Drohne über dem Firmengelände: Wie viel Sicherheit braucht der Mittelstand?
17.Sep. 2026 | 16 Min. Lesezeit | Rat & Tat |Autor: Kai Holoch
Die Idee des KRITIS-Kompasses
© Annette Cardinale
Ulrike Dreyer, beim Beratungsunternehmen IE2S Head of Business Development für Energie-Resilienz und Defense, hat vor allem für kleinere und mittelgroße Unternehmen einen KRITIS-Kompass entwickelt. Wie kann er unterstützen? Fünf Fragen – fünf Antworten.
Frau Dreyer, warum haben Sie den KRITIS Kompass entwickelt?
Ich habe den KRITIS-Kompass entwickelt, um Unternehmen die Umsetzung des KRITIS-Dachgesetzes so einfach wie möglich zu machen. Dahinter steckt auch mein Verständnis von moderner Beratung: Wir sollten Unternehmen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie sich möglichst schnell orientieren und eigenständig
arbeiten können – statt sie dauerhaft von externer Beratung abhängig zu machen.
Wer sollte sich mit dem Thema beschäftigen?
Grundsätzlich alle Betreiber kritischer Infrastrukturen. Die großen Energieversorger oder Krankenhäuser haben das Thema meist auf dem Radar, im Mittelstand sieht das anders aus. Deshalb kann jeder kostenlos in etwa zehn Minuten mit unserer
Betroffenheitsprüfung klären: Bin ich überhaupt KRITIS-relevant? Anschließend erhält man eine Auswertung und erste Handlungsempfehlungen.
Und wenn sich herausstellt: Mein Unternehmen ist betroffen – was kann der Kompass dann leisten?
Er führt Schritt für Schritt durch die Anforderungen des KRITIS-Dachgesetzes: Welche Risiken gibt es in meinem Unternehmen? Welche Maßnahmen kann ich treffen, um resilienter zu werden? Und wie bereite ich mich auf ein Audit vor? Am Ende erhält man auf Knopfdruck eine Risikomatrix und einen Resilienzplan. Entscheidend ist dabei die Verbindung zwischen Risiko und konkreter Maßnahme. Es reicht nicht zu wissen, dass beispielsweise ein Stromausfall oder Personalmangel ein Risiko darstellt. Ein Unternehmen muss auch wissen: Was tun wir dann, wer ist verantwortlich und wie bekommen wir unseren Betrieb möglichst schnell wieder zum
Laufen?
Viele Unternehmen erfüllen bereits andere Normen und Vorschriften. Beginnt
mit KRITIS alles wieder von vorne?
Genau das wollen wir verhindern. Der KRITIS-Kompass vermeidet Redundanzen und Doppelarbeit durch den Abgleich bereits umgesetzter regulatorischer Anforderungen wie beispielsweise ISO 27001 oder NIS-2.
Wie viel Zeit und Geld müssen Unternehmen dafür einplanen?
Die erste Betroffenheitsprüfung dauert rund zehn Minuten und ist kostenlos. Die Online-Version des Kompasses kostet 149 Euro im Monat und ist monatlich kündbar.
Wie groß der zeitliche Aufwand für die Einrichtung ist, hängt stark davon ab, wie gut
ein Unternehmen bereits organisiert ist und welche Unterlagen vorhanden sind. Das
Setup braucht also zunächst Zeit. Danach hat das Unternehmen aber Risiken,
Maßnahmen, Verantwortlichkeiten, Fristen und auditrelevante Dokumente strukturiert im Blick. Es ist unabhängig von externen Beratungen, und das aufgebaute Wissen bleibt im eigenen Unternehmen.
Wer entscheidet eigentlich, was zu tun ist, wenn plötzlich eine Drohne über dem Firmengelände auftaucht? Wer meldet den Vorfall – und wem? Was passiert, wenn gleichzeitig der Strom ausfällt und die Notfallkontakte nur auf einem Server liegen, der nicht mehr erreichbar ist? Und wer weiß, welches Ersatzteil benötigt wird, wenn eine zentrale Anlage ausfällt?
Es sind erstaunlich einfache Fragen, an denen sich zeigt, wie widerstandsfähig ein Unternehmen tatsächlich ist. Und genau darin liegt für viele Mittelständler derzeit die Herausforderung: Mit dem bereits verabschiedeten KRITIS-Dachgesetz – für das allerdings die für dessen Umsetzung notwendigen Verordnungen noch nicht bekannt sind – und NIS 2, der Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit, steigen die Anforderungen an den Schutz kritischer Infrastruktur. Doch während Unternehmen sich vorbereiten sollen, sind wichtige Details der Umsetzung noch offen.
Bei einem KRITIS-Workshop des Stuttgarter Unternehmens IE2S, einem Joint Venture des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW und der Management- und IT-Beratung MHP, diskutierten deshalb Experten aus Wirtschaft, Sicherheitsbehörden, Bundeswehr und Rechtsberatung darüber, was Unternehmen auch in der Region Stuttgart schon heute tun können – und wo ihnen die Hände gebunden sind. Ein Schwerpunkt: die Bedrohung durch Drohnen und die Frage, wie weit Unternehmen bei deren Detektion und Abwehr gehen können.
Nicht jedes Unternehmen weiß, dass es betroffen sein könnte
Gerade für den Mittelstand beginnt das Problem schon einen Schritt früher. Große Energieversorger und Konzerne beschäftigen sich längst mit KRITIS-Anforderungen. „Aber gerade mittelständische Unternehmen, die auch in der Lieferkette durchaus relevant sind, die wissen es gar nicht unbedingt“, sagte Ulrike Dreyer von IE2S. Dabei könne die mögliche Betroffenheit bereits heute geprüft werden.
Auf die endgültigen Detailregelungen zu warten, hält Dreyer deshalb für den falschen Weg. Ihr Motto: „Einfach machen.“ Denn viele Vorbereitungen sind weder Hightech noch Millioneninvestitionen. Unternehmen können klären, wer im Krisenfall entscheidet und wer über das Budget verfügt. Sie können Verantwortlichkeiten festlegen, eine rund um die Uhr erreichbare Kontaktstelle organisieren und Meldewege testen.
Und sie können ganz banal überprüfen, ob ihr Notfallplan auch dann funktioniert, wenn die IT nicht funktioniert. „Wenn der Strom weg ist und ich habe eine Notfallkontaktliste, die online liegt, dann bringt das gar nichts“, machte Dreyer deutlich. Eine ausgedruckte Kontaktliste kann im Ernstfall wertvoller sein als manches aufwendige Sicherheitssystem.
Ähnliches gilt für Personal und Ersatzteile. Welche Mitarbeiter sind für den Betrieb unverzichtbar? Gibt es Vertretungen, Zugänge und Passwörter, wenn Schlüsselpersonen ausfallen? Welche Komponenten werden benötigt, wenn eine 20 Jahre alte Anlage plötzlich stillsteht – und sind sie überhaupt kurzfristig lieferbar?
Resilienz kostet – fehlende Resilienz aber auch
Genau hier liegt ein Dilemma für den Mittelstand. Sicherheitsmaßnahmen kosten Geld, Personal und Zeit – Ressourcen, die nicht unbegrenzt vorhanden sind. Gleichzeitig wird von Unternehmen erwartet, dass sie ihren Betrieb auch bei gestörten Lieferketten, Stromausfällen oder gezielten Angriffen aufrechterhalten können.
Peter Schittenhelm vom Landeskommando Baden-Württemberg, selbst lange als Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen tätig, riet deshalb dazu, Reserven anders zu betrachten: als eine Art Versicherungsprämie. „Wer keine Reserven hat, hat auch keine Resilienz.“ Unternehmen sollten ihre kritischen Abhängigkeiten kennen und materielle, personelle und finanzielle Reserven schaffen.
„Wer keine Reserven hat, hat auch keine Resilienz“
Peter Schittenhelm vom Landeskommando Baden-Württemberg der Bundeswehr
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Naturkatastrophen, technische Defekte oder einen klassischen Einbruch. Neu sei, so Schittenhelm, dass Unternehmen Szenarien einkalkulieren müssten, in denen ihnen jemand „vorsätzlich etwas Böses will“. Cyberangriffe, Sabotage und Drohnen erweitern damit das Spektrum möglicher Bedrohungen erheblich.
Doch nicht jede spektakuläre Gefahr rechtfertigt automatisch eine teure Gegenmaßnahme. Markus Schiemenz vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg warnte davor, Sicherheitsentscheidungen an der medialen Aufmerksamkeit auszurichten. Entscheidend sei vielmehr die tatsächliche Risikobedeutung für das einzelne Unternehmen.
Erst das Risiko – dann die Drohnenabwehr
Das zeigt sich besonders beim Thema Drohnen. Die Zahl verdächtiger Überflüge nimmt zu, doch das Lagebild ist uneinheitlich. Häufig lässt sich weder feststellen, wer eine Drohne steuert, noch mit welcher Absicht sie unterwegs ist. Hinter einem Überflug kann ein ahnungsloser Hobbypilot stecken – oder ein gezielter Spionageversuch.
Deshalb zieht Schiemenz eine wichtige Grenze: Das Lagebild belege eine abstrakte Gefahr durch Drohnen, daraus lasse sich aber „eine konkrete Gefahr für Ihr Unternehmen“ nicht automatisch ableiten.
Sein Rat an Mittelständler lautet deshalb: erst analysieren, dann investieren. Welche Prozesse sind tatsächlich kritisch? Wo liegen die größten Schwachstellen? Ist das Unternehmen überhaupt von außen ausspähbar? Und ist eine Drohne wirklich das größte Risiko – oder kann jemand beim Tag der offenen Tür praktisch ungehindert aufs Betriebsgelände gelangen?
© IE2S
„Es kann bekanntlich jeder Euro nur einmal ausgegeben werden“, brachte Schiemenz das Problem auf den Punkt. Wer beim klassischen Schutz gegen unbefugtes Eindringen schlecht aufgestellt sei, müsse möglicherweise dort zuerst investieren, bevor er ein aufwendiges Drohnendetektionssystem anschafft.
Erkennen lässt sich eine Drohne – aber was kommt danach?
Was technisch bereits möglich ist, demonstrierten die Anbieter Walaris und Vanea während des Workshops. Ein modulares Detektionssystem kombinierte die elektronische Eigenkennung handelsüblicher Drohnen mit Kameratechnik und künstlicher Intelligenz. Wird eine Drohne erkannt, richtet sich die Kamera automatisch auf das Flugobjekt.
Technisch lässt sich der Schutz je nach Gefährdung erheblich ausbauen. Doch mit der Detektion beginnt das nächste Problem: Was darf ein Unternehmen tun, wenn tatsächlich eine verdächtige Drohne erkannt wurde?
Genau hier hinkt die Rechtslage den technischen Möglichkeiten hinterher. Während das Erkennen vergleichsweise unproblematisch ist, kann aktive Abwehr schnell in einen Bereich führen, der staatlichen Stellen vorbehalten ist. Rechtsanwalt Christian Trentmann erwartet deshalb keine schnelle und einfache Klärung. Es gehe um grundlegende Kompetenzfragen zwischen Bund und Ländern, innerer und äußerer Sicherheit – und zwischen Staat und Wirtschaft.
Im Ernstfall wird daraus ein sehr praktisches Problem. „Da ist die Drohne, da darf nicht mehr diskutiert werden“, beschrieb Trentmann das Szenario. Doch genau diese Diskussion drohe derzeit: Wer ist zuständig, wer darf eingreifen und wer trägt das Risiko?
Für Unternehmen, die Standorte in mehreren Bundesländern betreiben, wird es noch komplizierter. Unterschiedliche Zuständigkeiten und Ansprechpartner erschweren belastbare Antworten auf drei eigentlich simple Fragen: „Was darf ich tun? Was muss ich tun? Was soll ich tun?“
Sicherheit darf nicht zum Abteilungsprojekt werden
Auch deshalb greift es zu kurz, KRITIS-Schutz als Aufgabe des Werkschutzes oder der IT-Abteilung zu betrachten. In vielen Unternehmen existieren Business Continuity Management, Cybersicherheit, Objektschutz und Krisenmanagement nebeneinander. Jeder Bereich hat eigene Prioritäten und eine eigene Sprache.
Was häufig fehlt, ist das Gesamtbild. „Ich brauche ein Lagebild von meinem Unternehmen, von meinen Resilienzen, von meinen Risiken“, sagte Dreyer. Erst daraus lasse sich ableiten, wo Investitionen wirklich nötig sind.
Ähnlich sieht es Kevin Kohlhoff von MHP für die Cybersicherheit. Ein etabliertes Informationssicherheitsmanagementsystem könne bereits einen großen Teil der Anforderungen aus NIS 2 abdecken. Hinzukommen müssten jedoch unter anderem physische Sicherheit, Business Continuity und die gesetzlich vorgeschriebenen Meldeprozesse. Entscheidend sei auch hier eine risikobasierte, ganzheitliche Betrachtung.
Mittelstand zwischen Verantwortung und neuer Bürokratie
Dass dies Geld kosten wird, bestritt beim Workshop niemand. In der Podiumsdiskussion wurde sogar gewarnt, dass deutlich höhere Sicherheitsinvestitionen die Bilanzen von Unternehmen belasten könnten. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass zu den Investitionen zusätzliche Bürokratie hinzu kommt.
Kurt Mezger vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft drehte deshalb zum Ende des Workshops die zahlreichen Appelle an die Unternehmen um. Natürlich müsse die Wirtschaft ihren Teil zur Resilienz beitragen. Aber auch die Politik müsse handeln. Das KRITIS-Dachgesetz bedeute „eine neue zusätzliche Regulatorik, eine Bürokratie, mit der sich das Unternehmen beschäftigen muss“, während der betriebliche Alltag weiterlaufe.
Für den Mittelstand dürfte deshalb entscheidend sein, Sicherheit nicht als endlose Liste neuer Vorschriften zu verstehen. Vieles beginnt deutlich kleiner: die eigenen Risiken kennen, Zuständigkeiten klären, Vertretungen schaffen, Meldewege ausprobieren, Lieferketten hinterfragen und prüfen, ob Notfallpläne auch ohne Strom, Internet und einzelne Schlüsselpersonen funktionieren.
Und erst danach stellt sich vielleicht die Frage, ob über dem Werkstor künftig auch eine Kamera nach einer Drohne Ausschau halten muss.
Kai Holoch ist freier Mitarbeiter von mawi-on und Magazin Wirtschaft.