KI-Lounge bei der IHK © IHK Region Stuttgart
Die KI-Lounge im Stuttgarter IHK-Gebäude bietet die Möglichkeit verschiedene Anwendungen künstlicher Intelligenz auszuprobieren.

Praxisrunde der IHK: Wie Unternehmen aus der Region Stuttgart KI erfolgreich einführen

21.Juli 2026 | 7 Min. Lesezeit | Digitalisierung & KI |
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Wie kann ich KI in meinem Unternehmen nutzen? Welche KI-Tools eigenen sich für uns? Fragen wie diese beschäftigen viele Mittelständler aus der Region Stuttgart. Die IHK hat darum ein neues Format entwickelt. Es heißt „Praxisrunde KI im produzierenden Gewerbe“ und lädt Mitgliedsunternehmen regelmäßig zum unternehmensübergreifenden „Austausch auf Augenhöhe“ zu diesen Thema ein, wie IHK-KI-Berater Florian Stark bei der Begrüßung sagte.

In der anfänglichen Vorstellungsrunde kristallisierten sich mehrere Hauptprobleme bei der Implementierung von KI-Tools heraus: Die Berührungsängste seitens der Mitarbeiter, die um ihre Arbeitsplätze fürchten und/oder veränderungsresistent sind, der Zeitaufwand und Datensicherheitsfragen sowie Wildwuchs bei eingesetzten Systemen. Und die Befürchtung, „man muss das Unternehmen erst einmal auf links drehen, bevor man KI einführen kann“, wie ein Teilnehmer das Gespräch mit einem KI-Berater wiedergab. Um so interessanter war es für die Teilnehmer, die Best Practice Beispiele von regionalen Unternehmen zu hören.

KI soll Mitarbeiter unterstützen, nicht ersetzen

„Zwischen Hype und Realität“ nannte Anna-Lena Gampper von der SATA GmbH & Co. KG ihre Best-Practice-Präsentation. „Klein starten, schnell lernen und skalieren, was funktioniert“, hatte sich der Spezialist für Lackierpistolen vorgenommen. Besonders wichtig war es SATA, die gesamte Belegschaft dabei mitzunehmen. Deswegen stand am Anfang die Botschaft, dass KI-Anwendungen eingeführt würden, um die Mitarbeiter zu unterstützen, nicht um sie zu ersetzen. Deutlich kommuniziert wurde auch, dass KI keine Allround-Lösung für alles ist und die Implementierung eine Daueraufgabe.

Konkret setzte SATA auf sechs Maßnahmen, um die Mitarbeiter für die KI zu gewinnen:

  1. Eine Readiness-Umfrage, um herauszufinden, wo die einzelnen Mitarbeiter stehen
  2. Interviews mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Bereichen zu Kapazitäten, Kompetenzen und möglichen Anwendungsgebieten
  3. Newsletter aus dem KI-Team
  4. Vortragsreihen zum Wissensaufbau
  5. Spicker mit konkreten Tipps
  6. Tag der KI, wo alle hautnah erleben können, wie KI ihnen hilft und was alles möglich ist

Die eigentliche KI-Implementierung erfolgte mehrstufig. Nach einer allgemeinen Einführung mussten sich interessierte Mitarbeiter mit einem konkreten Use-Case darum bewerben, ins KI-Team zu kommen. Außer der Idee mussten sie die Bereitschaft mitbringen, „die Extra-Meile zu gehen“, weil ihr „normaler“ Job weiterlief. Kurz: gesucht wurden Leute, die für das Thema brennen.

Berater können sich mehr auf anspruchsvolle Fälle konzentrieren

108 Vorschläge kamen so zusammen. Sie wurden daraufhin bewertet, wie groß der Mehrwert für das Unternehmen wäre. Aus diesen 108 wurden sieben Pilotprojekte ausgewählt. Eines davon war die Online-Verkaufsberatung rund um die Uhr. Grundlage ist eine Eigenentwicklung über n8n und Gemini. Damit die KI nicht halluziniert, greift sie ausschließlich auf die Daten zurück, die auch die menschlichen Berater nutzen. Diese, so Gampper, stehen der Innovation sehr positiv gegenüber, weil sie eine Entlastung bei Standardanfragen bringt. So können sie sich noch mehr auf die Spezialberatung konzentrieren.

Eine weitere Anwendung ist ein Dashboard zur Marktanalyse, das mit manus.ai aufgebaut wurde und auf Knopfdruck wichtige unternehmensrelevanten Daten liefert. Wichtigster Hebel, damit das funktioniert und das Potenzial von KI ausgeschöpft werden kann, ist die Strukturierung „historisch gewachsener Daten“. Bei SATA liegt die Aufbereitung bei den Fachabteilungen, weil die am besten wüssten, was wo liegt und was zukünftig wichtig wird oder bleibt. Auch die Aufbereitung soll möglichst KI-gestützt verlaufen.

An KI-Anendungen führt kein Weg mehr vorbei

Deutlich wurde in der anschließenden Diskussion, dass an KI kein Weg vorbeiführt – nicht nur, um am Markt mitzuhalten, sondern auch, weil sonst sehr schnell ein Wildwuchs an „Schatten-KI“ um sich greift, mit allen Herausforderungen für die Datensicherheit. Wer auf Eigenentwicklungen setzt sollte dabei stets darauf achten, dass das Wissen nicht nur bei einzelnen Kollegen liegt, sondern systematisch dokumentiert wird.

Wie konkret KI auch in kleineren Schritten eingeführt werden kann, zeigte Sven Schneider von der CEMO GmbH. Das Unternehmen ist Pionier bei mobilen Kunststoffanlagen, entwickelt und produziert in Deutschland und exportiert in mehr als 60 Länder.

Ausgangspunkt bei CEMO war die Frage, warum man KI überhaupt einsetzen sollte. Für Schneider liegt die Antwort vor allem in der Entlastung bei wiederkehrenden Aufgaben. KI könne Routinetätigkeiten in Sekunden erledigen, Daten automatisch prüfen, Fehler reduzieren und dafür sorgen, dass Mitarbeiter mehr Zeit für strategische und kundennahe Aufgaben haben. Außerdem lassen sich Prozesse besser skalieren, wenn das Auftragsvolumen steigt.

Praxisnahe KI-Assistenten für nahezu jeden Zweck

Besonders praxisnah waren die vorgestellten KI-Assistenten. Ein Assistent hilft beim Prompt-Design und fragt gezielt nach Kontext, Zielgruppe, Format und gewünschtem Ergebnis. Ein weiterer wandelt freie Notizen in professionelle Geschäftsmails um. Ein Übersetzungsassistent überträgt deutsche Texte ins Französische und achtet dabei auf Stil, Ton und Formatierung. Für den Vertrieb erstellt ein Recherche-Assistent kompakte White Paper über Unternehmen und Ansprechpartner. Ein weiterer Assistent unterstützt bei der Suche nach neuen Händlern oder Vertriebspartnern in ausgewählten Regionen. Auch für Stellenausschreibungen nutzt Cemo einen Assistenten, der aus Eingaben und Firmenprofil passende Anzeigen formuliert.

Ein besonders greifbarer Use Case ist die automatisierte Auftragsverarbeitung mit Workist. Bestellungen werden automatisch erfasst, analysiert, mit Stammdaten abgeglichen und in das ERP-System übertragen. Bei Unsicherheiten bleibt die menschliche Kontrolle erhalten. Laut Schneider spart das Unternehmen dadurch viel Zeit bei der Auftragserfassung und reduziert Fehler deutlich.

Entscheidend ist das Feedback der Nutzer

Wichtig war Schneider dabei die Botschaft, dass KI-Anwendungen nicht einfach fertig eingeführt werden können. Sie müssen trainiert, angepasst und laufend verbessert werden. Entscheidend sei das Feedback der Nutzer. Damit wurde auch beim dritten Praxisbeispiel deutlich: KI-Einführung ist kein einmaliges IT-Projekt, sondern ein gemeinsamer Lernprozess im Unternehmen.

Die Beispiele machten deutlich, dass KI im produzierenden Mittelstand längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr ist. Entscheidend ist weniger die eine große Lösung, sondern ein strukturiertes Vorgehen: Mitarbeiter früh einbinden, konkrete Anwendungsfälle identifizieren, Daten sinnvoll aufbereiten und den Nutzen laufend überprüfen. Ob Wissensdatenbank, Vertriebsunterstützung, Marktanalyse oder automatisierte Auftragsverarbeitung – überall dort, wo wiederkehrende Aufgaben, große Datenmengen oder gewachsene Prozesse den Arbeitsalltag erschweren, kann KI spürbar entlasten. Gleichzeitig zeigte die Praxisrunde: KI-Einführung braucht klare Rahmenbedingungen, Verantwortlichkeiten und die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen.

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