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Serie Cybersicherheit: „Wenn wir jetzt nicht handeln, können wir unsere wirtschaftliche Zukunft vergessen“
13.Juli 2026 | 6 Min. Lesezeit | Digitalisierung & KI, Recht & Steuern |Autor: Walter Beck
Herr Ross, die USA wollen die neueste KI Generation in vollem Umfang nur amerikanischen Unternehmen zugänglich machen. Was bedeutet das für hiesige Unternehmen, insbesondere die kleinen und mittleren?
Die Unternehmensgröße spielt hier keine Rolle, es betrifft die gesamte Wirtschaft vom Konzern bis zum Kleinstunternehmen. Die US-Regierung hat die Funktionen der besonders leistungsfähigen KI-Modelle von Claude und Open AI allein amerikanischen Unternehmen vorbehalten – mit der offiziellen Begründung, es handele sich dabei um „Dual-use“-Produkte, die auch für Cyberangriffe, militärische oder terroristische Zwecke eingesetzt werden können.
Haben die Amerikaner damit denn unrecht?
Das stimmt natürlich, entscheidend ist aber doch, dass diese Modelle auch zur Abwehr von Angriffen benutzt werden können und hierfür sogar dringend benötigt werden. Vor allem verschaffen sie ihren Nutzern einen enormen Produktivitätsvorteil. Daraus ergibt sich automatisch ein Wettbewerbsnachteil für alle Unternehmen, die diese neue KI-Generation nicht nutzen können. Mein Eindruck ist, dass sich die US-Regierung hier ganz bewusst einen strategischen Vorteil sichert – und zwar mit direkter Stoßrichtung gegen Europa, denn China hat selbst sehr leistungsfähige KI-Modelle. Viel zu lange haben wir uns in Europa mit der Regulierung von KI beschäftigt und die Verfügbarkeit einfach als gegeben vorausgesetzt. Jetzt sind wir es, die reguliert werden.
Das hört sich besorgniserregend an. Was können wir jetzt noch tun?
Die Ausgangslage ist nicht gut. Zurzeit gibt es nicht ein einziges KI-Modell in Europa, das gegenüber der amerikanischen Konkurrenz wettbewerbsfähig ist. Dennoch halte ich es auch jetzt noch für möglich, weltweit unter die TOP-10 zu kommen. Die Chinesen haben es gezeigt: Erst waren sie scheinbar hoffnungslos abgeschlagen, jetzt sind sie den US-Entwicklern nur noch um wenige Monate bis Wochen hinterher. Damit uns das auch gelingt, müssen wir dringend große Summen investieren, denn sonst kann Europa seine wirtschaftliche Zukunft vergessen.
„Ich finde es unfair, die Verantwortung immer nur auf die Politik zu schieben. Wir haben schließlich immer noch eine leistungsfähige Industrie!“
Haben Sie den Eindruck, dass man sich dieser Dringlichkeit in Brüssel und Berlin bewusst ist?
Ich finde es unfair, die Verantwortung immer nur auf die Politik zu schieben. Wir haben schließlich immer noch eine leistungsfähige Industrie! Stellen Sie sich vor, Siemens, Airbus und andere führende Konzerne investieren jeweils dreistellige Millionenbeträge in ein „Manhattan-Projekt“ mit dem Ziel, innerhalb von 18 Monaten ein wettbewerbsfähiges europäisches KI-Modell aufzubauen – natürlich gemeinsam mit der EU. Ein Ansatzpunkt könnte die französische KI Mistral sein, die eine Zeitlang international ganz gut mithalten konnte. Unsere Wirtschaft ist stark genug das zu stemmen. Aber was man bisher sieht, ist Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit.
Immerhin gibt es Initiativen, auch im Land. etwa der Innovationspark Künstliche Intelligenz in Heilbronn.
Ja, Initiativen wie das IPAI in Heilbronn sind wichtig für das KI-Ökosystem in Deutschland, denn dies kann ein Nukleus für nachhaltige und souveräne KI-Entwicklungen und Anwendungen sein. Ein gutes Beispiel für einen Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik.
„IPAI, KI-Fabrik und viele weitere gute Initiativen sind gute Zeichen, doch es droht auch die Gefahr, dass wir uns in zu kleinen Initiativen verlieren, und es verpassen die vorhandenen Kräfte zu bündeln. „
Um Deutschland und in Europa erfolgreich bei KI zu positionieren, benötigen wir allerdings ein Vielfaches an Anstrengungen. Büro-Flächen sind nicht so wichtig – vielmehr benötigen wir Zugang zu Rechenleistung und leistungsfähige Hardware, auf denen KI-Modelle und Anwendungen gerechnet werden können. Ebenfalls ein Lichtblick ist das Hochleistungsrechenzentrum an der Universität Stuttgart, das KI-Startups beispielweise Rechenleistung anbietet und zukünftig dieses Konzept in einer KI-Fabrik weiterentwickelt. IPAI, KI-Fabrik und viele weitere gute Initiativen sind gute Zeichen, doch es droht auch die Gefahr, dass wir uns in zu kleinen Initiativen verlieren, und es verpassen die vorhandenen Kräfte zu bündeln. Hier ist tatsächlich die Politik gefordert, den passenden Rahmen zu schaffen.
Was bleibt den kleinen und mittleren Unternehmen, außer zuzuschauen?
Tatsächlich könnten kleine und mittlere Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, das haben sie ja schließlich auch bei früheren Innovationsschüben getan. Auch in der KI sind die Schlüsselentwicklungen nicht in Großunternehmen entstanden. Zwar scheinen manche ehemaligen Innovationsführer aus dem Mittelstand ihre Strahlkraft verloren zu haben. Aber es gibt durchaus Startups und junge Unternehmen wie Black Forrest Labs in Freiburg, die die richtige Geschwindigkeit haben und international in der ersten Liga spielen. Damit sie dort auch bleiben und Erfolg haben, brauchen sie „Treibstoff“, den ihnen nur investitionskräftige Konzerne liefern können.
Bisher geschieht das aber nicht…
Leider nein. Anscheinend haben wir den Schmerzpunkt noch nicht erreicht – oder unsere Manager sind nicht mutig genug.
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