Reiner Bocka, Ihnhaber des Galao, an der Theke seines Lokals. © Jan Reich
Treffpunkt in Heslach: Für Reiner Bocka ist das Galao Arbeit und Zuhause zugleich.

Serie „Ums Stöckle“: Das Wohnzimmer von Heslach

22.Juli 2026 | 12 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |
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Das Galao ist Café, Konzertbühne und Zufluchtsort zugleich. Seit fast zwei Jahrzehnten prägt Reiner Bocka damit nicht nur einen Laden, sondern einen ganzen Stadtteil.

Wenn Reiner Bocka über Arbeit spricht, klingt das ungefähr so, als würde jemand über seinen Garten reden. Oder über seine Familie. Oder über sein Zuhause.„Work-Life-Balance“, sagt er und lacht kurz, „das Wort sagt mir nichts.“

Für ihn gibt es diese Trennung nicht. Das Galao ist Arbeit und Zuhause zugleich. Bar und Wohnzimmer. Konzertsaal und Nachbarschaftstreff. Rückzugsort und Bühne. Wer hier spielt, schläft oft bei ihm auf dem Sofa oder im Gästezimmer. Die Wäsche der Musiker dreht sich während des Konzerts schon in der Maschine nebenan. Nach der Show geht es für die Bands weiter nach Zürich, Leipzig oder Wien. Dazwischen liegt Heslach.

Theologiestudent, Sozialpädagoge – und dann Gastronom

Und mittendrin steht Reiner Bocka. Ein Mann, der nie Gastronom werden wollte. Eigentlich. Geboren 1965, aufgewachsen auf der Ostalb mit Oberpfälzer Wurzeln, Studium der katholischen Theologie in Tübingen und ein Studienjahr in Dublin. Später Sozialpädagogik. Fünfzehn Jahre arbeitete er in diesem Beruf, sieben davon bei den Pfadfindern in Wernau.

Ein ziemlich gerader Lebenslauf. Bis er mit vierzig Jahren eines Morgens aufwacht und weiß: Das war es noch nicht. „Ich wusste einfach, dass diese Phase vorbei ist“, erinnert er sich.

Er verlässt Tübingen, zieht nach Stuttgart und entdeckt die Stadt und gleichzeitig sich selbst neu. Das war die wichtigste Zeit seines Lebens, sagt er heute. Vor allem entdeckt er etwas, das in seiner Jugend praktisch nicht existierte: authentische, selbst gemachte Livemusik. Die musikalische Sozialisation des jungen Reiner Bocka bestand aus bayerischer Hausmusik und Volksmusikradio. Konzerte? Fehlanzeige. Clubs? Ebenfalls.

Die Idee: Ein portugiesisches Lokal gründen

Dann kommt die Stuttgarter Jazzszene. Er organisiert Veranstaltungen, gründet Reihen wie „Session“ und später den „Silent Friday“, der über Jahre hinweg hunderte Menschen an wechselnden Orten versammelt. Irgendwann entsteht daraus ein neuer Wunsch: ein eigener Ort. 2009 öffnet das Galao seine Türen.

Oder besser gesagt: Es stolpert ins Leben. Ein portugiesisches Restaurant sollte es ursprünglich werden. Deshalb der Name. Ein Galao ist ein portugiesischer Milchkaffee. Der Koch war und ist allerdings Schwabe. Der Ideengeber Architekt. Der spätere Betreiber Sozialpädagoge.

„Schlechtes Konzept für ein portugiesisches Restaurant“, sagt Bocka heute und zeigt sein ansteckendes Lächeln: „Vielleicht aber war genau das die Rettung.“ Es gab keinen Businessplan, keine Marktanalyse und keine Zielgruppenstrategie. Jeder machte einfach das, was er konnte. Der eine kümmerte sich um die Küche. Der andere um Partys.

Reiner Bocka organisierte Konzerte. Bocka: „Wir haben uns gegenseitig machen lassen, auch wenn wir anderer Meinung waren.“ Bis heute funktioniert das Prinzip erstaunlich gut.

Marci Brucker verantwortet Küche und Buchhaltung. Reiner Bocka Musik, Kulturprogramm und Betrieb. Sie seien sehr unterschiedlich, sagt Bocka. Vielleicht gerade deshalb funktioniere es.

Manchmal kommen nur fünf Gäste – aber alle sind glücklich

Das Galao wächst zunächst langsam. Sehr langsam. An manchen Abenden sitzen fünf Gäste im Laden. An anderen zehn. Aber alle sind glücklich. Auch die Betreiber. „Für uns hat es sich damals schon angefühlt, als würde es laufen“, sagt Reiner Bocka und lacht. Heute sitzen an warmen Sommerabenden die Menschen vor dem Café bis an den Rand der Fahrradstraße. Das Viertel um den Marienplatz gehört längst zu den beliebtesten Ecken der Stadt.

Vor fünfzehn Jahren sah das anders aus. Der Marienplatz war leer, die Gebäude heruntergekommen. Viele alte Kneipen verschwanden. Niemand hätte damals von Szeneviertel gesprochen. Vielleicht hat das Galao diese Entwicklung nicht allein ausgelöst. Aber ohne das Galao wäre sie vermutlich anders verlaufen.

© Jan Reich
In Reiner Bockas Galao ist jeder willkommen – auch wenn er einfach nur dasein will.

Denn das Besondere am Laden ist nicht die Einrichtung, nicht die Getränkekarte und auch nicht die inzwischen mehr als 1500 Konzerte. Es ist die Haltung dahinter. „Das Galao soll ein Spiegel der Gesellschaft sein und ein Stück Zuhause“, beschreibt Reiner Bocka seinen Ansatz. Dazu gehört auch: Wer wenig Geld hat, bekommt trotzdem etwas zu essen oder zu trinken.

Wer anders aussieht als die Mehrheit, fällt nicht auf. Wer einfach nur da sein möchte, darf einfach nur da sein. „Schön oder nicht schön, viel Geld oder wenig Geld – jeder ist erst einmal willkommen“, sagt der Galao-Chef.

Fast 40 Minijober – kein Albtraum, sondern ein Erfolgsmodell

Vielleicht erklärt das auch die erstaunliche Loyalität des Teams. Fast vierzig Menschen arbeiten im Galao, die meisten auf Minijob-Basis. Für viele Gastronomen wäre das der Albtraum. Für Reiner Bocka ist es das Erfolgsmodell. Studierende kommen und gehen. Andere machen Karriere, bekommen Kinder oder ziehen weg. Viele kehren irgendwann zurück.

„Alle haben Lust darauf, weil sie nicht müssen“, beschreibt Reiner Bocka die Randbedingungen. Ausgewählt werde nicht nach Gastro-Erfahrung, sondern nach Persönlichkeit. Den Rest könne man lernen. Das Ergebnis ist ein Team, das erstaunlich eigenständig funktioniert.

Mehr als zehn Tage Urlaub gönnt sich der Chef dennoch nicht. Allerdings wäre auch das früher undenkbar gewesen. Mehrfach habe das Galao sogar vor dem Aus gestanden, erinnert sich Bocka. 2014 etwa, als der Eigentümer die Räume verkaufte. Den Betreibern räumte er vier Wochen Vorkaufsrecht ein. Doch die Banken gaben schon damals Kredite nur ungern an Gastronomen – und das eigene Konto war leer.   

Crowdfunding brachte die Rettung

Also geht Reiner Bocka ins Internet. Er bittet um Hilfe. Und Stuttgart antwortet. Etwa 250 Menschen geben Privatkredite. Mindestens 1000 Euro. Manchen Spender kennt er. Viele nicht. Darunter sind Eltern von Gästen, Freunde von Freunden, Menschen, die einfach wollten, dass das Galao bleibt.

Das benötigte Geld – ein sechsstelliger Betrag – kommt zusammen. In letzter Minute. Elf Jahre später ist jeder einzelne Kredit zurückbezahlt. „Die Leute haben gesagt: Mach einfach weiter.“ Noch heute klingt es so, als könne er selbst kaum glauben, dass das funktioniert hat.

Die zweite Krise wird noch größer. Beim Umbau der Toiletten entdeckt man Schäden an tragenden Balken, später kommen statische Probleme hinzu. Plötzlich geht es nicht mehr um neue Fliesen, sondern um das gesamte Gebäude. Wieder geht es ums Überleben. Wieder geht es weiter. „Die Verantwortung hat mich verändert“, sagt Reiner Bocka heute. Zum ersten Mal im Leben habe er gespürt, was es bedeutet, für hunderte Menschen Verantwortung zu tragen.

Sie habe ihm gutgetan. Vielleicht ist das die überraschendste Erkenntnis dieses Lebens. Dass jemand Verantwortung nicht als Last empfindet, sondern als Halt. Jeden Dienstag und Mittwoch wird das sichtbar. Dann verwandelt sich das Galao in einen Konzertort. Ohne Eintritt. Ohne Sicherheitsdienst. Ohne VIP-Bereich.

Die Musiker kommen aus ganz Europa. Viele schlafen bei Reiner Bocka und seinem Partner. Sie bekommen Essen, ein Bett und manchmal gewaschene Kleidung. „Für viele ist es eine Zwischenstation zum Aufladen“, sagt Reiner Bocka.

Das gespendete Geld reicht selten für das Honorar, Oft muss das Galao draufzahlen. Trotzdem bleibt die Livemusik das Herz des Hauses. „Ohne Livemusik wäre ich nicht hier.“

Aus den Konzerten entstand schließlich eine Idee. Wenn die Musik den kleinen Laden füllt – warum nicht den ganzen Platz? 2012 findet das erste Marienplatzfest statt. Damals hält kaum jemand den Marienplatz für einen attraktiven Ort. Heute gehört das Festival zu den festen Größen im Stuttgarter Veranstaltungskalender.

Bocka glaubt, dass das Fest den Platz verändert hat. Nicht allein durch Musik. Sondern durch Erfahrungen. Durch das Gefühl, gemeinsam an einem Ort etwas Schönes erlebt zu haben.

Überhaupt ist das das eigentliche Thema des Galao. Gemeinschaft. Nicht als Marketingbegriff. Sondern als Alltag. Fragt man Reiner Bocka, wie lange er weitermachen möchte, kommt die Antwort ohne Nachdenken. „Immer.“ Auch deshalb, weil es finanziell kaum Alternativen gibt. Vor allem aber, weil er keine andere Lebensform kennt. Oder möchte.

Das Galao ist nicht sein Beruf. Es ist sein Lebensentwurf. Genau darin liegt das Geheimnis dieses ungewöhnlichen Ortes mitten in Heslach: Dass hier niemand versucht, ein Café zu betreiben. Sondern Menschen versuchen, einen Ort zu schaffen, an dem andere Menschen gerne sind. Seit inzwischen siebzehn Jahren gelingt ihnen das erstaunlich gut.

Kai Holoch ist freier Mitarbeiter von mawi-on und Magazin Wirtschaft.

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