© Pressefoto Kraufmann
Macht der ÖRR seinen Job? IHK im Gespräch mit ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten
23.Jan. 2026 | 6 Min. Lesezeit | Wirtschaft und Politik |Autor: Walter Beck
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Brauchen wir den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Für Claus Paal ist das keine Frage. „Ich bin ein Anhänger des ÖRR“, outete sich der IHK-Präsident in der Diskussion mit der ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten, Gast des Talk-Formats „Im Gespräch mit…“ – auch wenn er im einzelnen durchaus Kritik übte. Rund 250 Besucherinnen und Besucher verfolgten aufmerksam die von IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Susanne Herre moderierte Veranstaltung.
Medien im Umbruch: Auf wen ist Verlass?
Desinformation und Manipulation sowie die Aufspaltung der Öffentlichkeit in separate, sich selbst bestätigende Informationsblasen ist vor allem durch die sozialen Medien stark vorangeschritten, so war man sich auf dem Podium einig. Paal betonte, wie wichtig es sei, „dass es Medien gibt, bei denen man weiß: Ihnen kann man noch am ehesten vertrauen.“ Diese stünden jedoch unter Druck, merkte Schausten an: „Die Kräfte, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwächen wollen, sind sehr stark geworden“, stellte Schausten fest.
„Muss es eigentlich sein, dass im Fernsehen der Unternehmer mit dickem Auto immer der Böse ist?“
Claus Paal
Die Menschen informieren sich grundlegend anders als noch vor einem Jahrzehnt, und das bleibt nicht ohne Folgen für die etablierten Medien. So verschwimmt zusehends die Grenze zwischen Berichterstattung und Kommentar, wie der IHK-Präsident beklagte. Und: „Muss es eigentlich sein, dass im Fernsehen der Unternehmer mit dickem Auto immer der Böse ist?“ In Zeiten, in denen viele Familienunternehmen verzweifelt nach einem Nachfolger suchen, schaffe das völlig unnötig ein massives Imageproblem.
Der Bösewicht ist immer der Unternehmer
„Wir müssen mehr über den Mittelstand und die Familienunternehmer erzählen“, räumte die Fernsehchefin selbstkritisch ein. Tatsächlich habe sich die Wirtschaftsberichterstattung in ihrem Sender bis vor wenigen Jahren weitgehend auf Verbraucherthemen beschränkt. „Das ist wichtig, aber angesichts der Veränderungen, die wir erleben, muss man sich den Themen der Zeit auch anders stellen.“ In diese Richtung bewege sich beim ZDF derzeit sehr viel – etwa mit der Berufung des Wirtschafts- und Finanzexperten Florian Neuhann in die Zentralredaktion.
Aber sind die öffentlich-rechtlichen Sender politisch auch ausgewogen genug, wie es ihrem Auftrag entspricht? Eine IHK-Umfrage, die Susanne Herre zitierte, lässt daran zweifeln. Demnach ist eine große Mehrheit von 80 Prozent zwar insgesamt zufrieden mit dem öffentlich-rechtlichen System, aber nur 40 Prozent halten die Sender auch für ausgewogen, eine relative Mehrheit von 47 Prozent bescheinigt ihnen politische Schlagseite.
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Unvoreingenommen – aber nicht neutral
„Wir diskutieren intern ständig sehr viel darüber, ob wir nicht auf einem Auge blind sind“, antwortete Schausten. Auch werfe der Fernsehrat, dem auch Unternehmervertreter angehören, einen durchaus kritischen Blick auf die Arbeit der Redaktionen. Dies sei auch notwendig, denn „wenn uns Unvoreingenommenheit und Überparteilichkeit nicht mehr abgenommen wird, haben wir ein Problem.“
„Wenn uns Unvoreingenommenheit und Überparteilichkeit
Bettina Schausten
nicht mehr abgenommen wird, haben wir ein Problem“
ZDF-Journalisten müssten deshalb in jedem Fall unvoreingenommen an ihre Arbeit herangehen, betonte die Chefredakteurin. Realitätsfremd sei es dagegen, Neutralität zu erwarten. „Damit habe ich meine Probleme, denn niemand ist neutral.“ Schausten zeigte sich sicher: „Alles in allem kommen bei uns viele verschiedene Meinungen zu Wort.“
Die Diskussion um die Rundfunkgebühren und die Zahl der öffentlich-rechtlichen Kanäle bezeichnete Schausten als legitim. „Natürlich hat die Gesellschaft das Recht, darüber zu entscheiden, ob und in welchem Umfang sie ein solches System finanzieren will.“ Angesichts der wachsenden Bereitschaft, Bezahlfernsehen zu nutzen, müsse die Höhe der Gebühren aber auch entsprechend eingeordnet werden. „Letztlich beträgt der Anteil des ZDF am Rundfunkbeitrag 4,68 Euro.“
Verständnis für Politiker: Das Geschäft ist hart
Fragen aus dem Publikum zielten auf die Rolle künstlicher Intelligenz in den Medien und auf das Verhalten von Politikern in Interviews. Vernünftig eingesetzt, könne KI im Redaktionsalltag durchaus Ressourcen sparen, die dann produktiver eingesetzt werden könnten, antwortete Schausten. „Wir sind da sehr offen, aber auch vorsichtig“ – denn letztlich sei es bei den meisten Themen wichtig, dass am Ende noch ein Mensch darauf blicke.
Politikerinterviews gelängen dann am besten, wenn der Interviewte nicht nur seine Botschaft abspule, sondern ein wirkliches Gespräch zustande komme, erklärte die Journalistin – regelmäßig etwa beim ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. „Insgesamt aber finde ich aber, dass jeder Respekt verdient, der sich heute als Politiker zur Verfügung stellt. Denn das Geschäft ist sehr, sehr hart.“
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