© fotolimona

Haltung zeigen oder schweigen? Welche Rolle Unternehmen für die Demokratie spielen

28.Apr. 2026 | 8 Min. Lesezeit | Politische Forderungen, Standort |
Autor:
Populismus, Unsicherheit, Polarisierung: Die Herausforderungen wachsen – auch im Betrieb. Eine Fachtagung in Stuttgart zeigt, warum Neutralität keine Option ist und wie Unternehmen konkret handeln können.
© fotolimona
Zahlreiche Gäste aus Unternehmen, IHK und Gesellschaft kamen zu Fachtag Demokratieförderung im Stuttgarter IHK-Haus.
© fotolimona
Unternehmen profitieren von stabilen demokratischen Rahmenbedingungen und müssen diese deshalb auch schützen, so Prof. Markus Scholz von der Uni Dresden. Er warnte jedoch vor lautstarkem „CEO-Aktivismus“.

In jedem ihrer Statements spürt man, dass ihr dieses Thema eine Herzensangelegenheit ist. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, das weiß Susanne Herre, die Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, ganz genau. Für sie steht außer Frage, dass man alles tun muss, um diese Demokratie zu erhalten.

Das sichtbare Ergebnis: Nach der Premiere im vergangenen Jahr, hat die IHK Region Stuttgart am vergangenen Freitag zum zweiten Fachtag zur Demokratieförderung in Betrieben geladen. Unterstützt hat die ganztägige Veranstaltung der Arbeitgeberverband  Südwestmetall und die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Die ganztägige Veranstaltung hatte den wegweisenden Untertitel „Gemeinsam vom Wissen ins Handeln kommen.“ Denn aus den zahlreichen Gesprächen zu diesem Thema ist bei Herre seit dem Vorjahr die Erkenntnis gewachsen: „Wir sind richtig unterwegs – aber wir müssen noch mehr machen.“ Dabei drängt sich immer stärker die Frage auf, wie Demokratie im Unternehmensalltag konkret gestärkt werden kann?

Wirtschaft und Demokratie: Eine untrennbare Verbindung

Dass Unternehmen sich überhaupt mit Demokratie beschäftigen, ist keine Selbstverständlichkeit – zumindest nicht aus klassischer wirtschaftswissenschaftlicher Sicht. Genau hier setzte der Vortrag von Markus Scholz, Professor für Responsible Management an der Technischen Universität Dresden, an. Eine seiner zentralen Fragen: „Dürfen Unternehmen politisch sein?“

Die Antwort fällt eindeutig aus – und widerspricht der lange dominierenden Lehrmeinung. Die Argumentation von Scholz: „Unternehmen sind nicht nur wirtschaftliche Akteure. Sie sind auch Unternehmensbürger.“ Damit, so Scholz, gehe Verantwortung einher. Denn wer von stabilen demokratischen Rahmenbedingungen profitiere, müsse diese auch aktiv mit schützen.

Der Blick in internationale Entwicklungen zeigt, warum diese Frage so brisant ist. Scholz verwies auf populistische Bewegungen und ihre Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft: eingeschränkte Medienfreiheit, geschwächte Rechtsstaatlichkeit und politische Einflussnahme auf Märkte. Für Unternehmen entstehe dadurch vor allem eines: Unsicherheit.

„Unternehmen brauchen aber verlässliche Rahmenbedingungen, fairen Wettbewerb und Rechtssicherheit“, sagt Scholz. Genau diese Grundlagen seien in populistisch geprägten Systemen gefährdet.

Die gefährliche Illusion der Neutralität

Besonders deutlich wurde Scholz bei der Frage nach unternehmerischer Zurückhaltung. Viele Betriebe zögerten, sich öffentlich zu positionieren – aus Sorge vor Konflikten oder wirtschaftlichen Nachteilen. Doch genau darin sieht Scholz ein Problem: „Wer sich nicht einmischt, wird zum stillen Komplizen.“ Neutralität sei in einer solchen Situation keine Option. Denn wenn demokratische Strukturen unter Druck geraten, habe Untätigkeit Konsequenzen.

Allerdings warnte er auch vor einfachen Lösungen. Lautstarker „CEO-Aktivismus“, also moralische Appelle von Unternehmensspitzen, könne sogar kontraproduktiv sein. Effektiver sei kollektives Handeln – etwa gemeinsame Initiativen mehrerer Unternehmen oder konkrete Maßnahmen im eigenen Betrieb.

Der rote Faden: Demokratie beginnt im Alltag

Dass Demokratieförderung nicht nur eine strategische Frage ist, sondern im Alltag beginnt, zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Susanne Herre betonte bewusst die Bedeutung kleiner Schritte: „Es geht nicht nur um große Projekte. Es geht um das, was wir jeden Tag tun.“

Ein Beispiel: Auszubildende, die gemeinsam soziale Projekte organisieren. Solche Maßnahmen mögen unspektakulär erscheinen, stärken aber Werte wie Verantwortung, Zusammenhalt und Respekt – zentrale Elemente demokratischer Kultur.

Auch Stefan Küpper, Geschäftsführer Politik, Bildung und Arbeitsmarkt bei Südwestmetall, unterstrich die Rolle der Betriebe: „Wir können Stabilität und Zuversicht in die Belegschaften tragen.“ Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit sei das entscheidend.

© fotolimona
Extremismus und politische Spannungen machen auch vor Unternehmen nicht halt. Das wurde in der Podiumsdiskussion am Nachmittag deutlich.

Demokratie steht unter Druck – auch im Betrieb

Denn die Herausforderungen sind groß. Reinhold Weber von der Landeszentrale für politische Bildung sprach von „stürmischer gewordenen Zeiten“. Wirtschaftliche Transformation, globale Krisen und gesellschaftliche Verunsicherung verstärkten Ängste – ein Nährboden für populistische Vereinfachungen.

Diese Entwicklungen machen auch vor Unternehmen nicht halt. In einer  Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass politische Spannungen zunehmend in den Arbeitsalltag hineinwirken – etwa durch Polarisierung oder extremistische Positionen. Gleichzeitig bieten Betriebe eine wichtige Chance: „Hier erreichen wir Menschen, die wir sonst kaum erreichen“, sagte Weber. Gerade junge Menschen in der Ausbildung seien über klassische politische Bildungsangebote oft schwer anzusprechen.

Kleine Schritte – aber mit großer Wirkung

Am Ende des Tages wurde deutlich: Es geht weniger um perfekte Konzepte als um den Anfang. „Kleine Schritte, aber los“, lautete eine zentrale Botschaft aus der Abschlussrunde. Für Küpper ist dabei klar: „Wer nichts macht, solidarisiert sich ungewollt mit radikalen Kräften.“ Demokratie müsse aktiv gelebt werden – jeden Tag. Ähnlich formulierte es ein Teilnehmer: „Einfach machen.“

Auch die Bedeutung von Netzwerken wurde betont. Viele Teilnehmende nahmen die Erfahrung mit, nicht allein zu sein – sondern Teil einer wachsenden Community, die sich für demokratische Werte engagiert.

Kein einmaliges Ereignis, sondern ein Thema, das bleibt

Für Susanne Herre ist genau das der entscheidende Punkt: „Wir wollen, dass aus diesem Interesse konkrete Schritte entstehen.“ Der Fachtag sei kein einmaliges Ereignis, sondern Teil eines langfristigen Prozesses.

Der wird schon bald fortgesetzt: Am 2. Oktober ist eine „Lange Nacht der Demokratie“ geplant. Susanne Herres Fazit nach dem zweiten Fachtag ist entsprechend klar: „Wenn viele kleine Schritte zusammenkommen, entsteht etwas Großes.“ Und genau darum geht es – in den Betrieben, im Alltag und in der Gesellschaft insgesamt.

Gefällt Ihnen unser Artikel? Teilen Sie ihn

Seite teilen

Mehr zum Thema

Push-News erhalten? JA NEIN