© Niklas Vogt
Ludger Engels, Leiter der Akademie für Drstellende Kunst Baden-Württemberg.

Ein Grenzgänger und Ermöglicher: Akademiechef Ludger Engels sucht den Kontakt zur Wirtschaft

17.Juli 2026 | 15 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft, Standort |
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Ludger Engels leitet seit 2022 die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK) in Ludwigsburg. Der Regisseur, Musiker und Grenzgänger zwischen Oper, Schauspiel, Performance, Film und digitaler Kunst denkt Theater radikal offen – und will die ADK noch stärker mit Wirtschaft und Stadtgesellschaft vernetzen.
Performance vor dem Kunstpavillon auf dem Stuttgarter Schlossplatz
Die Performance „Forever“ von und mit Melanie Nguyên Pietsch im Kunstmuseum Stuttgart im Rahmen der Jubiläumsausstel- lung „Doppelkäseplatte“ 2025.

Als Ludger Engels 2015 zum ersten Mal in Ludwigsburg aus dem Zug stieg, fiel sein Blick auf ein Schild, das ihn nachhaltig irritierte: „Blühendes Barock“. Was, bitte, sollte das sein? Ein besonders selbstbewusster Werbeslogan? Eine poetische Behauptung über eine Stadt? Zwei Jahre, erzählt Engels, blieb das Rätsel ungelöst. Denn Ludwigsburg bestand für den Dozenten Engels damals vor allem aus einer Strecke: Der vom Bahnhof zur Akademie – und zurück. Wer von Proben zu Lehrterminen hetzen muss, sieht nicht unbedingt den Ludwigsburger Marktplatz. Und schon gar nicht die Touristenattraktion rund ums Schloss.

Heute kann er darüber herzlich lachen. Seit 2022 hat der 63-Jährige eine Wohnung in Ludwigsburg, kennt die Stadt mittlerweile gut – und leitet als Künstlerischer Direktor und Geschäftsführer die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, kurz ADK. Gemeinsam mit der Filmakademie Baden-Württemberg bildet sie auf dem Campus an der Mathildenstraße einen Kreativ-Hotspot für die Kulturszene, der weit über Ludwigsburg hinausstrahlt. Wer wissen will, wohin sich Schauspiel, Regie, Dramaturgie, Film und digitale Medien entwickeln, muss hier vorbeischauen.

Engels kann man dabei guten Gewissens als Idealbesetzung bezeichnen: Einer, der nicht in Sparten denkt, sondern in Möglichkeiten. Einer, der Oper, Schauspiel, Performance, Rauminstallation, Konzert, Stadtteilprojekt und digitale Formate nicht gegeneinander ausspielt. Und einer, der Sätze sagt wie: „Ich bin Künstler.“ Nicht: „Ich bin Opernregisseur.“ Nicht Schauspielregisseur. Nicht Musiker. Sondern Künstler. Punkt.

Vom Musiker zum Regisseur

Der Weg dorthin begann in Duisburg-Meiderich, in einem musikalischen Elternhaus. Engels wuchs mit vier Brüdern auf, alle lernten Instrumente. Er selbst spielte Geige, Querflöte und Klavier. Später studierte er, arbeitete wissenschaftlich, begann sogar eine Promotion – und merkte gerade noch rechtzeitig: Das ist nicht mein Weg.

Ein wichtiger Impuls kam von Helmuth Rilling, dem Chef der Bachakademie Stuttgart. Rilling erkannte Engels‘ Talent: „Weißt du eigentlich, dass du komplett szenisch an Partituren rangehst?“, habe Rilling ihn gefragt. Für Engels öffnete sich damit ein neuer Raum.

Er assistierte unter anderem in Dortmund und Wien, lernte von Harry Kupfer, begegnete Ruth Berghaus, die ihm riet, eine Chance für eine eigene Regietätigkeit im Theater Krefeld-Mönchengladbach zu ergreifen.

Die sanfte Revolution

International bekannt wurde Engels dann mit Opern- und Schauspielproduktionen, aber auch mit interdisziplinären und raumübergreifenden Projekten. Er arbeitete in Deutschland, der Schweiz, Ungarn, den USA, Australien und Südkorea, brachte Barockmusik mit traditionellen koreanischen Klängen zusammen, entwickelte Klanginstallationen, Performances im öffentlichen Raum und große spartenübergreifende Formate.

Besonders prägend war seine Zeit am Theater Aachen, wo er von 2005 bis 2013 Chefregisseur und stellvertretender Intendant war. Dort löste das Leitungsteam starre Spartengrenzen auf. Opernsängerinnen tauchten im Schauspiel auf, Schauspielpublikum entdeckte die Oper, Installationen lockten Menschen an, die sonst eher in Museen als im Theater unterwegs waren. Das Publikum wuchs. Nicht durch Anbiederung, sondern durch Öffnung.

Engels nennt das rückblickend keine Revolution mit dem Vorschlaghammer, eher eine sanfte Revolution. Entscheidend sei gewesen, alle mitzunehmen: Künstlerinnen und Künstler, Technik, Orchester, Publikum, sogar das Garderobenpersonal. Wer neue Räume öffnen will, muss erklären können, warum. „Publikum ist sehr schlau“, sagt Engels. Es spüre, ob etwas ernsthaft betrieben werde.

Was Theater heute können muss

Diese Haltung prägt auch seine Arbeit an der ADK, seit Engels 2022 deren Leitung übernommen hat. Für Ludwigsburg entschied er sich, weil sich in der Akademie neue Formate ausprobieren lassen und so die Möglichkeit besteht, junge Künstlerpersönlichkeiten für ein Theater der Zukunft auszubilden.

Dieses Theater wird nicht mehr nur aus Bühne, Vorhang und Zuschauerraum bestehen. Engels spricht lieber von den darstellenden Künsten. Schauspiel, Regie, Dramaturgie, Film, digitale Medien, bildende Kunst, öffentlicher Raum – alles hängt mit allem zusammen.

Wer hier Schauspiel studiert, muss mehr können als klassische Monologe rezitieren. Gesang gehört dazu, Arbeit vor der Kamera, Auftritte im Stadtraum, Stückentwicklung, Klassenzimmerstücke, digitale Formate. „Man kann heute nicht mehr sagen: Ich mache nur ganz klassisch meinen ,Faust‘ auf der Bühne“, sagt Engels.

Gute Schauspielerinnen und Schauspieler sind für ihn Persönlichkeiten mit eigenen Ideen. Keine bloßen Ausführenden, sondern Menschen mit Haltung zur Rolle, zum Stück, zur Welt. Besonders spannend werde es, wenn auf Proben ein kreativer Raum entstehe, in dem jemand „anfängt zu glühen“ – und sich selbst überrascht.

Auch Regie versteht Engels nicht als einsame Genieleistung. Gute Regisseurinnen und Regisseure brauchen Kommunikationsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Teamgeist. Sie müssen Räume öffnen können, in denen andere kreativ werden.

Der harte Weg nach Ludwigsburg

Dass die ADK attraktiv ist, zeigen die ständig steigenden Bewerberzahlen. Im Schauspiel gab es zuletzt rund 470 Aufnahmeanträge. Das Auswahlverfahren ist dreistufig, dauert über Wochen und gilt als besonders intensiv. Nach der ersten Runde bleiben etwa 65 Kandidatinnen und Kandidaten übrig, später rund 25. Am Ende werden rund zehn von ihnen aufgenommen.

Im Fach Regie werden meist zehn bis zwölf Bewerberinnen und Bewerber zu einem dreitägigen Auswahlverfahren eingeladen. Vier Studienplätze gibt es. Wer hier anfängt, hat also bereits eine enorme Hürde genommen.

 Warum Ludwigsburg? Für Engels liegt die Antwort auf der Hand: Die Verbindung zur Filmakademie, die Nähe zum Animationsinstitut, die feste Verankerung von Digitalität im Curriculum und die Offenheit für neue Formen machen den Campus einzigartig. Theater und Film liegen hier nicht nur räumlich nah beieinander. Sie arbeiten zusammen.

KI ersetzt nicht den Körper im Raum

Digitalität ist für Engels kein Spielzeug und kein Feindbild. Sie ist Realität. Studierende lernen Motion Capture, Virtual Production, LED-Walls, digitale Ästhetiken und den Umgang mit KI kennen. Sie beschäftigen sich mit Avataren, Social Media, digitaler Barrierefreiheit und der Frage, wie Technologie Wahrnehmung verändert.

Gleichzeitig bleibt Engels vorsichtig. Bei KI sieht er derzeit vor allem Chancen in Organisation, Verwaltung und Kommunikation. Was KI nicht ersetzen könne, sei das Live-Erlebnis: Der Körper im Raum, die unmittelbare Begegnung zwischen Bühne und Publikum. Interessanterweise, sagt Engels, entdeckten gerade Studierende aus digitalen Bereichen immer wieder neu, wie stark das Analoge sei.

Digitalität kann aber Türen öffnen. Für Menschen, die nicht ohne Weiteres ins Theater kommen können. Für neue Formen der Teilhabe. Für Barrierefreiheit. Für ein Publikum, das längst digital sozialisiert ist und andere Sehgewohnheiten mitbringt.

Theaterszene aus einem Stück von Emma Scharff © Steven M. Schultz
Eine Szene aus „I Saw Nothing Good So I Left“ von Emma Scharff. Das Stück hatte 2025 an der ADK Premiere.

Was die Wirtschaft vom Theater lernen kann

Spätestens hier beginnt auch die Verbindung zur Wirtschaft. Denn die ADK versteht sich nicht als geschlossene Kunstinsel. Engels will die Akademie stärker mit Stadtgesellschaft, Unternehmen und Institutionen vernetzen. Die Partnerschaft mit der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg spielt dabei eine wichtige Rolle. Deren Geschäftsführerin Sigrid Zimmerling ist deshalb auch voll des Lobes für den „kulturellem Exzellenz-Hotspot“ mitten in Ludwigsburg:  „Die Ausgebildeten an der ADK und der Filmakademie zählen zur Weltelite. Es lohnt sich also, die Vernetzung von Industrie und Kreativen weiter auszubauen.“  

Die Grundfrage dafür lautet: Wo können theatrale Methoden außerhalb des Theaters nützlich sein? Engels denkt dabei an Kommunikation, Auftreten, Stimme, Teamprozesse, Improvisation, Perspektivwechsel und kreative Projektentwicklung. Über die Open Academy bietet die ADK bereits Formate an, etwa Stimmtraining für Menschen, die beruflich viel sprechen müssen. Die Stadt Ludwigsburg nutzt solche Angebote bereits für Mitarbeitende.

Für Unternehmen wären weitere Formate denkbar: Improvisationsworkshops für Teams, Körper- und Präsenztraining für Führungskräfte, Rollenspiele für schwierige Gesprächssituationen, kreative Methoden für Abteilungen, die neu zusammenfinden müssen. Der große Vorteil: Wer auf einer Bühne improvisiert, verlässt für kurze Zeit seine gewohnten Rollen. Genau daraus können neue Begegnungen entstehen.

Engels denkt aber noch weiter. Auch bei großen Transformationsfragen könne künstlerische Expertise helfen – etwa bei der Akzeptanz neuer Technologien. Warum nicht mit Audio-Walks, partizipativen Projekten oder künstlerischer Recherche arbeiten, wenn es um Windkraft, Energie, Stadtentwicklung oder regionale Identität geht? Kunst kann Wahrnehmung verändern. Und manchmal beginnt Akzeptanz genau dort.

Ludwigsburg als Zukunftslabor

Für die Region Stuttgart ist die ADK damit mehr als eine Ausbildungsstätte. Sie ist ein Labor für Kreativität, Kommunikation und Zukunftskompetenzen. Gemeinsam mit der Filmakademie, der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Theatern, Museen und internationalen Partnern entsteht in Ludwigsburg ein Netzwerk, das weit in den deutschsprachigen Raum hineinwirkt.

Engels treibt diese Öffnung konsequent voran: Kooperationen mit dem Kunstmuseum Stuttgart, dem Staatsschauspiel Stuttgart, Theatern in Heilbronn, Tübingen, Aalen, Aachen und Karlsruhe, Projekte im Franck-Areal, im Stadtraum und im Landschaftsraum. Dazu kommen internationale Perspektiven und der Wunsch, die ADK barrierefreier, diverser und noch stärker transdisziplinär aufzustellen.

Seine Devise lautet: Schritt für Schritt weitergehen. Nicht zu lange zaudern. Nicht endlos diskutieren. Ausprobieren, erklären, verändern.

Und Ludwigsburg? Die Stadt, die für ihn anfangs kaum mehr war als ein Weg vom Bahnhof zur Akademie, ist für Engels längst mehr geworden: Arbeitsort, Wohnort, Möglichkeitsraum. Nur das mit dem Blühenden Barock hat eben etwas länger gedauert.

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