Valentin (l.) und Steffen Nittbaur © fotolimona
Valentin (l.) und Steffen Nittbaur

Duschen für das Klima

05.Dez. 2025 | 3 Min. Lesezeit | Aus den Unternehmen, Innovation, Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Start-Ups |
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Energie zurückgewinnen: Zwei Gründer aus Filderstadt wollen einem heißen Thema mehr als nur lauwarme Aufmerksamkeit verschaffen: Es geht um Unmengen von Energie, die in deutschen Badezimmern täglich durch den Abfluss gespült werden.

Wer morgens duscht, spült bares Geld in den Abfluss. Das klingt nach Stammtischweisheit, ist aber Physik. Ein ehemaliger Daimler-Mitarbeiter aus Filderstadt und sein Sohn wollen das ändern – und Deutschland endlich an eine Technik gewöhnen, die unsere Nachbarn längst selbstverständlich nutzen.

Steffen Nittbaur war 25 Jahre bei Mercedes-Benz in der Materialwirtschaft. Dann, vor vier Jahren war Schluss mit Stern: Abfindung, Neustart, Studium der Umweltwissenschaften an der Fernuni Hagen. Dort entdeckte er ein Thema, das buchstäblich unter die Haut geht – Warmwasser, das ungenutzt in den Abfluss fließt. „In gut gedämmten Häusern entspricht dieser Verlust der Heizenergie eines ganzen Jahres“, weiß der 60-Jährige.

Die Idee ist simpel – aber genial

In den Niederlanden, der Schweiz und Großbritannien zapfen schon jetzt Hunderttausende ihre Abwasserwärme an. Deutschland dagegen steht noch immer unter der kalten Dusche. 2023 gründete Nittbaur mit seinem Sohn Valentin die Firma Unocconi in Filderstadt um dies zu ändern.

Das Prinzip ist einfach: Das warme Duschwasser überträgt seine Restwärme auf das kalte Frischwasser, bevor es die Mischbatterie erreicht. Dadurch wird viel weniger Energie gebraucht, um die gleiche Wohlfühltemperatur zu erreichen. Unocconi bietet zwei Systeme an. Variante eins: ein senkrechtes Rohr des niederländischen Marktführers zum Preis von rund 800 Euro. „Damit kann man bis zu 69 Prozent Energie sparen“, sagt Steffen Nittbaur. „Die Investition hat sich nach drei Jahren amortisiert und hält 40 bis 60 Jahre.“ In Europa sind schon mehr als 100.000 dieser Rohre im Einsatz.

Variante zwei ist die Duschrinne eines Schweizer Anbieters mit eingebautem Wärmetauscher. Sie liegt flach im Boden, spart bis zu 60 Prozent Energie und benötigt keinen Platz im Stockwerk darunter. Allerdings muss man hierfür mit 2000 Euro deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Familien und Hotels als Hauptzielgruppe

Der größte Kunde bisher: Ein bayrischer Campingplatz kaufte über 30 Duschrinnen. Familienhaushalte und Hotels sind eine Hauptzielgruppe – dort laufen Duschen häufig und lange. Nittbaur verkauft die Rohre und Rinnen in Deutschland nur, wenn Installateure die Montage übernehmen. Die Duschrinnen sind vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW) für Trinkwasser zertifiziert, bei den Duschrohren wird die Freigabe in naher Zukunft erwartet. Gelingt dies, kann das einen Schub für die bislang, trotz KfW-Förderung, noch ausbaufähige Nachfrage bedeuten. Nittbaurs Sohn Valentin (25) ist jedenfalls voll in das junge Familienunternehmen eingestiegen. Idealismus schlägt Sicherheit.

Steffen Nittbaur weiß: Seine Chance kommt, wenn gebaut oder saniert wird – denn danach wird’s teuer. Nachrüstlösungen gibt es bereits und sie werden laufend verbessert. Die Gründer haben ein ehrgeiziges Ziel: Wärmerückgewinnung soll so selbstverständlich werden wie Photovoltaik oder Wärmepumpe. In anderen Ländern ist das längst Alltag, hier noch exotisch. Doch Nittbaur bleibt gelassen. „Gute Technik setzt sich durch“, sagt er. Wann genau – das weiß auch er nicht. Vielleicht dann, wenn der erste Politiker beim Duschen an ihn denkt.

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