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Serie „Ums Stöckle“: Hier ist Sitzenbleiben ausdrücklich erwünscht
30.Juli 2026 | 9 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |Autor: Kai Holoch
Die meisten Cafés leben davon, dass ihre Gäste etwas bestellen. Die Dürnitz dagegen erlaubt ausdrücklich das Gegenteil. Wer möchte, bringt seine eigene Vesper mit, setzt sich in die Lounge, klappt den Laptop auf oder trifft Freunde – ganz ohne Konsumzwang. Dass dieser ungewöhnliche Ort ausgerechnet in einem Museum entstanden ist, macht ihn zu einer Besonderheit. Und zu einem der spannendsten Treffpunkte Stuttgarts.
„Die Dürnitz soll ein Ort für alle sein“, sagt Miriam Hertfelder, die im Landesmuseum Veranstaltungen und Vermietungen koordiniert. „Ein dritter Ort – neben Zuhause und Arbeitsplatz.“Der Begriff „Third Place“ beschreibt Orte, an denen Menschen sich begegnen können, ohne etwas erledigen oder konsumieren zu müssen. Genau diese Idee steckt hinter der Dürnitz.
Eine geschmackvoller gestaltete Toitette gibt es in ganz Stuttgart nicht
Das Museumsfoyer ist frei zugänglich, der großzügige Lounge-Bereich darf ohne Verzehr genutzt werden, kostenloses WLAN gehört ebenso selbstverständlich dazu wie gemütliche Sofas und große Tische. Und wer einmal ein dringendes Bedürfnis hat: Es gibt in ganz Stuttgart wohl keine geschmackvoller gestaltete Toilette als in der Dürnitz.
Dass dieser Gedanke eines Treffpunkts für alle in einem Schloss verwirklicht wurde, ist nur konsequent. Denn schon im Mittelalter war die Dürnitz das Herz jeder Burg. Sie war der einzige beheizte Raum, in dem gegessen, gearbeitet, diskutiert und gefeiert wurde. Wer fror, kam hierher. Wer Gesellschaft suchte ebenfalls. An genau diese historische Funktion knüpft das Landesmuseum heute an – nur eben auf zeitgemäße Weise.
Unternehmen unterstützten die Umgestaltung
Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. Wo heute Licht durch große Fenster fällt und Besucher ganz selbstverständlich auf Sofas sitzen, herrschte früher klassische Museumsatmosphäre. Die Fenster waren verdunkelt, Vitrinen bestimmten den Raum, an den Wänden hingen historische Porträts. Ein Ort, der eher Ehrfurcht einflößte als zum Aufenthalt einlud. Zwischen 2016 und 2021 wurde das Foyer deshalb grundlegend umgebaut. Helle Materialien ersetzen heute das frühere Dunkel, aus Fenstern wurden Türen, die den Blick und den Weg in den Schlosshof öffnen. Ein ausgeklügeltes Licht- und Akustikkonzept sorgt dafür, dass der Raum gleichzeitig Café, Veranstaltungsort und Museumseingang sein kann.
Dass die Dürnitz heute so offen und modern wirkt, ist das Ergebnis eines umfangreichen Umbaus, zu dem auch die regionale Wirtschaft ihren Beitrag geleistet hat. Die Homepage des Landesmuseums nennt die Würth-Gruppe, Bosch, die Bertold Leibinger Stiftung und den Möbel-Ausstatter Walter Knoll als Hauptsponsoren.
Dürnitz – was bedeutet der Name?
Die Dürnitz war im Mittelalter der einzige beheizte Raum einer Burg. Hier trafen sich Bewohner und Gäste zum Essen, Reden und Aufwärmen. An diese historische Funktion knüpft das Landesmuseum Württemberg heute bewusst an: Die moderne Dürnitz versteht sich als offener Begegnungsort mitten in Stuttgart – frei zugänglich, ohne Eintritt und mit Lounge-Bereich ohne Konsumzwang.
Im Winter suchen Menschen die wohlige Wärme der historischen Mauern, im Sommer schätzen sie die angenehme Kühle des Gebäudes. „Viele kommen einfach, weil sie sich hier wohlfühlen“, sagt Miriam Hertfelder. Genau das sei das Ziel gewesen: einen Ort zu schaffen, der nicht nur Museumsbesucher anspricht, sondern die Stadtgesellschaft insgesamt.
Dazu trägt das Café seinen Teil bei. Denn auch kulinarisch folgt die Dürnitz ihrem Anspruch, mehr zu sein als ein klassisches Museumscafé. Das Landesmuseum betreibt das Café in Eigenregie und legt großen Wert auf hochwertige, möglichst regionale Produkte. Der Kaffee wurde eigens in einem Auswahlverfahren verkostet, auf der Speisekarte stehen hausgemachte Kuchen, kleine regionale Gerichte und ein wechselnder Mittagstisch.
Das Landesmuseum betreibt das Café selbst
„Besonders gefragt ist die ,Stuttgarter Torte‘“, erzählt Marina Vukova vom Team, das für das Café zuständig ist. Vukova lacht gerne und viel. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend. Anders als in vielen Museen wird das Café nicht von einem externen Pächter betrieben, sondern vom Landesmuseum selbst. Das schaffe Freiräume, sagt Miriam Hertfelder. Veranstaltungen lassen sich flexibler organisieren, Öffnungszeiten an besondere Ereignisse wie die Jazz Open anpassen und kulturelle Angebote unkompliziert mit dem Cafébetrieb verbinden.
Marina Vukova gehört seit der Eröffnung zum Serviceteam. Sie hat erlebt, wie sich die Dürnitz nach und nach zu einem Treffpunkt für die Menschen der Stadt entwickelt hat. Viele Gäste kämen zunächst eher zufällig vorbei, erzählt sie. Sie entdecken das Café bei einem Spaziergang durch die Innenstadt oder nach einem Besuch im Schlosshof. Nicht wenige werden später zu Stammgästen. Vukova: „Viele sagen, dass sie gar nicht erwartet hätten, an diesem Ort so entspannt sitzen zu können.“ Gerade diese Mischung mache den Reiz aus: Touristinnen neben Familien, Museumsbesucher neben Menschen, die einfach nur einen guten Kaffee trinken möchten.
Vom Handarbeitskreis bis zum Swing- und Bluesabend
Doch die Dürnitz lebt nicht nur vom Cafébetrieb. Immer wieder verwandelt sich der Raum in eine Bühne für Begegnungen. Beim offenen Handarbeitstreff wird gestrickt und gehäkelt, auf alten Schreibmaschinen entstehen Kurzgeschichten, griechische Musiker bringen ihre Heimatklänge ins Alte Schloss, rumänische Filmabende, serbisches Theater, Swing- und Bluesabende oder Festivals wie „About Pop“ und „Made in Stuttgart“ holen ganz unterschiedliche Gruppen ins Museum.
„Wir möchten Menschen erreichen, die vielleicht sonst nie den Weg in ein Museum finden würden“, erklärt Miriam Hertfelder. Deshalb stellt das Landesmuseum den Raum Vereinen und Initiativen regelmäßig kostenfrei zur Verfügung. Das Angebot wird inzwischen so gut angenommen, dass eher die Frage lautet, wie sich die Vielzahl der Anfragen künftig sinnvoll steuern lässt.
„Wir möchten Menschen erreichen, die vielleicht sonst nie den Weg in ein Museum finden würden“
Miriam Hertfelder, Landesmuseum Württemberg
Ein solcher Ort bringt allerdings auch Herausforderungen mit sich. Denn während unten getanzt, diskutiert oder musiziert wird, befinden sich nur wenige Meter darüber wertvolle Museumsobjekte. Vor Konzerten wurde deshalb sogar geprüft, ob Schwingungen den Exponaten schaden könnten. Auch beim Catering gelten besondere Regeln, damit die Hygiene-Vorschriften eingehalten und die empfindlichen Sammlungen geschützt werden. Gleichzeitig gilt es, Familien willkommen zu heißen, ohne Menschen zu verdrängen, die hier in Ruhe arbeiten oder lesen möchten. Es ist ein Balanceakt – und vielleicht gerade deshalb ein spannendes Experiment.
Fünf Jahre nach der Eröffnung fällt Miriam Hertfelders Bilanz eindeutig aus: „Das Konzept ist aufgegangen.“ Jetzt gehe es darum, den Gedanken des „Dritten Ortes“ weiterzuentwickeln, neue Gruppen anzusprechen und den Austausch innerhalb der Stadtgesellschaft weiter zu fördern.
Vor Jahrhunderten war die Dürnitz der einzige warme Raum im Schloss. Heute entsteht seine Wärme auf eine andere Weise: durch Gespräche, Begegnungen und das gute Gefühl, mitten in der Stadt einen Ort gefunden zu haben, an dem man einfach sein darf.
Kai Holoch ist freier Mitarbeiter von mawi-on und Magazin Wirtschaft.
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