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Im Auftrag der Wirtschaft: Claus Paal

16.März 2026 | 14 Min. Lesezeit | Standort |
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Ganz nah dran an den Mitgliedsunternehmen – das ist der Anspruch der IHK. Ein wichtiges Element sind dabei unsere fünf Bezirkskammern, an deren Spitze Unternehmerinnen und Unternehmer stehen. mawi-on stellt sie Ihnen in einer kleinen Serie vor. In der 2. Folge lernen Sie Claus Paal kennen: den neugierigen Möglichmacher und unerschütterlichen Optimisten aus dem Remstal.
IHK-Präsident Claus Paal mit Silke Launert, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesforschungsministerium. © Pressefoto Kraufmann
IHK-Präsident Claus Paal mit Silke Launert, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesforschungsministerium.

Claus Paal, der Kammerpräsident der IHK Region Stuttgart und der Bezirkskammer Rems-Murr,  kennt Politik und Unternehmertum – und wirbt dafür, Kooperationen zu stärken, Fachkräfte zu sichern, die duale Ausbildung zu fördern und Chancen konsequent zu nutzen.

Für ihn beginnt der Arbeitstag, bevor andere überhaupt an Kaffee denken. „Ich bin heute Morgen um fünf aufgestanden“, sagt Claus Paal, lacht und fügt hinzu: „Das ist ganz normal für mich. Ich brauche nicht viel Schlaf.“ Das ist gut so. Denn der 59-Jährige nutzt jede freie Minute, um all die Gespräch zu führen, Projekte voranzutreiben und Entscheidungen zu treffen, die ihn bewegen.

Claus Paal, das spürt man beim ersten Treffen, zählt gewiss nicht zu den Menschen, die immer nur erklären, warum etwas nicht geht. Stattdessen macht er alles, um Ideen möglich zu machen. Seine Dynamik und sein unerschütterlicher Optimismus sind ansteckend. Er ist nicht nur Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. In Personalunion füllt er auch das Amt des Präsidenten der IHK Region Stuttgart und das des stellvertretenden Präsidenten des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) aus.

Wo anfangen? Claus Paal ist Unternehmer, war Landtagsabgeordneter, ist Netzwerker, Motivator, Interessenvertreter. Im Mittelpunkt steht dabei eine Eigenschaft, die ihn antreibt wie kaum etwas anderes: seine Neugier. „Ich stelle mir jeden Tag vor, was anderes zu machen. Ich wache morgens auf und bin offen für Neues“, versucht er eine Eigenbeschreibung. Das passt zu einem Lebenslauf, der immer wieder Kurswechsel kennt – ohne dass der Mensch Claus Paal seinen Kompass verloren hätte.

Technik als Zuhause – von klein auf

Aufgewachsen ist Paal in einem Maschinenbaubetrieb. Sein Vater leitete die 1965 gegründete Paal Verpackungsmaschinen Gesellschaft in Weinstadt. 1993 übernahm Sohn Claus in dritter Generation das Familienunternehmen. „Ich bin in den Maschinen drin aufgewachsen“, erinnert er sich an seine Jugend: Die Wochenenden verbrachte er im Betrieb, zusammen mit dem Vater, beim Kunden, früh an Drehbank, Fräse und Bohrer. Dieses Milieu prägte: Technik war für ihn kein abstraktes Thema, sondern Handwerk, Problemlöser, Stolz – und Verantwortung. Früh erkannte er: „Baden-Württemberg lebt nicht von Rohstoffen, sondern von den Rohstoffen im Kopf der Menschen hier und von der Entwicklung, von der Innovation.“

Er studiert Maschinenbau in Karlsruhe – mit Begeisterung und Tempo natürlich. Dass er sich schon Ende der 1980er-Jahre für IT interessiert, ist typisch Paal: früh dran, neugierig, pragmatisch. Er kann sich noch gut erinnern: „Die ersten Computer habe ich selber gebaut“

Claus Paal beim Frühjahrsempfang der IHK Bezirksammer Rems-Murr 2025 im Goldbergwerk Fellbach © Gabriel Habermann
Claus Paal beim Frühjahrsempfang der IHK Bezirksammer Rems-Murr 2025 im Goldbergwerk Fellbach

Unternehmer mit Wachstum – und der Sprung in die Politik

Als der Sohn den elterlichen Betrieb übernahm, gab es dort rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als Paal ihn 2009 an Bosch verkaufte, um in die Politik zu gehen, waren es mehr als 250. Der Impuls zu diesem radikalen Schritt kam von Günther Oettinger. Der Ministerpräsident überredete Paal, in die Politik zu wechseln und Wirtschaftspolitik zu machen: „Ich wollte nicht immer nur über die Politik schimpfen, sondern auch mal auf der Seite stehen, auf der die Entscheidungen getroffen werden“, erklärt der seine Motivation. Er ist begeistert von den Einblicken, vom Tempo, von den Einflussmöglichkeiten – aber auch von den Entscheidungsmechanismen: „Im Gegensatz zu einem Unternehmer muss ein Politiker immer Mehrheiten finden. Das kann mühsam sein, ist aber lehrreich“.

Neustart – und eine harte Diagnose für den Standort

Nach zehn Jahren zieht er ganz bewusst einen Schlussstrich, denn Paal ist überzeugt, dass Politik nicht zum Lebensberuf werden darf. „Ich finde, Politik muss immer auf Zeit sein, denn als Politiker lebt man in einer Blase. Sein Weg führt zurück in die Selbständigkeit.  Heute ist er Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Claus Paal GmbH und Geschäftsführender Gesellschafter der A + V Automation und Verpackungstechnik GmbH.

Doch der Neustart bringt eine ernüchternde Erkenntnis: „Es ist in Deutschland fast nicht mehr machbar, von null einen Maschinenbaubetrieb mit Produktion hochzuziehen. Dich erwürgt die Bürokratie.“ Er formuliert es plakativ – und gerade dadurch bleibt es hängen: „Die ersten 15 Leute sind unproduktive Beauftragte. Erst dann kommt der erste Monteur.“

Paal reagiert: Die Bereiche Engineering, Vertrieb und Service sind in Deutschland angesiedelt. Die Sondermaschinen produziert er mit Hightech-Partnern im Ausland. Das Ergebnis: Auslastung, Planungssicherheit. Paal: „Stand heute sind wir komplett ausgelastet.“

IHK: Einfluss durch Argumente – nicht durch Lautstärke

Seit 2000 steht Paal zudem an der Spitze der IHK im Rems-Murr-Kreis. Die Rolle hat sich gewandelt, die Aufgaben sind größer geworden – doch Paal ist seiner Grundüberzeugung treu geblieben: „Ich bin jemand, der nicht über die Macht entscheiden möchte, sondern über das Argument“, beschreibt er seinen Ansatz.  Und ja: Es hilft, wenn man weiß, wie Politik funktioniert – und wenn man diejenigen kennt, die man anruft. „Die Türen sind noch heute offen“, sagt er über seine Zeit als Landtagsabgeordneter.

Wenn Paal die IHK beschreibt, rückt er einen Begriff ins Zentrum, der oft unterschätzt wird: Vernetzung. „IHK-Aufgabe ist die Vernetzung, ist der Kontakt zu Mitgliedsunternehmen und in alle Ebenen der Politik.“ Nicht nur beraten, sondern zusammenbringen, regelmäßige Treffen, Bedarfe erkennen, Investitionen möglich machen, Kooperationen fördern. Denn: „Die Kooperation ist die Zukunft. Ein Unternehmen allein kann die technischen Herausforderungen gar nicht bewältigen.“

Rems-Murr: starke Branchen, weiche Faktoren – und eine Sorge

Der Rems-Murr-Kreis, sagt Paal, sei lange stolz gewesen, nicht zu automobilabhängig zu sein. Maschinenbau, Elektrotechnik, dazu Branchen, die stabil laufen: Gesundheits- und Pharmabereich, Lebensmittel, Konsumgüter. Und doch: Der Strukturwandel trifft auch das Remstal. Paal schlägt deshalb nicht Alarm. Er beschreibt die Situation eher nüchtern:  Es gebe „Veränderungen“. Die müsse man gestalten, damit „das Neue schnell entsteht, wenn etwas Altes in Probleme kommt“.

Deutlich mehr Sorge bereitet ihm  der Rückgang bei den Ausbildungsverträgen. Für Paal ist das kein Nebenthema, sondern Fundament. „Die duale Ausbildung ist die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs.“ Deshalb wird er dort ganz konkret: „Wir müssen Werbung machen, in Schulen gehen, auch Eltern erreichen. Nicht jeder muss studieren“, sagt er, und erinnert daran, dass Aufstiegsfortbildungen in der dualen Ausbildung Verdienste ermöglichen, „die die eines Akademikers übersteigen“.

Und dann sind da die „Soft Facts“, die Paal mit sichtbarer Freude aufzählt: das Remstal, Weinberge, Naturwald, Naherholung, Kitas und Schulen – Dinge, die Fachkräfte anziehen, weil sie über Lebensqualität entscheiden. „Wir haben natürlich auch den besseren Wein“, sagt er trocken und lacht. Dazu kommen Hidden Champions, Weltmarktführer, ein dichtes Unternehmensnetzwerk. Rems-Murr sei nicht nur ländlich und dezentral, sondern leistungsfähig – und oft unterschätzt.

„Vom Reden ins Machen“: ein Erlebnis, das bleibt

Als eines der eindrücklichsten Erlebnisse in seiner Zeit bei der IHK nennt Paal die Flut im Wieslauftal. Einerseits seien der Verlust an Menschenleben und die Schäden natürlich furchtbar gewesen. Und doch bleibt ihm etwas anderes ebenso stark in Erinnerung: das Danach. Paal: „Wie die Menschen zusammengehalten haben. Da hat man nicht gewartet, bis der Staat kommt, sondern da wurde wirklich geholfen vor Ort.“ Mit Stiefeln, Schaufeln, gespendete Farbe. Institutionen und Unternehmen im gemeinsamen Tun.“ Für Paal ist das der Kern einer Region, die er gern beschreibt: anpackend, pragmatisch, solidarisch. „Wenn es ernst wird, werden die Ärmel hochgekrempelt und dann geht’s los.“

Dieses Bild passt zu seinem Optimismus, den sich Paal nicht zerstören lässt. Enttäuschungen? „Mit Sicherheit gab es die.“ Aber Paal hat eine Methode, die ihn trägt: „Ich blende die aus und vergesse danach.“ Fehler gehören dazu, sagt er – sogar zwingend. „Wer mutig ist, wer entscheidet, wer vorangeht, der macht Fehler.“ Und Fortschritt ohne Fehler? „Wer versucht, keine Fehler zu machen, macht schon den ersten.“

So spricht jemand, der sich nicht damit aufhält, sich selbst zu erklären. Sondern der nach vorn schaut – und andere mitzieht.

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