbewerb, Gewonnen hat ihn eine Barkeeperin aus England – im Alter von gerade einmal 16 Jahren.

Und dann ist da noch Sam’s Island Gin aus Dänemark. Er enthält eine Zutat, wegen der Markl seine Beratung damals um eine Frage erweitern musste: Ernähren Sie sich vegetarisch? Im Gin stecken nämlich Orangenameisen.

Früher konnte Markl ihn über einen Importeur bestellen. Heute wird er nicht mehr nach Deutschland geliefert. Seit Jahren versucht er, wieder an Flaschen zu kommen. Vergeblich. „Hervorragender Gin“, sagt Markl: „Meine Gäste fragen noch heute danach.“

Kai Holoch ist freier Mitarbeiter von mawi-on und Magazin Wirtschaft.

Flaschenregal mit Spirituosen. © Annette Cardinale
200 Sorten Gin sind eine der Besonderheiten des Pétit Café.
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