„Ersatzteil-Flüsterer“ schafft Durchblick
05.Dez. 2025 | 3 Min. Lesezeit | Aus den Unternehmen, Digitalisierung, Innovation, KI, Start-Ups |Autor: Walter Beck
Tobias Rieker ist 30 Jahre alt, wirkt aber in der Welt der Industrie wie ein alter Hase. Nach der Schule absolvierte er bei einer Heilbronner Maschinenbaufirma eine Ausbildung zum Industriekaufmann, arbeitete mehrere Jahre in der Branche, beschäftigte sich mit Ersatzteilen, Pricing, Service. „Mir wurde schnell klar: Die Marge entsteht nicht beim Verkauf der Maschine, sondern im Aftersales-Geschäft – beim Service und beim Ersatzteilverkauf. Davon lebt der Maschinenbauer.“
Aus dieser Erkenntnis entstand die Geschäftsidee für Markt-Pilot. Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Amin Oumhamdi gründete Rieker nach dem Wirtschaftsingenieur-Studium an der Hochschule Esslingen das Unternehmen. Die Vision: mehr Transparenz in einem schwer durchschaubaren Markt.
Pricing-Plattform für den Maschinenbau
Die Software von Markt-Pilot durchsucht mehr als 10.000 Quellen – die Angebote der zahlreichen Onlinehändler und andere, indirekte Datenkanäle – und gewinnt mit KI-Unterstützung valide Marktinformationen. „Entscheidend ist die Datenqualität“, betont Rieker. „Unsere KI ist ausschließlich auf die Maschinenbaubranche trainiert und liefert deshalb besonders präzise Ergebnisse.“
Herzstück ist die Online-Plattform MPOne. Dort können Nutzer Wettbewerbspreise, Lieferzeiten und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen vergleichen. Bislang hatten Maschinenbauer kaum eine Möglichkeit, ihre Preise sinnvoll zu steuern. „Wer keinen Einblick in den Markt hat, orientiert sich meistens an den Kosten“, erklärt Rieker.
Die Transparenz ist dringend nötig. Nur rund vier Prozent des Ersatzteilgeschäfts sind laut Rieker wirklich kompetitiv. Der Rest besteht aus einem schwer greifbaren Graumarkt mit enormen Gewinnchancen – wenn man die richtigen Daten hat. „Viele Kunden glauben uns erst nicht, dass sich mit unserer Plattform ein Return on Investment im vierstelligen Prozentbereich erzielen lässt“, sagt Rieker. „Erst wenn sie es selber sehen, sind sie überzeugt.“
Vom Startup zum Global Player
Seit dem Start im Jahr 2020 hat Markt-Pilot Rückenwind. Pandemie, Lieferkettenstörungen und Zollpolitik erhöhten die Unsicherheit – und damit den Bedarf nach belastbaren Preisinformationen. Schon nach zwei Jahren eröffnete das Unternehmen ein Büro in Chicago, inzwischen ist es in Mitteleuropa, Nordamerika, Skandinavien, Großbritannien und Italien aktiv. Der Umsatz liegt im achtstelligen Bereich.
Das Kapital für das Wachstum kam aus verschiedenen Runden: Zunächst half das Startup-BW-Programm mit einer Pre-Seed-Finanzierung. Später sammelte Marktpilot 6,2 Millionen Euro ein, zuletzt investierte ein US-Fonds satte 40 Millionen. Mit diesem Geld will Rieker die Plattform ausbauen und neue Märkte erobern.
Für den Gründer ist klar: Der Maschinenbau steht erst am Anfang der digitalen Preistransparenz. „Wir wollen das Betriebssystem für Ersatzteile werden. Wer morgen Ersatzteile verkauft, wird an Marktpilot nicht vorbeikommen.“