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EU–Australien-Freihandelsabkommen: Schritt für Schritt zu mehr Handlungsfähigkeit
26.März 2026 | 7 Min. Lesezeit | Außenwirtschaft |Autor: Verena Zimmer
Für die baden-württembergische Wirtschaft ist das neue Freihandelsabkommen mit Australien eine gute Nachricht. Immerhin haben 340 Unternehmen aus dem Land eine Vertretung auf dem fünften Kontinent, fast 70 sogar eine eigene Niederlassung und 22 produzieren dort. Mehr als 1250 baden-württembergische Unternehmen sind im Australien-Geschäft aktiv, ein reichliches Viertel (340) davon aus der Region Stuttgart.
Im Jahr 2025 exportierten Unternehmen aus Baden-Württemberg Waren im Wert von rund 1,73 Milliarden Euro nach Australien (Platz 27; 0,7 Prozent der Gesamtausfuhren; -0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Die Importe beliefen sich auf rund 176,5 Millionen Euro (Platz 63; 0,1 Prozent Anteil; +11,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr).
Das Potenzial, dass diese noch vergleichsweise überschaubaren Zahlen nun weiter steigen, ist beachtlich. Schließlich erwirtschaftete Australien 2025 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1.829,5 Milliarden Dollar, das ist fast dreimal so viel wie Baden-Württemberg. Auch wenn man den Wert auf die 26,7 Millionen Einwohner umlegt, ist der Wert pro Kopf mit rund 61.000 deutlich höher als der der rund elf Millionen Baden-Württemberger. Australien ist die 14. größte Volkswirtschaft der Welt.
Aus Sicht des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) kommt das Freihandelsabkommen zur richtigen Zeit: „In einem zunehmend fragmentierten Welthandel ist es entscheidend, dass Europa geschlossen vorangeht und strategische Partnerschaften mit verlässlichen Partnern ausbaut“, sagt BWIHK-Vizepräsident Claus Paal. „Freihandel ist die Grundlage für Wachstum, Innovation und Beschäftigung – gerade für unsere Unternehmen im Südwesten.“
Tatsächlich führt die Abschaffung von über 99 Prozent der Zölle zu jährlichen Einsparungen von circa einer Milliarde Euro für EU-Unternehmen. Dies ist kein rein fiskalischer Vorteil, sondern ein massiver Hebel für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit baden-württembergischer Produkte gegenüber Konkurrenten aus Drittstaaten. Wesentlich für unsere Region: Der Handel mit Australien sichert bereits heute 460.000 Arbeitsplätze in der EU. Das FHA fungiert somit als direkter Garant für die Beschäftigungssicherung in exportorientierten Clustern wie Stuttgart.
Zu den neuen Perspektiven, die das Abkommen für die Unternehmen bieten, gehören vor allem weniger Zölle und mehr Planungssicherheit. Zudem verbessert sich der Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen. Profitieren werden vor allem Schlüsselbranchen wie Maschinenbau, Automobilzulieferindustrie, Medizintechnik sowie die Elektro- und Digitalwirtschaft.
Der Maschinenbau ist mit einem Volumen von 13 Milliarden Euro der wichtigste Sektor. Die Zollsenkung auf 0 Prozent steigert die Margen und begünstigt Investitionen in deutsche Anlagen, die für den Ausbau der australischen Rohstoffförderung zwingend benötigt werden. Für Kraftfahrzeuge wird ein Exportwachstum von 52 Prozent prognostiziert. Dies bietet immense Chancen für Zulieferer im Bereich der nachhaltigen Mobilität und Antriebstechnik.
Die geplante Assoziierung Australiens mit Horizon Europe sowie erleichterte Mobilitätsregeln (Zugangsquoten für Ingenieure und Forscher) werden den Wissensaustausch beschleunigen und Innovation & Forschung fördern.
Mit Blick auf die Rohstoffversorgung hat das Abkommen sogar strategische Bedeutung. Dies weil die seit 2013 bestehende und 2021 erweiterte strategische Partnerschaft wird nun durch zukunftsweisende Kooperationen im Bereich der Energie (insbesondere beim grünen Wasserstoff und bei kritischen Rohstoffen auf ein neues Fundament gestellt. Außerdem verfügt Australien über bedeutende Vorkommen kritischer Rohstoffe. So befinden sich 53 Prozent der Weltförderung von Lithium auf dem fünften Kontinent. Aber auch Kobalt und Seltene Erden, die für zentrale Zukunftstechnologien unverzichtbar sind, werden dort gefördert. So können Abhängigkeiten reduziert und Lieferketten resilienter aufgestellt werden.
Über die unmittelbaren wirtschaftlichen Effekte hinaus festigt Australien seine Rolle als unverzichtbarer „Like-minded Partner“ für die deutsche Wirtschaft. Für den Industriestandort Baden-Württemberg (BW) fungiert der Kontinent als stabiler demokratischer Anker im indopazifischen Raum, der weit über eine rein transaktionale Handelsbeziehung hinausgeht.