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In der IHK-Reihe „Im Gespräch mit…“ konnte Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre im Mai Gregor Gysi begrüßen.

Im Gespräch mit Gregor Gysi

29.Mai 2026 | 10 Min. Lesezeit | Politische Forderungen, Wirtschaft und Politik |
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Gregor Gysi in Bestform: schlagfertig, unterhaltsam – und ein Meister darin, Fragen elegant auszuweichen. Beim IHK-Format „Im Gespräch mit…“ unterhielt der Bundestagsabgeordnete rund 500 Gäste mit pointierten Anekdoten, klaren politischen Botschaften und jeder Menge Humor. Warum er seine Ausbildung zum Rinderzüchter als perfekte Vorbereitung auf die Politik sieht, weshalb er in Sachen AfD-Verbot skeptisch ist und welche überraschende Idee er für den Ukraine-Krieg hat – all das sorgte auf der IHK-Terrasse noch lange für Gesprächsstoff.
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Volles Haus und gebannte Zuhörer.

Warum Gregor Gysi zeitweise auf Platz zwei der beliebtesten Politiker Deutschlands stand, weiß man spätestens nach seinem Auftritt in der IHK-Reihe „Im Gespräch mit…“ am 28. Mai: Der Mann kann unterhalten und sich verkaufen. Und er hat die Fähigkeit perfektioniert, auf Fragen nicht zu antworten: „Ich bin Politiker. Wir antworten doch nicht auf Fragen!“, ließ er die rund 500 Zuhörer halb ironisch, halb ernst wissen, die trotz Pfingstferien und herrlichem Sommerwetter gekommen waren, um den Bundestagsabgeordneten und Alterspräsidenten live zu erleben.

Vorbereitet auf diese Parlamentsarbeit habe ihn übrigens seine Ausbildung zum Rinderzüchter, wie er launig erklärte: „Da habe ich gelernt auszumisten und mit Hornochsen umzugehen.“

Vorgestellt hatte ihn IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Susanne Herre als „einen Mann, der nicht unbedingt die klassische IHK-Linie vertritt“. Es sei aber „unglaublich wichtig in Zeiten, wo die Meinungen immer extremer werden, dialogorientiert zu bleiben.“

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Zwei Stunden Redezeit: Gysi war sichtbar in seinem Element.

Gysi erzählte ausführlich über seine Erfahrungen als Rechtsanwalt – erst in der DDR, wo dies als „aussterbender bürgerlicher Beruf galt und es weniger Rechtsanwälte gab als heute allein am Kurfürstendamm“. Seit 1990 dann in der Bundesrepublik. Viele Mandate übernehme er, weil er „einen Hang zu Problemen“ habe. „Wenn Sie am Boden liegen, rufen Sie mich an. Vorher hat das keinen Zweck“, gab er dem Publikum mit auf den Weg.

Die Anziehungskraft, die Problemfälle auf ihn ausüben, habe ihn auch bewogen, zur Wendezeit den SED-Vorsitz zu übernehmen, obwohl er vorher außer Egon Krenz niemanden aus der ersten Riege persönlich gekannt habe.

Auf die Frage, wie er den Rechtsruck in den ostdeutschen Bundesländern erkläre, räumte er ein, dass auch seine Partei nicht unschuldig daran sei: Als nach dem Zusammenschluss mit den West-Linken die WASG entstand, habe diese den Osten vernachlässigt.

Allerdings handele es sich beim Rechtsruck um ein weltweites Phänomen, das viel damit zu tun habe, dass der Westen seine Werte vernachlässige, seit er sie nach dem Ende des kalten Krieges nicht mehr als politisches Argument brauche. Viele schlössen außerdem aus dem Aufstieg Chinas, dass Gewaltenteilung und Opposition ein erfolgreiches Regieren behindere. Dritter Grund in seinen Augen: Das Scheitern linker Ideen sei noch präsent, während die Nazizeit gerade für die Jungen so weit weg sei wie das Mittelalter.

Für DDR-Bürger käme noch erschwerend hinzu, dass sie in Windeseile erst zu Deutschen, dann zu Europäern und schließlich zu Weltbürgern werden sollten. Zudem hätten sie sich entwertet gefühlt, weil außer dem grünen Pfeil, dem Ampel- und dem Sandmännchen keine ihrer Errungenschaften nach der Wende übernommen wurden. Dabei hätte es da einiges Erhaltenswerte gegeben, wovon auch die Westbürger profitiert hätten: zum Beispiel Polikliniken, die Kinderbetreuung, die Gleichstellung oder das „duale Abitur“, bei dem man – wie er selbst – Hochschulreife und Lehrabschluss gleichzeitig erworben habe.

Ein AFD-Verbot ist für Gysi keine Lösung. Diesbezüglich gebe es nicht nur juristische Probleme, sondern auch zu viele Wähler. Vielmehr müsse die Partei politisch überwunden werden, zum Beispiel indem man ihr andere Fragen stellt als immer nur zu Migration und Europa. Dann müsste sie Farbe bekennen. Als „Zweckoptimist“ sei er aber zuversichtlich, dass bei den Landtagswahlen im Herbst viele Wähler „die Notbremse“ zögen, sodass die „Katastrophe“ eines AFD-Ministerpräsidenten abgewendet würde.

Auf seine Einschätzung der aktuellen Politik angesprochen, sprach Gysi von einer „gelähmten Regierung“ weil die CDU kein Mittel gegen die AFD finde und die SPD ums Überleben kämpfe. Seine Lösung für finanzielle Probleme sind – keine Überraschung – den Mittelstand entlasten und die Reichen zahlen zu lassen. Auch die Abschaffung von Minijobs und ein Mindestlohn von 15 Euro hat er auf der Agenda. Sanktionen, zum Beispiel beim Bürgergeld, erteilte er hingegen eine Absage und plädierte für eine „Boni-Struktur“, die alle, die sich anstrengen, belohnt.

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Vorgestellt wurde Gysi von Susanne Herre als „einen Mann, der nicht unbedingt die klassische IHK-Linie vertritt“.

Das wäre auch sein außenpolitisches Rezept für den Ukraine-Krieg. Seine konkrete Idee: Zehn Jahre verwalten Russen und Ukrainer den Donbass gemeinsam. Alle Bürger haben beide Staatsangehörigkeiten, und in den Schulen fände der Unterricht je zur Hälfte in Russisch und in Ukrainisch statt. Danach werde auf Grundlage der gemachten Erfahrungen – und vielleicht mit anderen Akteuren – erneut verhandelt.

Dass er selbst noch einmal zu einer Bundestagswahl antritt, um seine Ideen voranzubringen, schloss er aus – „auch wenn ich dann so alt bin, wie Trump jetzt, also im idealen Alter“. Spaßeshalber habe er auch schon einen Plan, wie er den Supreme Court überzeugt, dass er gebürtiger US-Amerikaner und damit als Präsident wählbar ist. Schließlich sei er im amerikanischen Sektor Berlins geboren, als es keinen deutschen Staat gab.

Nach zwei Stunden resümierte Gysi selbstironisch, so lange wollte er sich keinesfalls zuhören müssen. Die Gäste waren da offensichtlich anderer Meinung, wie die vielen Lacher und der Applaus bezeugten. Beim anschließenden Networken auf der IHK-Terrasse gab es jedenfalls eine Menge Gesprächsstoff.

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