© Silicya Roth
Im Auftrag der Wirtschaft: Edith Strassacker
27.März 2026 | 14 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft, Standort |Autor: Kai Holoch
© Silicya Roth
„Es war lange eher klar, dass ich das nicht mache.“ Edith Strassacker lehnt sich auf ihrem Sessel zurück und lacht. Wer die Unternehmerin und Präsidentin der IHK-Bezirkskammer Göppingen heute in ihrer Heimatstadt Süßen besucht, begegnet einem Menschen, dessen Lebensgeschichte gewiss keinem stringenten Masterplan folgt.
Denn dass sie einmal in vierter Generation eines der bedeutendsten Kunstguss-Unternehmen Europas führen würde? Das war trotz ihrer familiären Prägung lange keineswegs ausgemacht. Dass sie nun doch – und dass nun schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert – die Ernst Strassacker Kunstgießerei und seit 15 Jahren die Strassacker Project mit insgesamt über 300 Angestellten auf Erfolgskurs hält, hat viel mit ihrem nüchternen Blick auf Verantwortung zu tun, erzählt aber auch von der Freiheit, eigene Wege zu gehen – und von der Offenheit, im entscheidenden Moment dann doch ja zu sagen – und das nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung.
„Ich bin geprüfte Spielwarenfachverkäuferin, spezialisiert auf Lego und Playmobil“
Edith Strassacker
Doch beginnen wir etwas früher: Nach dem Abitur sucht Edith Strassacker zunächst ganz bewusst die Praxis. Bei Breuninger steigt sie in ein Traineeprogramm ein, lernt Verkauf von Grund auf. „Ich bin geprüfte Spielwarenfachverkäuferin, spezialisiert auf Lego und Playmobil“, erzählt sie und schmunzelt. Diese charmante Anekdote zeigt zugleich, was ihr wichtig ist: Zuhören, Bedürfnisse verstehen, präsent sein. Edith Strassacker: „Die Erfahrung im Verkauf, der direkte Kontakt mit den Kunden, das hat mich geprägt.“
Es folgen ein BWL-Studium in Pforzheim mit Schwerpunkt Marketing und Werbung, ein Praktikum in den USA und – weil sie sich nie nur für Zahlen interessiert hat – ein Jahr in Wien. Dort besucht sie Kurse in Kunstgeschichte. „Ich wollte wenigstens ein bisschen was von der Kunst mitbekommen“, erinnert sie sich. Auch wenn es nahegelegen hätte: Das war noch nicht der Einstieg ins Familienunternehmen.
Freiheit machte es leichter, sich für die Firma zu entscheiden
Nach Wien arbeitete Edith Strassacker zunächst im internationalen Marketing in der IT-Branche. Erst dann kam der Anruf von zu Hause: „Dann allerdings habe ich nicht mehr lange überlegt.“ Dass sie sich dem Unternehmen nicht früh ausgeliefert fühlte, sieht sie heute als Glück: „Wenn ich in dem Bewusstsein aufgewachsen wäre, du musst mal in die Firma gehen, wäre das für mich belastend gewesen.“ Heute sagt sie mit Überzeugung: „Ich liebe das Metier, ich liebe die Gießerei, ich liebe die Kunst. Ich bin zu Hause im besten Sinn.“
Dieses Zuhause ist ein besonderer Ort. Die Kunstgießerei Strassacker, 1919 vom Urgroßvater Ernst Strassacker gegründet, ist weit über die Region hinaus bekannt. In Süßen wird seit über einem Jahrhundert gegossen, ziseliert, patiniert und modelliert – mit einem handwerklichen Anspruch, der Tradition mit Innovation verbindet. Rund 380 Angestellte arbeiten an Skulpturen, Architekturteilen und Kunstobjekten.
Skulpturen vom „Bambi“ bis zur Kirchenkunst
Das wichtigste Geschäftsfeld ist die sakrale Kunst: Grabzeichen und Gestaltungselemente für Friedhöfe, entwickelt gemeinsam mit Steinmetzen aus Deutschland und dem Ausland. Hinzu kommen die Manufaktur für individuelle Künstlerarbeiten, eine Edition für Kunstsammler sowie der Bereich Architektur mit internationalen Großprojekten, unter anderem in Europa, den USA und im Nahen Osten.
Zu den bekanntesten Arbeiten aus Süßen gehören der Burda Medien Preis Bambi, der fünf Meter hohe Uwe-Seeler-Fuß vor dem Hamburger Volksparkstadion sowie monumentale Bronzeportale für bedeutende Bauwerke – etwa für religiöse oder repräsentative Gebäude. Auch Editionen und Arbeiten namhafter Künstler entstehen hier. Die Spannweite reicht von kleinen Kunstobjekten bis zu großen Architekturprojekten – eine Verbindung aus Handwerk, Kunst und Ingenieursleistung.
Auch in einem 5000 Jahre alten Gewerbe verändert die Digitalisierung viel
Viele Künstler gingen im Elternhaus ein und aus. Edith Strassacker ist mit Gesprächen über Kunst aufgewachsen, gleichzeitig nutze sie das labyrinthische Firmengelände – nicht immer zur Freude der Eltern – als großen Spielplatz. Bis heute genießt sie diese Atmosphäre – etwa wenn sie abends durch die Werkstätten geht und Künstler bei der Arbeit trifft. Dann entstehen Gespräche über Materialien, Formen und Ideen, die weit über das Tagesgeschäft hinausgehen. Gerade diese Begegnungen seien es, die den besonderen Reiz der Arbeit ausmachen.
Zugleich beobachtet sie den Wandel ihrer Branche genau. Auch in einer Gießerei verändert die Digitalisierung die Abläufe. Digitale Modelle, 3D-Druck und neue Verfahren eröffnen zusätzliche Möglichkeiten. Internationale Künstler schicken heute Datensätze statt physischer Modelle, komplexe Formen lassen sich digital entwickeln und anschließend umsetzen. „Unser klassisches Handwerk existiert seit 5000 Jahren“, sagt sie. „Aber digitale Möglichkeiten erweitern unsere Arbeit.“ Tradition und Technik schließen sich für sie nicht aus – sie ergänzen sich.
Campus Vivorum – ein Reallabor für den Friedhof der Zukunft
Mit dem Campus Vivorum hat die Kunstgießerei Strassacker in Süßen ein weltweit einzigartiges Experimentierfeld für die Weiterentwicklung von Friedhöfen geschaffen. Auf rund 6000 Quadratmetern zeigt das Reallabor im Maßstab 1:1, wie Friedhöfe künftig gestaltet werden können – stärker orientiert an den Bedürfnissen von Trauernden und an gesellschaftlichen Veränderungen.
Gemeinsam mit Architekten, Landschaftsarchitekten, Psychologen und Trauerbegleitern wurden unterschiedliche Räume entwickelt: etwa geschützte Orte für individuelles Abschiednehmen, Gemeinschaftsanlagen mit individueller Gestaltung oder Bereiche für Rituale und Erinnerung.
Beispiele sind ein Andachtsraum mit Urnennischen, der Angehörigen Zeit für eine spätere Entscheidung über die endgültige Beisetzung gibt, modulare Grabfelder, die flexibel für Einzel-, Familien- oder Gemeinschaftsgräber genutzt werden können, Räume für Begegnung und Austausch mit Sitzgelegenheiten und Wasserelementen sowie naturnahe Bereiche, die Ruhe und Orientierung bieten.
Der Campus dient als Inspiration, Diskussionsplattform und Praxislabor für Friedhofsverwaltungen, Kommunen und Planer, die Friedhöfe als Orte des Abschieds, der Erinnerung und des Lebens neu denken möchten.
Kontakt: Initiative „Raum für Trauer“,
Staufenecker Straße 13, 73079 Süßen
info@raum-fuer-trauer.de
© Ernst Strassacker GmbH & Co. KG Kunstgießerei
Die IHK stellt sich den Themen und begleitet die Transformation
Neben ihrer Rolle als Unternehmerin engagiert sich Edith Strassacker intensiv für die regionale Wirtschaft. Seit 2020 steht sie als Präsidentin an der Spitze der IHK-Bezirkskammer Göppingen, seit 2023 ist sie zudem stellvertretende Präsidentin der IHK Region Stuttgart. Es ist ein Ehrenamt, das Zeit kostet, das sie aber als wichtige Aufgabe versteht. Die IHK bringe Unternehmen zusammen, greife aktuelle Themen auf und organisiere Seminare, Workshops oder Veranstaltungen – etwa zu Digitalisierung oder künstlicher Intelligenz. Gerade der Austausch zwischen Unternehmen spiele dabei eine wichtige Rolle.
Die rund 16.000 IHK-Mitgliedsbetriebe im Kreis Göppingen stehen vor großen Herausforderungen: Strukturwandel in der Automobilindustrie, Fachkräftemangel, steigende Kosten. Der Landkreis habe dabei Stärken, die Edith Strassacker mit Nachdruck betont: Es gebe viele leistungsfähige mittelständische Unternehmen, oft weniger sichtbar als große Konzernmarken, aber sehr erfolgreich in ihren Märkten. Dass der Hochschulstandort erhalten bleibt und mit Studiengängen wie Digital Engineering zukunftsorientiert ausgebaut wird, wertet sie als wichtigen Erfolg. „In der Summe sind wir ein guter Standort, der sich um Zukunftsthemen kümmert“, sagt sie.
Auch im Kreis Göppingen kämpft die Industrie mit vielen Hindernissen
Und doch steht die Region unter Druck. Der Strukturwandel in der Automobilindustrie trifft Göppingen mit voller Wucht, weil viele Zulieferer hier ihren Sitz haben oder stark mit der Branche verflochten sind. Die Insolvenz des Unternehmens Allgaier nennt Strassacker „brutal“ – ein Einschnitt, der viele erschüttert habe. Zugleich blickt sie auch auf andere Problemfelder: Auf hohe Energiekosten, auf Fachkräftemangel, auf Infrastrukturdefizite und vor allem auf den Mangel an Gewerbeflächen.
„IIch kann aber nicht Gewerbe ablehnen und beklagen, dass man keine Arbeitsplätze hat. Das geht halt nicht zusammen.“
Edith Strassacker
Gerade dieses Thema treibt sie sichtbar um. Für sie ist die Debatte oft von Widersprüchen geprägt. „Jeder will einen Arbeitsplatz, keiner will Industrie“, sagt sie: „Ich kann aber nicht Gewerbe ablehnen und beklagen, dass man keine Arbeitsplätze hat. Das geht halt nicht zusammen.“ Bürgerentscheide gegen Gewerbegebiete, langwierige Genehmigungsverfahren, bürokratische Blockaden – all das erschwere die Entwicklung unnötig. Sie schildert Fälle, in denen selbst kleine Flächen an absurden Detailfragen scheitern.
Wirtschaftliche Zusammenhänge müssen erklärt werden – auch hier ist die IHK gefragt
Dahinter steht für sie ein grundsätzliches Problem: Es fehle oft das Verständnis dafür, wie Wohlstand, Arbeitsplätze und kommunale Einnahmen zusammenhängen. Die IHK sieht sie deshalb auch in der Rolle einer Aufklärerin. Wirtschaftliche Zusammenhänge müssten besser erklärt werden – nicht abstrakt, sondern konkret.
Trotz aller Schwierigkeiten bleibt sie optimistisch: Krisen gehörten zur wirtschaftlichen Entwicklung dazu. „Es bleibt ja eigentlich nur der Weg nach vorne“, davon ist sie überzeugt. Entscheidend sei, Chancen zu erkennen und zu nutzen.
Vielleicht beschreibt genau das ihre eigene Lebensgeschichte am besten. Sie hat ihren Weg nie minutiös geplant. Viel wichtiger war für sie, aufmerksam zu bleiben – und Möglichkeiten zu ergreifen, wenn sie sich boten. Oder, wie sie es formuliert: „Man kann das Leben nicht komplett planen. Aber man kann offen bleiben für das, was kommt.“