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KI aus Stuttgart: Wie „HammerHAI“ den Mittelstand in der Region stärkt
01.Apr. 2026 | 17 Min. Lesezeit | Digitalisierung & KI, KI, Standort |Autor: Kai Holoch
Künstliche Intelligenz für die Praxis – das steckt hinter HammerHAI
- Neuer Supercomputer für Künstliche Intelligenz Am Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart entsteht eine Plattform, die Künstliche Intelligenz für Unternehmen nutzbar macht. Der neue Rechner HammerHAI ist speziell darauf ausgerichtet, lernende Systeme zu trainieren und praxisnahe Anwendungen zu ermöglichen – von der Qualitätskontrolle bis zur Energieoptimierung.
- Starthilfe für Betriebe Gerade kleine und mittlere Unternehmen profitieren: Sie können Rechenleistung mieten, Beratung erhalten und in Schulungen lernen, wie KI ihren Arbeitsalltag erleichtert. Ziel ist es, den Einstieg in neue Technologien einfach, bezahlbar und verständlich zu machen.
- Sichere Daten in Stuttgart Alle Daten werden in Stuttgart verarbeitet – unter höchsten Sicherheitsstandards und nach europäischem Datenschutzrecht. Unternehmen behalten so die volle Kontrolle über ihre sensiblen Informationen, ohne auf internationale Cloud-Anbieter zurückgreifen zu müssen.
- Gemeinsame Kraft für die Region Das Projekt ist eine Kooperation von Universität Stuttgart, der Industrie- und Handelskammer, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft. Gemeinsam schaffen sie eine Infrastruktur, die den Standort stärkt und Künstliche Intelligenz als Chance für alle Branchen begreifbar macht.
Warum ausgerechnet HammerHAI? Diesen Namen hat das Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) für ihr neues, wegweisendes KI-Projekt gewählt. Bastian Koller lacht: „Nun, der Hammerhai ist ja ein Exot unter den Haien, ist schön anzuschauen, hat einen gewissen Charme und macht eher einen sympathischen Eindruck.“
Das sei aber nur die halbe Wahrheit, schiebt der 49-jährige Geschäftsführer des HLRS gleich nach. Vielmehr habe zunächst der umgangssprachliche Satz: „Das ist ja der Hammer!“ für die Namensfindung Pate gestanden. Und weil dann im Titel des Projekts noch das AI – die englische Version von Künstlicher Intelligenz – auftauchen sollte, sei die Wahl schließlich auf HammerHAI gefallen.
Mit HammerHAI schlägt das HLRS, das Teil der Universität Stuttgart ist, nun ein neues Kapitel in seiner Erfolgsgeschichte auf. Und Bastian Koller, der seit mehr als 20 Jahren zusammen mit Direktor Michael Resch das HLRS leitet, spielt dabei eine zentrale Rolle. Als Geschäftsführer einer der wichtigsten Rechenzentren Europas hat er eine klare Vision: Die gewaltigen technischen Möglichkeiten des Höchstleistungsrechnens sollen nicht nur der Wissenschaft dienen, sondern auch der Wirtschaft – vor allem jenen Betrieben, die keine eigene Digitalabteilung haben.
KI soll für den Mittelstand erlebbar und anwendbar werden
Welche Chancen sich da in den kommenden Jahren bieten werden, kann der Laie nur ahnen. Aber wer dem Informatiker zuhört, spürt hinter den mit Bedacht gewählten Worten die Begeisterung für das, was jetzt kommt. Und die ist durchaus ansteckend. Denn es geht um nicht weniger als Künstliche Intelligenz so begreifbar zu machen, dass sie in den Alltag passt. Koller: „Nur dann wird sie zur Chance – für die Forschung, aber vor allem für die Wirtschaft.“
Mit dem Projekt HammerHAI will Koller genau das erreichen. Es ist eines der bisher ehrgeizigsten Vorhaben des HLRS: Schließlich soll HammerHAI Künstliche Intelligenz nicht nur erforschen, sondern anwendbar machen. Statt theoretischer Forschung oder unnahbarer Supercomputer entsteht hier eine Plattform, die Unternehmen die Tür zu KI-Technologien öffnet. HammerHAI steht für Kraft, Wendigkeit und Präzision – Eigenschaften, man auch den neuen Spitzenrechnern des HLRS attestieren kann.
„Ludwigsburger Think Tank“: Praxisnähe als Programm
HammerHAI soll ab 2026 in Stuttgart laufen, als eigenes System, speziell ausgelegt für KI-Anwendungen: Während der bisherige HLRS-Supercomputer Hunter auf klassische Simulationen spezialisiert ist – etwa für Luft- und Raumfahrt, Energie oder Materialforschung –, wird Hammerhai gezielt für lernende Systeme gebaut: Spracherkennung, Bilderkennung, Automatisierung, Datenanalyse. Es geht um Maschinen, die nicht nur rechnen, sondern lernen.
Doch der eigentliche Unterschied liegt woanders: HammerHAI richtet sich nicht vor allem an Wissenschaftler, sondern ausdrücklich auch an Unternehmen. Und zwar an alle – vom Start-up bis zum Konzern. Denn viele Betriebe wissen zwar, dass KI die Zukunft verändern wird. Aber sie wissen nicht, wie sie anfangen sollen. Ihnen fehlen Zeit, Fachkräfte und Zugang zu sicherer Rechenleistung. „Viele haben tolle Ideen“, sagt Koller, „aber keine Infrastruktur, um sie auszuprobieren.“ Genau da will HammerHAI ansetzen.
„Viele haben ja tolle Ideen,aber keine Infrastruktur, um sie auszuprobieren.“
Bastian Koller
Der Ansatz ist dabei so einfach wie ungewöhnlich: Statt einer anonymen Cloud bietet das HLRS eine greifbare, persönliche Anlaufstelle. Unternehmen können Rechenzeit buchen, Daten hochladen und mit Unterstützung von Fachleuten aus dem HLRS-Team an Projekten arbeiten. Gleichzeitig werden sie geschult, damit sie künftig selbstständig weitermachen können. Diese Kombination aus Technologie, Beratung und Weiterbildung ist in Europa einzigartig.
Gefördert wird HammerHAI von der Europäischen Union und vom Bund, mit einem Budget von rund 55 Millionen Euro. Wobei allein der HammerHAI-Computer 50 Millionen Euro kosten wird. Die Planung läuft, der Vertrag soll noch Ende dieses Jahres unterschrieben werden. Der Aufbau beginnt im Frühjahr 2026. Die Betriebsbereitschaft ist für Mitte des Jahres geplant. Der Start, so erzählt Bastian Koller, erfolgt bewusst in einer kleineren Ausbaustufe. Diese biete alle wesentlichen Funktionen, lasse aber noch Raum für Wachstum. Erst 2027 soll das System erweitert werden, um auf neue technische Entwicklungen reagieren zu können. „Wir wollen kein Monument bauen, das in zwei Jahren veraltet ist“, sagt Koller. „Lieber starten wir früh – und bleiben flexibel.“
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In Testprojekten werden die Eckpunkte für die praktische Unterstützung der Unternehmen festgelegt
Diese pragmatische Haltung zieht sich durch das ganze Projekt. HammerHAI soll kein Elfenbeinturm werden, sondern ein Werkzeug, das sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientiert. Schon jetzt arbeitet das HLRS mit mehreren Unternehmen an sogenannten Proof-of-Concepts – also an Testprojekten, die zeigen, wie KI im Produktionsalltag helfen kann. Dabei geht es um handfeste Themen: Wie lassen sich Fehler in Fertigungsprozessen automatisch erkennen? Wie können Maschinenwartungen vorhergesagt werden? Wie kann KI den Energieverbrauch in Fabriken senken?
Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist das ein entscheidender Punkt. Sie verfügen oft über wertvolle Daten, aber nicht über die Mittel, diese Daten auszuwerten. Viele arbeiten noch mit Tabellen oder Insellösungen, während internationale Wettbewerber längst lernende Systeme einsetzen. HammerHAI will hier helfen – nicht mit theoretischem Wissen, sondern mit praktischer Unterstützung.
Klein anfangen, groß denken, so könnte man den Ansatz beschreiben. Unternehmen sollen erste Schritte wagen können, ohne sich finanziell zu übernehmen. Dennoch: „Wir bieten keine Dumpingpreise“, betont Koller. Die Nutzung wird nach tatsächlichen Kosten abgerechnet. Immerhin: Das HLRS ist gemeinnützig, muss deshalb keine Gewinne erzielen. Für viele Projekte gibt es zudem Förderprogramme, die einen Teil der Rechenzeit oder der Personalbegleitung übernehmen. So können auch kleinere Betriebe den Einstieg wagen.
Supercomputer standen am Anfang
Dass das HLRS in Europa heute eine Vorreiterrolle spielt, ist das Ergebnis einer beeindruckenden Entwicklung. Seit seiner Gründung 1996 als erstes Bündeshöchstleistungsrechenzentrum hat es eine Reihe von Supercomputern betrieben, die jeweils Meilensteine setzten. Vulcan, 2009 in Betrieb genommen, war der erste Rechner des HLRS, der die Grenze von hundert Billionen Rechenoperationen pro Sekunde durchbrach. Noch heute steht Vulcan der Kundschaft aus der Wirtschaft zur Verfügung.
Dieses Glück ist seinen Nachfolgern Hazel Hen und Hawk nicht vergönnt gewesen. Cray XC 40 Hazel Hen, so sein offizieller Name, erreichte 2015 mit 7,4 Petaflops, also einer Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde, eine Rechenleistung, die ihn zeitweise in die Top Ten der schnellsten Computer der Welt brachte.
Doch mit noch größerer Rechenleistung kam auch großer Energieverbrauch. Als Hazel Hen abgebaut wurde, war die Herausforderung klar: Mehr Leistung bei weniger Energie. Der Nachfolger Hawk erreichte das – dank effizienter Architektur und moderner Kühlung – mit einer Energieeinsparung von fast 40 Prozent pro Recheneinheit. Und der aktuelle Supercomputer Hunter, seit Anfang 2025 in Betrieb, setzt diese Linie fort: Er bietet mit rund 48 Petaflops mehr als doppelt so viel Rechenleistung wie Hawk, benötigt dabei aber nur 20 Prozent des Stroms seines Vorgängers. Hunter dient der Simulation – etwa für Strömungen, Fahrzeugentwicklung oder Windkraft – und wurde mit rund 15 Millionen Euro aus Mitteln von Bund und Land gefördert.
Während Hunter die wissenschaftliche Forschung auf ein neues Niveau hebt, entsteht mit HammerHAI nun der spezialisierte KI-Zweig. Schon 2027 soll dann der nächste große HPC-Rechner für Stuttgart folgen: Herder, so sein Name, wird gleich mehrere hundert Petaflops erreichen. Er wird knapp 100 Millionen Euro kosten und Hunter ersetzen. Damit schließt sich ein Kreis: Hunter für Fokus auf Simulation, Hammerhai für KI – und Herder als nächste Stufe.
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Kooperation mit hochkarätigen Forschungseinrichtungen gibt dem Projekt Gewicht
Um ein Projekt wie HammerHAI zu stemmen, braucht es starke Partner – und davon hat das HLRS viele. Im europäischen Verbund arbeitet Stuttgart mit dem Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) in München, der GWDG in Göttingen, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Sicos BW Gesellschaft zusammen.
Das LRZ bringt seine Erfahrung im Bereich Datenmanagement und Energieeffizienz ein und ist damit wichtiger Sparringspartner für die nachhaltige Architektur von Hammerhai. Die GWDG, ein Gemeinschaftsunternehmen der Universität Göttingen und der Max-Planck-Gesellschaft, sorgt für die Integration in die europäischen Dateninfrastrukturen. Das KIT steuert Know-how im Bereich industrielle Anwendungen und Cloud-Technologien bei. Und SICOS BW – eine gemeinsame Initiative von IHK Region Stuttgart und HLRS – bildet die Brücke zur Wirtschaft: Sie begleitet Unternehmen, berät bei der Umsetzung und sorgt dafür, dass die neuen Technologien dort ankommen, wo sie gebraucht werden – in der Praxis.
IHK bringt Wirtschaft und Wissenschaft zusammen
Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, die als Vermittlerin zwischen Wirtschaft und Forschung fungiert. Über Veranstaltungen, Fachforen und Netzwerke bringt sie Unternehmen und Expertinnen und Experten zusammen. Gemeinsam mit der Sicos-Gesellschaft, einer Initiative des Landes Baden-Württemberg, des HLRS und des KIT, unterstützt sie Firmen, die erste Projekte planen. Dort lernen sie, welche Daten sich für KI eignen, welche Software genutzt werden kann und wie man aus einer Idee ein konkretes Anwendungsszenario entwickelt. Für viele Mittelständler ist das der entscheidende Schritt: Sie müssen nicht bei null anfangen, sondern können auf Erfahrung und Unterstützung bauen.
Dass das Projekt in Stuttgart entsteht, ist kein Zufall. Das HLRS ist seit Jahrzehnten ein Ort, an dem Wissenschaft und Industrie zusammenarbeiten. Heute gehört es zu den drei großen Standorten des „Gauss Centre for Supercomputing“, neben München und Jülich. Von Stuttgart aus laufen Simulationen, die weltweit genutzt werden – von der Fahrzeugentwicklung über Energieeffizienz bis zur Klima- und Materialforschung.
Einhaltung strenger Datenschutzregeln soll Vertrauen schaffen
Doch das HLRS war nie nur ein Forschungszentrum. Schon früh erkannte man hier, dass Höchstleistungsrechnen nur dann Wirkung entfaltet, wenn die Ergebnisse in die Praxis gelangen. Unter Michael Resch – und später mit Bastian Koller – wurde dieser Gedanke konsequent weiterentwickelt. Gemeinsam bauten sie Strukturen auf, die den Dialog mit Unternehmen ermöglichen, und gründeten mit Partnern die Supercomputing-Akademie. Hier lernen Fachkräfte, wie sie moderne Rechenmethoden im Betrieb einsetzen können.
„Unsere Kunden wissen genau, wo ihre Daten liegen. Das ist in Zeiten globaler Unsicherheit ein nicht zu unterschätzender Vorteil.“
Bastian Koller
Für viele Unternehmen ist ein weiterer Aspekt entscheidend: Sicherheit. Während große Cloud-Anbieter oft außerhalb Europas sitzen, läuft HammerHAI in Stuttgart unter den strengen Datenschutzregeln der EU. Das HLRS ist nach ISO 27001 zertifiziert und erfüllt auch die so genannten Tisax-Anforderungen der Automobilindustrie – ein Gütesiegel, das Vertrauen schafft. „Unsere Kunden wissen genau, wo ihre Daten liegen“, sagt Koller. „Das ist in Zeiten globaler Unsicherheit ein nicht zu unterschätzender Vorteil.“
Überzogene Erwartungen und mangelnde Investitionskraft bleiben Risiken
Trotzdem bleibt der Weg nicht ohne Hürden. Der Fachkräftemangel trifft auch die IT-Branche, und viele Unternehmen zögern, in neue Technologien zu investieren. Hinzu kommt, dass der Begriff Künstliche Intelligenz häufig Erwartungen weckt, die kaum erfüllbar sind. Manche hoffen auf die perfekte Automatisierung, andere fürchten Kontrollverlust. Koller hält wenig von solchen Extremen. „KI ist ein Werkzeug“, sagt er. „Wie jeder Hammer kann man auch damit Gutes oder Unsinniges anstellen. Entscheidend ist, wer ihn in der Hand hält.“
Darum will HammerHAI nicht nur Technik bereitstellen, sondern auch Kompetenz aufbauen. Über Schulungen, Workshops und Kooperationen sollen Beschäftigte befähigt werden, selbst mit KI zu arbeiten. Besonders im Mittelstand, wo die Wege kurz und die Verantwortung groß ist, kann das ein entscheidender Faktor werden. Wenn Mitarbeiter verstehen, was KI leisten kann, entstehen Ideen, die aus dem eigenen Betrieb kommen – und genau das ist der Kern der Innovation.
Geht die Rechnung auf, kann die Region bundesweit zum Vorbild werden
Die Region Stuttgart bietet dafür beste Voraussetzungen. Sie ist Heimat weltbekannter Industrieunternehmen, aber auch einer Vielzahl von Zulieferern, Ingenieurbüros und jungen Technologiefirmen. Diese Mischung aus Erfahrung und Erfindergeist ist fruchtbarer Boden für Projekte wie HammerHAI. Hier trifft Ingenieurdenken auf Unternehmertum, Forschung auf Praxis. Wenn es gelingt, diese Kräfte zu bündeln, könnte Stuttgart europaweit zu einem Vorbild werden, wie KI sinnvoll und sicher in den Arbeitsalltag integriert werden kann.
Bastian Koller sieht darin mehr als nur ein technisches Ziel. Für ihn ist es auch eine Frage der Haltung. „Wir reden viel über digitale Souveränität“, sagt er. „Aber sie entsteht nicht durch Schlagworte, sondern durch konkrete Angebote. HammerHAI soll eines davon sein – offen, transparent und für alle zugänglich.“
Für die Region Stuttgart ist das eine große Chance – und vielleicht genau der Impuls, den sie braucht, um auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz das zu bleiben, was sie immer war: ein Ort, an dem Innovation zu Handwerk wird, und Ideen zu greifbaren Ergebnissen führen.