Demonstration für Demokratie und Viefalt auf dem Schlossplatz inn Stuttgart © imago images
Hoffnungsvolles Zeichen: Bei Demonstrationen wie hier auf dem Stuttgarter Schlossplatz gehen Tausende für Demokratie und Vielfalt auf die Straße.

Haltung zeigen – warum Demokratie plötzlich zur Wirtschaftsfrage wird

22.Mai 2026 | 16 Min. Lesezeit | Politische Forderungen, Standort |
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Die IHK Region Stuttgart engagiert sich offensiv für Demokratieförderung – mit Kampagnen, Fachtagen und konkreten Projekten in Unternehmen. Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre treibt das Thema mit großer persönlicher Überzeugung voran. Warum sie sagt, dass Neutralität nicht mehr reicht – und weshalb Demokratie längst zum Standortfaktor geworden ist.
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IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Susanne Herre treibt die Sorge um, dass etwas ins Wanken geraten könnte, das lange selbstverständlich schien.
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Seit 2025 veranstaltet die IHK jährlich einen Fachtag zur Demokratieförderung in Betrieben und Ausbildung – dieses Jahr unter dem Titel: „Gemeinsam vom Wissen ins Handeln kommen“.

Demonstrationen gehören eigentlich nicht zu ihrem Leben. „Ich bin überhaupt keine Demogängerin“, sagt Susanne Herre und lächelt. Früher, während des Studiums vielleicht einmal. Aber sonst? Eher nicht. Und doch steht die Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart vor gut zweieinhalb Jahren auf dem Schlossplatz zwischen tausenden Menschen, mitten in einer Demonstration für Demokratie.

Der Moment hat sich eingebrannt. Die Durchsage einer Telefonnummer, falls Demonstrierende festgenommen würden. Die Unsicherheit. Das Gefühl, vielleicht gar nicht richtig dort zu sein – und gleichzeitig genau richtig. „Vor mir war ein Schild mit der Aufschrift ,Demokratie verteidigen‘“, erinnert sich Herre. „Und ich habe gedacht: Ich muss jetzt ein Signal setzen.“

Meinungsvielfalt, Offenheit – all das war einfach immer da

Wer mit Susanne Herre über Demokratieförderung spricht, merkt schnell: Hier geht es nicht um ein modisches Verbandsthema oder eine kurzfristige Kampagne. Es geht um eine tiefe persönliche Überzeugung – und um die Sorge, dass etwas ins Wanken geraten könnte, das lange selbstverständlich schien.

„Ich bin aufgewachsen in der Selbstverständlichkeit der Demokratie“, sagt Herre. Freiheit, Meinungsvielfalt, Offenheit – all das sei immer einfach da gewesen. Heute sieht sie diese Werte unter Druck. „Durch die Zunahme extremistischer Positionen, vor allem am rechten Rand, sehe ich eine hohe Gefährdung unserer demokratischen Grundwerte.“

Eine offene Gesellschaft ist für Fachkräfte attraktiv

Für die IHK-Hauptgeschäftsführerin ist das nicht nur gesellschaftlich problematisch. Sondern auch wirtschaftlich. Denn für sie hängen Demokratie und wirtschaftliche Stabilität unmittelbar zusammen. „Erfolgreiches Wirtschaften braucht eine stabile Demokratie“, sagt sie. „Wir brauchen Weltoffenheit, internationale Märkte, Vielfalt, Fachkräfte aus aller Welt – all das funktioniert nur in einer freien Gesellschaft.“

Gerade für Baden-Württemberg mit seiner exportorientierten Industrie sei das von zentraler Bedeutung. Viele Unternehmen lebten von internationalen Beziehungen, von Mitarbeitenden aus unterschiedlichsten Ländern und von einer offenen Gesellschaft, die Fachkräfte anzieht. Wer diese Grundlagen verändern wolle, verändere auch den Wirtschaftsstandort.

Genau daraus entstand in den vergangenen Jahren ein Projekt, das inzwischen weit über klassische Wirtschaftspolitik hinausgeht. Die IHK Region Stuttgart engagiert sich heute offensiv für Demokratieförderung – mit Fachtagen, Workshops, Ausbildungsprojekten und einer landesweiten Social-Media-Kampagne. Unterstützt wird sie dabei von Partnern wie der Landeszentrale für politische Bildung und dem Arbeitgeberverband Südwestmetall.

„Wir müssen noch mehr machen“

Was zunächst wie ein ungewöhnliches Thema für eine Industrie- und Handelskammer klingt, hat inzwischen eine erstaunliche Dynamik entwickelt. Bereits 2025 veranstaltete die IHK ihren ersten Fachtag zur Demokratieförderung in Betrieben und Ausbildung. In diesem Jahr folgte die zweite Ausgabe unter dem Titel: „Gemeinsam vom Wissen ins Handeln kommen“.

Der Anlass dahinter ist ernst. Polarisierung, Desinformation und populistische Vereinfachungen erreichen längst auch Unternehmen und Ausbildungsbetriebe. Diskussionen über Demokratie, Vielfalt oder Extremismus finden nicht mehr nur in politischen Talkshows statt – sondern in Kantinen, Werkhallen und Teamsitzungen.

„Die Wahlergebnisse und Prognosen zeigen ganz klar, dass wir mehr tun müssen“, sagt Susanne Herre. Menschen seien zunehmend bereit, populistische und extremistische Positionen zu übernehmen. „Wir erreichen sie offensichtlich nicht ausreichend mit konstruktiven Lösungen.“

Besonders beschäftigt sie dabei die Frage, wie man Menschen außerhalb ihrer gewohnten sozialen Blasen erreichen kann. Und genau hier sieht sie Unternehmen in einer Schlüsselrolle. „Betriebe sind Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen zusammentreffen“, sagt sie. „Oft sind sie der letzte Ort, an dem Menschen außerhalb ihrer eigenen Bubble noch miteinander in Kontakt kommen.“

Es ist ein Gedanke, der sich durch viele Beiträge des Demokratiefachtags zog. Demokratie wird dort nicht als abstrakte Staatsform verstanden, sondern als etwas, das täglich gelebt werden muss – im Umgang miteinander, in der Diskussionskultur und im respektvollen Austausch.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, parteipolitisch Stellung zu beziehen. Vielmehr soll vermittelt werden, warum demokratische Grundwerte wie Meinungsfreiheit, Vielfalt oder Toleranz die Grundlage für funktionierende Zusammenarbeit sind.

„Neutralität bedeutet nicht, zu allem zu schweigen“, sagt Herre. Statt Neutralität brauche es „Ausgewogenheit“ – aber eben auch eine klare Haltung für demokratische Grundwerte.

Die gefährliche Sehnsucht nach einfachen Antworten

Dass die IHK das Thema inzwischen so offensiv aufgreift, hat auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die viele Unternehmen zunehmend beschäftigen. Wirtschaftliche Unsicherheit, globale Krisen, Migration, Inflation und die Transformation der Industrie erzeugen Verunsicherung. Genau daraus entstehen oft populistische Vereinfachungen.

Auf dem Demokratiefachtag sprach Reinhold Weber von der Landeszentrale für politische Bildung von „stürmischer gewordenen Zeiten“. Ängste nähmen zu, gleichzeitig sinke vielerorts das Vertrauen in politische Institutionen.

Auch der Wirtschaftsethiker Markus Scholz von der Technischen Universität Dresden warnte eindringlich vor den Folgen demokratiefeindlicher Entwicklungen. Unternehmen seien längst nicht mehr nur wirtschaftliche Akteure, sondern auch gesellschaftliche Mitgestalter. Seine zentrale Botschaft: Wer demokratische Werte nicht verteidigt, riskiert langfristig die Grundlagen wirtschaftlichen Erfolgs.

Unternehmen wollen sich positionieren ohne parteipolitisch zu werden

Besonders deutlich wurde Scholz bei der Frage nach unternehmerischer Zurückhaltung. Viele Unternehmen zögerten, sich öffentlich zu positionieren – aus Sorge vor Konflikten oder wirtschaftlichen Nachteilen. Doch genau darin sieht er ein Problem: „Wer sich nicht einmischt, wird zum stillen Komplizen.“

Für Herre ist das ein schwieriger Balanceakt. Natürlich gebe es Unternehmen, die Sorge hätten, Kundschaft oder Mitarbeitende zu verlieren, wenn sie sich öffentlich äußern. Gleichzeitig nehme sie aber eine wachsende Bereitschaft wahr, Haltung zu zeigen.

„Vor einigen Jahren hätten wir niemals Anfragen bekommen, wie Unternehmen demokratische Wahlaufrufe formulieren können“, sagt sie. Inzwischen sei genau das anders. Unternehmen wollten wissen, wie sie sich positionieren könnten, ohne parteipolitisch zu werden.

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Unternehmen profitieren von stabilen demokratischen Rahmenbedingungen und müssen diese deshalb auch schützen, so Prof. Markus Scholz von der Uni Dresden. Er warnte jedoch vor lautstarkem „CEO-Aktivismus“.

Demokratie beginnt im Betrieb

Was Demokratieförderung konkret bedeutet, zeigt sich oft nicht in großen Reden, sondern im Alltag. Für Herre beginnt Demokratie bereits bei der Unternehmenskultur. „Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, gehört zu werden, sich einzubringen und mitzugestalten“, sagt sie. Ein rein hierarchischer Führungsstil passe dazu nicht. Demokratie habe viel mit Teilhabe zu tun.

Wie niedrigschwellig solche Ansätze sein können, zeigte ein Workshop mit Auszubildenden der IHK. Gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung spielten die Jugendlichen ein „Heißluftballon-Spiel“. Ausgangspunkt waren verschiedene Werte – etwa Meinungsfreiheit, Solidarität oder Tierschutz. Nach und nach mussten Werte „über Bord geworfen“ werden, damit der Ballon nicht abstürzt.

Was zunächst spielerisch klingt, entwickelte eine erstaunliche Wirkung. „Die Azubis waren total begeistert“, erzählt Herre. „Und am Ende blieb unter anderem die Meinungsfreiheit übrig.“ Genau darum gehe es: Demokratie nicht abstrakt zu erklären, sondern erlebbar zu machen.

Diskussion und lebendige Erfahrung statt erhobener Zeigefinger

Besonders wichtig ist ihr dabei, dass Demokratieförderung nicht als moralischer Zeigefinger daherkommt. „Ich glaube nicht, dass reine Theorie Menschen erreicht“, sagt sie. Viel entscheidender seien konkrete Erfahrungen, Diskussionen und Beteiligung.

Auch kleine Projekte könnten dabei eine große Wirkung entfalten. Herre nennt ein Beispiel aus der eigenen Ausbildung: Auszubildende backen gemeinsam Plätzchen für soziale Einrichtungen. „Das klingt banal“, sagt sie. „Aber dabei geht es um Solidarität, Verantwortung und darum, etwas für andere zu tun.“

Die Kampagne: „Weil es ohne nicht geht“

Ein sichtbares Zeichen setzte die IHK gemeinsam mit den baden-württembergischen Kammern mit der Social-Media-Kampagne „Weil es ohne … nicht geht“. Die Botschaft: Ohne Demokratie, Weltoffenheit, internationale Zusammenarbeit und Vielfalt ist wirtschaftlicher Erfolg in Baden-Württemberg nicht denkbar.

Auf Social Media, mit Videos, Sharepics und Aktionen machten Unternehmen deutlich, welche Werte für ihren wirtschaftlichen Erfolg entscheidend sind. Die Kampagne sprach bewusst nicht „gegen“ etwas, sondern stellte demokratische Grundlagen in den Mittelpunkt: Europa, Technologieoffenheit, Internationalität, Vielfalt.

„Wir wollten zeigen, was Wirtschaft überhaupt möglich macht“, sagt Herre.

Auch das IHK-Gebäude selbst wurde Teil der Kampagne. Große Fensteraufkleber an der Fassade in Stuttgart setzen sichtbar ein Zeichen für Demokratie und Weltoffenheit. Für Herre ist das mehr als Symbolik. „Gerade für unseren Standort sind diese Werte keine nette Ergänzung, sondern Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs.“

Die Resonanz war groß. Viele Unternehmen beteiligten sich aktiv, teilten Inhalte oder veröffentlichten eigene Statements. Kritik habe es kaum gegeben. Das bewertet Herre allerdings durchaus selbstkritisch. „Vielleicht haben wir vor allem Menschen erreicht, die ohnehin unserer Meinung sind“, sagt sie. Die eigentliche Herausforderung bleibe, Menschen in der gesellschaftlichen Mitte zu erreichen, bevor sie für populistische Narrative empfänglich würden.

Unternehmen als demokratische Räume

Dass viele Unternehmen das Thema inzwischen aktiv aufgreifen, zeigt sich auch an den Stimmen aus der Praxis. Bei der Johann Maier GmbH Co.KG in Stuttgart sieht Vertriebsleiter Benno Speer Unternehmen ausdrücklich in gesellschaftlicher Verantwortung. „Der Arbeitsplatz ist oft der einzige Ort, an dem Menschen außerhalb ihrer Social-Media-Bubbles noch auf andere Sichtweisen treffen“, sagt er. Deshalb sei es wichtig, genau dort „die Fahne für Demokratie zu hissen“.

Das Unternehmen hat sich der IHK-Kampagne angeschlossen, intern Wahlaufrufe gestartet und Informationsmaterialien der Bundeszentrale für politische Bildung zugänglich gemacht. Das Feedback sei durchweg positiv gewesen – auch bei internationalen Kunden.

Auch die Hainbuch GmbH setzt auf Demokratieförderung im Alltag. Die Ausbilderin Diana Bäcker betont vor allem die Bedeutung von Zusammenarbeit und Wertevermittlung. „Wir leben demokratische Werte aktiv vor“, sagt sie. Besonders in der Ausbildung spiele das eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit Bildungseinrichtungen und ehrenamtlichen Organisationen entstehen soziale Projekte, die Jugendliche zum Mitmachen motivieren sollen.

Die Deutsche Kreditbank (DKB) wiederum verankert Themen wie Vielfalt, Inklusion und Demokratie strategisch im Unternehmen. Unter anderem beteiligt sie sich an der bundesweiten Initiative #Zusammenland und positioniert sich öffentlich für Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit. #Zusammenland ist eine Initiative der Medienhäuser Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, WirtschaftsWoche, Tagesspiegel und DIE ZEIT. Die Kampagne stellt sich gegen jede Form von Hass, Rassismus und Faschismus und appelliert an den demokratischen Zusammenhalt in der Gesellschaft.

 „Dabei gehe es nicht nur um Symbolik, sondern um eine langfristige Haltung, die sich auch in internen Netzwerken, Diversity-Strategien und der Unternehmenskultur widerspiegelt“, betont Bernhard Schumacher von der in Stuttgart beheimaten und für Baden-Württemberg zuständigen DKB-Niederlassung Süd. Als Vertriebsmanager berät er Institutionen, Kommunen, Investoren und Unternehmen im Bereich der sozialen Infrastruktur.  

Gemeinschaft statt Einzelkampf

Eine zentrale Rolle bei der Demokratieförderung spielen Kooperationen. Für Susanne Herre wäre Demokratieförderung ohne Partner kaum denkbar. Die Landeszentrale für politische Bildung bringt didaktische Expertise ein, Südwestmetall sorgt für Reichweite in die Unternehmen hinein.

„Wir wären falsch beraten, wenn wir bei diesem Thema Abgrenzung zwischen Wirtschaftsorganisationen suchen würden“, sagt Herre. „Hier müssen wir gemeinsam auftreten.“

Genau deshalb engagiert sich die IHK auch im „Bündnis für Demokratie und Menschenrechte“ in Stuttgart. Dort arbeiten sehr unterschiedliche Organisationen zusammen – von Wirtschaftsverbänden bis zu zivilgesellschaftlichen Initiativen. Gemeinsam organisieren sie Veranstaltungen wie die „Lange Nacht der Demokratie“, die am 2. Oktober stattfinden soll.

Zusammen mit dem SWR plant die IHK dabei Veranstaltungen für jüngere Zielgruppen. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Medienkompetenz, Fake News und der Umgang mit sozialen Netzwerken.

Denn auch das wurde auf dem Fachtag deutlich: Demokratieförderung ist heute ohne Medienbildung kaum noch denkbar. Algorithmen, Desinformation und digitale Echokammern verändern die öffentliche Debatte massiv. Umso wichtiger werde es, Menschen frühzeitig zu befähigen, Informationen kritisch einzuordnen.

Ein Thema, das bleibt

Für Susanne Herre ist deshalb klar, dass Demokratieförderung kein kurzfristiges Projekt bleiben darf. Der dritte Demokratiefachtag ist bereits in Vorbereitung. Ihr Wunsch: noch mehr Unternehmen erreichen – vor allem solche, die sich bisher noch nicht beteiligt haben.

Idealerweise will sie dort Beispiele präsentieren, die aus den bisherigen Veranstaltungen entstanden sind. Zu Wort kommen sollen also Unternehmen, die konkrete Projekte entwickelt, Beteiligungskultur gestärkt oder neue Wege in der Ausbildung ausprobiert haben.

„Wenn viele kleine Schritte zusammenkommen, entsteht etwas Großes“, sagt Herre. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieses Projekts. Demokratie entsteht nicht nur in Parlamenten oder auf großen Bühnen. Sondern im Alltag. In Diskussionen. In Betrieben. In Ausbildungsgesprächen. Und manchmal auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz zwischen tausenden Menschen, wenn jemand beschließt, dass Schweigen keine Option mehr ist.

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