Christopher Baur, Geschäftsführer von Kessler Sekt, Esslingen © Annette Cardinale

Ein Startup wird 200: Die erstaunliche Geschichte der Sektkellerei Kessler

30.Juni 2026 | 10 Min. Lesezeit | Gesichter der Wirtschaft |
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Kriege, Wirtschaftskrisen und sogar die Insolvenz hat Deutschlands älteste Sektkellerei überstanden. Zum 200. Jubiläum blickt Kessler auf eine außergewöhnliche Geschichte zurück: von den Anfängen des Champagner-Pioniers Georg Christian von Kessler über die Neuaufstellung nach der Insolvenz bis zur erfolgreichen Positionierung als Premiumanbieter. Warum das Esslinger Traditionsunternehmen sich selbst als „ältestes Startup Deutschlands“ versteht.
Christopher Baur im Keller in Esslingen: Die zweite Gärung erfolgt direkt in der Flasche, die Reife dauert zwischen 12 und 60 Monate. © Annette Cardinale
Christopher Baur im Keller in Esslingen: Die zweite Gärung erfolgt direkt in der Flasche, die Reife dauert zwischen 12 und 60 Monate. Nur etwa 4 Prozent aller deutschen Schaumweine entstehen auf diese Weise.

Wenn Christopher Baur morgens durch das imposante, historische Stammhaus am Esslinger Marktplatz geht, muss er sich gelegentlich selbst daran erinnern, wo er seit mehr als 20 Jahren arbeitet. „Ich gehe dann ganz bewusst durchs Haus, um das wieder wahrzunehmen“, sagt der Geschäftsführer der Sektkellerei Kessler und fügt hinzu: „Man gewöhnt sich sonst daran.“

Dabei ist dieses Haus alles andere als gewöhnlich. Hinter der imposanten Fachwerkfassade und im fast 2000 Quadratmetern Gewölbekeller verbirgt sich ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte: Am 1. Juli feiert Kessler sein 200-jähriges Bestehen – als älteste Sektkellerei Deutschlands und als Unternehmen, das Kriege, Wirtschaftskrisen und gesellschaftliche Umbrüche überstanden hat. Und das nach einer existenziellen Krise sogar noch einmal neu erfunden wurde.

Ein Haus voller Geschichte

„Das Produkt, die Historie und die Marke haben für mich einen hohen emotionalen Wert“, sagt Baur. Seine wichtigste Aufgabe sieht er darin, „die Marke zu schützen und ihr die Möglichkeit zu geben, sich glaubhaft zu entfalten“.

Dabei hätte die Geschichte von Kessler ebenso gut in Frankreich weitergehen können. Firmengründer Georg Christian von Kessler war Teilhaber und Direktor des berühmten Champagnerhauses Veuve Clicquot in Reims und maßgeblich an dessen Aufstieg beteiligt. Mit dem dort erworbenen Wissen brachte er 1826 die traditionelle Flaschengärung nach Deutschland und gründete in Esslingen die erste deutsche Sektkellerei.

Für Baur wäre der Gründer heute ein typischer Startup-Unternehmer. „Alles, was er gemacht hat, waren Startups“, sagt er. Georg Christian von Kessler investierte in Banken, Textilunternehmen und Eisenbahnprojekte, installierte früh ein Telefon im Unternehmen und gehörte zu den ersten Unternehmern, die Auszubildende einstellten. Baur: „Es wäre hochinteressant, was dieser Mann heute alles bewegen würde.“

Die Parallele zur Gegenwart zieht der aktuelle Geschäftsführer gern selbst. „Wir sind wahrscheinlich nicht nur die älteste Sektkellerei, sondern auch das älteste Startup.“ Als kleines Unternehmen müsse man flexibel bleiben, Entwicklungen beobachten und sich immer wieder anpassen.

Als Kessler seine DNA verlor

Genau das war allerdings nicht immer der Fall. In den 1980er- und 1990er-Jahren verlor Kessler nach Baurs Einschätzung seine DNA. Während in Deutschland ein regelrechter Sektboom entstand und der Konsum auf rund 500 Millionen Flaschen pro Jahr anstieg, wurde Sekt zunehmend günstiger und süßer. Auch Kessler folgte dem Trend.

„Die Marke hat damals preislich und qualitativ nachgelassen und ist mit dem Markt mitgegangen“, sagt Baur. Die Folge waren fünf wirtschaftlich schwierige Jahre, die schließlich 2004 in die Insolvenz mündeten. Die Rettung kam ein Jahr später. Baur initiierte den Neustart und übernahm das Unternehmen gemeinsam mit vier privaten Investoren. „Wir wussten nicht, ob wir das hinbekommen. Aber wir haben den Markenwert gesehen.“

Der Neuanfang erforderte Mut – und radikale Entscheidungen. Das Sortiment wurde von 30 auf fünf Kernprodukte reduziert, Verfahren und Vertriebsstrukturen wurden verändert und die Marke konsequent auf Qualität und Premiumpositionierung ausgerichtet.

„Kessler muss wieder Kessler sein“, lautete das Credo. Heute hat sich das Unternehmen wieder als Premiumanbieter etabliert. Produziert werden jährlich rund 2,4 Millionen Flaschen – in einem deutschen Gesamtmarkt von etwa 360 Millionen Flaschen. Gemessen an den Giganten der Branche bleibt Kessler, das räumt Baur offen ein, damit ein Nischenanbieter.

Doch diese Nische ist bewusst gewählt. Mehr als 90 Prozent der Kessler-Sekte sind Brut oder Extra Brut, während der deutsche Markt noch immer stark von „trockenen“ oder halbtrockenen und süßen Schaumweinen geprägt ist. Über die Hälfte des Absatzes entfällt zudem auf Rosé-Sekte – ebenfalls eine Besonderheit.

Die Geschichte dahinter führt zurück ins 19. Jahrhundert. Königin Olga von Württemberg äußerte einst den Wunsch nach einem Rosé-Schaumwein. Auf ihre Initiative entstand der erste Kessler Rosé. Mit dem aktuell so erfolgreichen Rosé hatte das Getränk von damals zwar nichts zu tun, „aber sie hatte einen richtigen Riecher“, sagt Baur und lacht.

Eine Nische mit Potenzial

Auch das Herstellungsverfahren hebt das Unternehmen vom Markt ab. Nur etwa vier Prozent aller deutschen Schaumweine entstehen mit Hilfe von traditioneller Flaschengärung – jenes Verfahren, das Kessler einst aus Frankreich nach Deutschland brachte. Die zweite Gärung erfolgt direkt in der Flasche, die Reife dauert zwischen 12 und 60 Monate.

Diese Langsamkeit ist zugleich Stärke und Herausforderung. „Ich muss heute überlegen, wie viel ich in ein, zwei oder drei Jahren verkaufen werde“, sagt Baur. Schnell nachproduzieren lasse sich Sekt nicht.

Das zeigte sich nach der Corona-Pandemie besonders deutlich. Die Nachfrage explodierte, das Unternehmen wuchs in einem Jahr um 35 Prozent und geriet an seine Kapazitätsgrenzen. „Wir waren in wichtigen Produktlinien nicht mehr lieferfähig“, sagt Baur. Seit 2015 hat Kessler seinen Output verdoppelt und investiert nun massiv in Lagerflächen und Produktionsinfrastruktur im Esslinger Stadtteil Zell.

Der Markt verändert sich

Dabei verändert sich der Markt grundlegend. Insgesamt wird weniger Alkohol getrunken, Konsumenten greifen bewusster zu, alkoholfreie Alternativen boomen. Verwurzelt in Esslingen, offen für die Zukunft Baur sieht darin jedoch auch Chancen. Das Premiumsegment sei weniger stark von der Entwicklung betroffen. Zudem genieße Kessler in der Region eine Sonderstellung. „Hier ist Kessler fast eine eigene Kategorie.“

Diese regionale Verankerung ist für ihn ohnehin Teil der Identität des Hauses. Rund 95 Prozent der Kessler-Sekte werden in Baden-Württemberg getrunken. Eine Trennung von Esslingen könne er sich auch deshalb nicht vorstellen: „Es wäre unanständig und nicht glaubhaft.“

Seit zwei Jahrhunderten ist die Geschichte der Stadt und die des Unternehmens eng verwoben. Kessler finanzierte persönlich einst sogar Darlehen für das Esslinger Rathaus und engagierte sich sozial für die Bevölkerung.

Wenn Christopher Baur am 1. Juli das Glas erhebt, dann auf den Gründer, die Mitarbeiter – und auf die Region. „Dass das alles so gut gelaufen ist, liegt nicht nur daran, dass wir so super sind“, sagt er. „Da gehört auch Glück dazu und die Menschen, die die Marke mögen.“

Was Kesslers Erfolg aber auch ausmacht, ist die Fähigkeit, sich immer wieder zu verändern, ohne den eigenen Charakter aufzugeben. Oder, wie Baur es formuliert: „200 Jahre Leidenschaft bedeuten für uns vor allem Verantwortung für Qualität und Herkunft.“

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