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Ministerin Olschowski: „Wir müssen schneller werden – und mutiger“
03.Aug. 2026 | 14 Min. Lesezeit | Innovation, Standort |Autor: Kai Holoch
Petra Olschowski, geboren 1965, ist seit September 2022 baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Die gebürtige Stuttgarterin absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im Kunsthandel und studierte anschließend Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Stuttgart.
Nach Stationen als freie Journalistin und Lektorin volontierte sie bei der Stuttgarter Zeitung und arbeitete dort von 1996 bis 2002 als Redakteurin – zunächst im Sportressort, später in der Innenpolitik und schließlich im Feuilleton. Es folgten die Geschäftsführung der Kunststiftung Baden-Württemberg (2002–2010), die Leitung der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart als erste Rektorin der Hochschule (2010–2016) sowie das Amt der Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium (2016–2022). Seit 2021 gehört Olschowski zudem dem baden-württembergischen Landtag an.
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Frau Ministerin, ist Baden-Württemberg heute noch das Land der Tüftler und Denker?
Tatsächlich finde ich, dass dieses Bild gar nicht so schlecht passt – auch wenn man heute vielleicht eher vom Land der Erfinder und Entwickler sprechen würde. Baden-Württemberg investiert 5,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung. Damit liegen wir deutschland- und europaweit an der Spitze. Das zeigt: In unseren Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen steckt nach wie vor enorme Innovationskraft. Auch die Zahl der Patente und Ausgründungen bestätigt das.
China investiert massiv in Forschung, amerikanische Tech-Konzerne dominieren Zukunftstechnologien. Wo steht Baden-Württemberg in diesem Wettbewerb?
Wir müssen unsere Position differenziert betrachten. Die USA schafft mit Zöllen und technologischer Dominanz Fakten, China dringt systematisch in Schlüsselbranchen vor. Gleichzeitig entstehen durch die enorme Dynamik immer wieder neue Chancen. Entscheidend ist, unsere Stärken zu stärken und bei den zentralen Schlüsseltechnologien konsequent auszubauen. Bei der Produktion von High-End-Chips etwa sind Unternehmen wie Zeiss oder Trumpf unverzichtbar. Weltweit führend sind wir außerdem bei Zukunftsthemen wie Robotik, bestimmten Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, der Quantensensorik und der Medizintechnologie. Genau dort müssen wir weiter investieren.
Wo sehen Sie die größten Stärken – und wo den dringendsten Handlungsbedarf?
Baden-Württemberg ist hervorragend in der Grundlagenforschung. Der größte Handlungsbedarf liegt jedoch beim Transfer. Wir müssen wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in Anwendungen und marktfähige Produkte bringen. An dieser Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft sind wir häufig noch zu langsam.
Sie sagen, wir seien in der Grundlagenforschung stark. Wo haben wir uns in den vergangenen Jahren vielleicht zu sehr auf unseren Erfolgen ausgeruht?
Wir waren über Jahrzehnte sehr gut darin, erfolgreiche Technologien immer weiter auszudifferenzieren und zu verbessern – der Verbrennungsmotor ist dafür ein gutes Beispiel. Dabei haben wir ein Stück weit vernachlässigt, dass wir neben dieser Weiterentwicklung auch echte Innovationen brauchen. Genau diese Innovationskraft aus unseren Forschungseinrichtungen benötigen wir heute, um die Transformation erfolgreich zu gestalten. Deshalb richtet sich der Blick jetzt viel stärker darauf, wie neue Ideen schneller ihren Weg in die Unternehmen finden.
„Der größte Handlungsbedarf liegt beim Transfer. Wir müssen wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in Anwendungen und marktfähige Produkte bringen. An dieser Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft sind wir häufig noch zu langsam.“
Viele Unternehmen leiden unter Fachkräftemangel. Müssen Hochschulen künftig stärker auf den Bedarf der Wirtschaft reagieren?
Wir schauen sehr genau auf den Fachkräftebedarf. Mit der neuen Hochschulfinanzierungsvereinbarung erhalten Hochschulen zum Beispiel zusätzliche Mittel, wenn sie neue Studiengänge gemeinsam mit der Wirtschaft entwickeln. Damit wollen wir sicherstellen, dass die Schnittstellen zwischen Ausbildung und Bedarfen in der Praxis noch besser verzahnt werden.
Droht die Wissenschaft, dadurch zu sehr zum Dienstleister der Wirtschaft zu werden?
Nein. Grundlagenforschung bleibt unverzichtbar und darf nicht allein nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit beurteilt werden. Gleichzeitig erwarten wir zu Recht, dass dort, wo großes Innovationspotenzial besteht, Forschung ihre Dynamik auch wieder in die Gesellschaft und in die Wirtschaft zurückgibt. Beides gehört zusammen.
Was kann die Politik dazu beitragen?
Wir können den Rahmen verbessern und Anreize schaffen. Professorinnen und Professoren können beispielsweise bereits heute ein Gründungssemester nehmen, wenn sie ein Unternehmen aufbauen möchten. Aber wir können zum Beispiel bei Berufungen auch nach Erfolgen bei Ausgründungen schauen, nicht nur auf Publikationen. Da braucht es auch ein Stück weit einen Mentalitätswandel. Klar ist: Wissenschaft und Wirtschaft müssen noch enger zusammenarbeiten.
Ein Beispiel für diesen neuen Ansatz ist Heilbronn. Warum setzt das Land dort derzeit so stark auf Forschung und Künstliche Intelligenz?
Heilbronn hat sich zu einem neuen Wissenschafts- und Innovationsstandort entwickelt, um den uns viele in Deutschland beneiden. Dort kommen starke Partner zusammen – Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und eine Stiftung, die neue Möglichkeiten eröffnet. Genau darum geht es: vorhandene Stärken weiter auszubauen. Deshalb investieren wir dort mit dem Forschungs- und Graduiertenzentrum ConnAIx gezielt in angewandte Künstliche Intelligenz – etwa in Chipdesign, Cybersicherheit und Robotik und setzen damit auf den hoch qualifizierten Nachwuchs. Entscheidend ist aber nicht der Standort allein, sondern das Prinzip: Forschung soll gemeinsam mit Unternehmen entstehen und schneller in die Anwendung kommen. Dieses Modell kann Impulse für das ganze Land geben.
„Die IHKs haben einfach den besten Überblick über die Bedarfe der Wirtschaft vor Ort. Deswegen sind sie als Gesprächspartner für uns, aber gerade auch für die Hochschulen, von allergrößter Bedeutung.“
Welche Rolle können in der aktuellen Situation die IHKs im Land spielen?
Ich glaube, dass die IHKs in den nächsten Jahren noch wichtiger werden. Denn gelungene Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft beruht auf Vertrauen und darauf, dass man die Abläufe des jeweils anderen Partners kennt. Die IHKs sind natürlich ein wichtiger Filter, um die richtigen Partnerschaften zu finden und zu erfahren, wo der Schuh gerade drückt. Wo fehlt es am meisten? Wo brauchen wir vielleicht neuen Input oder Anpassungen der Strukturen? Da sind die Regionen in Baden-Württemberg unterschiedlich aufgestellt. Die IHKs haben einfach den besten Überblick über die Bedarfe der Wirtschaft vor Ort. Deswegen sind sie als Gesprächspartner für uns, aber gerade auch für die Hochschulen, von allergrößter Bedeutung.
Welche Verantwortung tragen dabei die Hochschulen selbst?
Ohne Hochschulen geht es nicht. Sie schaffen Grundlagen für Innovationen und bilden die Fachkräfte aus, die unsere Unternehmen brauchen. Baden-Württemberg verfügt über das dichteste Hochschulnetz Deutschlands – mit starken Universitäten, darunter bisher vier Exzellenzuniversitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften und den Dualen Hochschulen. Gerade dieses Netzwerk in der Fläche ist ein großer Vorteil für kleine und mittlere Unternehmen, weil Forschung und Wirtschaft vor Ort eng zusammenarbeiten können. Da haben wir ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland.
Themenwechsel: Viele Menschen halten Kürzungen im Kulturbereich inzwischen für vertretbar. Können Sie das als Kunstministerin nachvollziehen?
Natürlich schmerzt mich das. Gleichzeitig freut mich, dass viele Menschen mehr Investitionen in Wissenschaft und Forschung befürworten. Ich glaube allerdings, dass das Bild von Kulturförderung häufig nicht der Realität entspricht. Die Kulturförderung macht in aller Regel nicht einmal ein Prozent eines Gesamthaushalts aus. Einen Haushalt wird man also nie über die Kultur sanieren können. Natürlich muss auch die Kultur ihren Beitrag leisten, wenn gespart werden muss. Aber wir dürfen nicht vergessen, welche Bedeutung Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft haben. Das haben wir gerade in der Corona-Pandemie erlebt, als Theater, Museen und Konzerthäuser plötzlich geschlossen waren. Da wurde vielen erst bewusst, wie sehr diese Orte fehlen.
Ist Kultur für Sie letztlich auch Wirtschaftspolitik?
Kultur ist auf jeden Fall ein wichtiger Standortfaktor. Unternehmen konkurrieren heute weltweit um die besten Fachkräfte. Wer Menschen für eine Region gewinnen will, braucht nicht nur gute Arbeitsplätze, sondern auch ein attraktives Lebensumfeld. Dazu gehört Bildung, aber eben auch Kunst und Kultur. Erfolgreiche Wirtschaftsregionen sind häufig auch kulturell starke Regionen. Und ja, die Kultur- und Kreativwirtschaft in Baden-Württemberg ist mit Umsätzen in Höhe von rund 30,5 Milliarden Euro sowie rund 192.000 Beschäftigten längst ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor des Landes.
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Besonders emotional wird die Debatte bei der Sanierung der Stuttgarter Oper geführt. Warum polarisiert dieses Projekt so sehr?
Weil hier zwei Dinge gleichzeitig sichtbar werden. Auf der einen Seite erleben die Staatstheater derzeit einen Erfolg wie nie zuvor. Die Auslastung liegt bei rund 90 Prozent, viele Vorstellungen sind lange im Voraus ausverkauft. Auf der anderen Seite wird die Debatte um die Sanierung des Gebäudes sehr emotional geführt. Dabei geht es um eines der bedeutendsten historischen Gebäude des Landes. Eine solche Sanierung ist technisch aufwendig, teuer und in Zeiten knapper Kassen natürlich schwer zu vermitteln.
Ist die Sanierung für Sie eine politische Entscheidung – oder schlicht eine Notwendigkeit?
Für mich ist sie eine Notwendigkeit. Wir sanieren selbstverständlich Brücken, Straßen, Schulen, Universitäten. Und genauso tragen wir die Verantwortung für Kulturgebäude im Land – als Teil der öffentlichen Infrastruktur. Hinzu kommt, dass rund 1400 Menschen dort zum Teil unter Bedingungen arbeiten, die nicht mehr zeitgemäß sind. Wir diskutieren diese Sanierung seit mehr als 25 Jahren. Jede weitere Verzögerung erhöht die Kosten. Deshalb ist es richtig, sie jetzt konsequent voranzutreiben.
„Wir sanieren selbstverständlich Brücken, Straßen, Schulen, Universitäten. Und genauso tragen wir die Verantwortung für Kulturgebäude im Land – als Teil der öffentlichen Infrastruktur.“
Wagen Sie eine Ihre Prognose, wann der erste Bagger anrollt?
Wir arbeiten ja in Teilabschnitten, was die Kosten eben auch auf viele Jahre verteilt. Für den ersten Bauteil, die Werkstätten, die nach Cannstatt ausgelagert werden, stehen wir in den Startlöchern.
Wird die Kulturförderung unter den Baukosten der Opernsanierung leiden?
Ich will noch einmal betonen: Das Geld, das für die Sanierung der Oper zur Verfügung steht, stammt aus dem Bauetat des Landeshaushalts. Das heißt, diese Mittel werden, wenn sie nicht in die Oper fließen, in andere Bauten und Sanierungsprojekte investiert. Die Kultur muss deswegen nicht sparen, auch die Wissenschaft bekommt deshalb nicht weniger. Es ist ein speziell fürs Bauen und Sanieren im Land vorgesehener finanzieller Topf, und ich meine, dass es perspektivisch richtig ist, das Geld an dieser Stelle zu investieren. So wie wir es ja zum Beispiel in Karlsruhe auch machen: Da sanieren wir Staatstheater, Kunsthalle und Landesmuseum zeitgleich. Das ist ein starkes Zeichen für die Kultur.
Warum brauchen Wirtschaft und Kultur einander?
Weil attraktive Wirtschaftsstandorte immer auch attraktive Lebensräume sein müssen. Unternehmen werben heute weltweit um Fachkräfte. Wer die besten Köpfe gewinnen will, braucht gute Schulen, eine hohe Lebensqualität – und ein vielfältiges Kulturangebot. Hinzu kommt: Kreativität ist längst ein Wirtschaftsfaktor. Ob Automobildesign, Games oder Digitalisierung – überall sind kreative Köpfe gefragt. Kultur schafft genau dieses Umfeld, diese Dynamik. Deshalb gehören wirtschaftlicher Erfolg und kulturelle Stärke für mich zusammen.
„Kreativität ist längst ein Wirtschaftsfaktor. Ob Automobildesign, Games oder Digitalisierung – überall sind kreative Köpfe gefragt. Kultur schafft genau dieses Umfeld, diese Dynamik. Deshalb gehören wirtschaftlicher Erfolg und kulturelle Stärke für mich zusammen.“
Wenn Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken: Was war schwieriger, als Sie erwartet hatten?
Tatsächlich hätte ich gedacht, dass die schwierigste Zeit die Corona-Pandemie sein würde. Es ist uns damals aber zum Beispiel gelungen, die Kultureinrichtungen durch diese Krise zu bringen. Heute erleben wir die eigentliche Herausforderung mit etwas Verzögerung. Die finanzielle Situation vieler Einrichtungen ist sehr angespannt. Das erfordert eine vorausschauende Planung und schwierige Abwägungsprozesse.
Und gab es auch Momente, in denen Sie dachten: Genau dafür mache ich diesen Job?
Die gibt es immer wieder. Besonders beeindruckend sind für mich Besuche an Hochschulen und Universitäten. Wenn ich mit Studierenden oder Forschenden spreche, spürt man ihre Energie und ihren Optimismus. Das steckt an. Solche Begegnungen geben mir Zuversicht und Kraft. Aber auch die vielen wissenschaftlichen Erfolge, die aus Baden-Württemberg heraus gelingen, spornen mich an.
Blicken wir nach vorne: Was muss heute passieren, damit Baden-Württemberg auch in zehn Jahren noch zu den führenden Innovationsregionen Europas gehört?
Wir müssen schneller werden. Wir haben nicht mehr die Zeit, große Umwege zu gehen. Wir brauchen mehr Tempo, mehr Offenheit und vor allem mehr Mut. Die Angst, Fehler zu machen, darf uns nicht lähmen. Wenn wir Zukunft gestalten wollen, müssen wir wieder stärker daran glauben, dass wir etwas bewegen können. Optimismus, Tatkraft und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – das brauchen wir jetzt mehr denn je.
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