© Bernhard Widmann
Die goldene Büroklammer: Im Land der Dichter, Denker – und Leiterbeauftragten
03.März 2026 | 7 Min. Lesezeit | Politische Forderungen |Autor: Walter Beck
Sabine Herold, Chefin des Hightech-Unternehmens Delo, wirkt selten sprachlos. Doch wenn es um Bürokratie geht, ringt selbst sie um Fassung. In ihrem weltweit tätigen Klebstoffunternehmen mit 1100 Mitarbeitern muss sie offiziell einen Trittleiterbeauftragten benennen – eine Figur, die selbst in Deutschland absurd klingt. „Überflüssig“, sagt sie trocken. Was wie eine Petitesse wirkt, steht für ein tieferes Problem: Eine Bürokratiewelle rollt seit Jahren durch deutsche Betriebe. Aus zahllosen Detailvorschriften ist ein Verwaltungsgebirge geworden, das Zeit, Nerven und Geld frisst. Die Leiterbeauftragten sind nur eines von vielen Symbolen dafür.
Ein Geflecht aus über 40 Beauftragten
Mehr als 40 Arten von Beauftragten kennt die Bundesrepublik – von Datenschutz über Ausbildung bis Menschenrechte. Unternehmen ab 20 Beschäftigten müssen Sicherheitsbeauftragte benennen, darüber hinaus folgen etliche weitere Zuständigkeiten.
Einfach machen – Von der Akte zur Aktion. Das ist der Titel des großen IHK-Kongresses zum Bürokratieabbau am Montag, 13. Juli im Stuttgarter IHK-Haus. Zu Gast sind unter anderem Philipp Amthor, Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung sowie Michael Hager, Kabinettschef des stellvertretenden EU-Präsidenten Valdis Dombrovskis.
Anmeldung ab 10. März möglich!
Für Herold ist die Logik hinter manchen Posten nur schwer erkennbar. Der Leiterbeauftragte etwa soll nichts anderes tun, als regelmäßig zu prüfen, ob „Elefantenfüße“ im Büro oder Spezialleitern im Lager intakt sind. Niemand solle schließlich von der Leiter fallen. Natürlich, sagt die Unternehmerin, habe jedes Unternehmen ein ureigenes Interesse daran, Unfälle zu vermeiden. Doch zu beurteilen, ob eine Sprosse wackelt, sei Alltag – und gesunder Menschenverstand.
Schulungen, Normen – und die Leiterprüfung
Mit jedem Beauftragten steigen die Kosten. Denn sie alle müssen geschult werden: Leitertypen, DIN-Normen, Vorschriften, Dokumentationspflichten. Am Ende steht, wie könnte es anders sein, die „Leiterprüfung“. Bei Delo summiert sich das auf 425 beauftragte Personen – und rund 600.000 Euro jährlich. Auch kleinere Betriebe kommen locker auf ein Dutzend Beauftragte. Und während Firmen ihre Mitarbeiter lieber in Entwicklung, Produktion oder Service einsetzen würden, wächst der Verwaltungsblock unaufhaltsam. Union und SPD haben inzwischen angekündigt, die Zahl der Beauftragten reduzieren zu wollen. Hoffnung keimt – zaghaft.
Wenn Bürokratie Investitionen frisst
In Umfragen der Stiftung Familienunternehmen klagen fast 70 Prozent der Betriebe über zu viel Bürokratie. Viele stellen zusätzliche Verwaltungskräfte ein, nur um den Pflichtkatalogen hinterherzukommen. Jeder Trittleiterbeauftragte, jede Checkliste, jede Berichtspflicht bindet Menschen, die nicht produktiv arbeiten können.
Was also tun? Die Antwort scheint einfach: reduzieren. Viele Beauftragtenrollen ließen sich zusammenlegen – die Aufgaben des Leiterbeauftragten etwa könnte problemlos der Sicherheitsbeauftragte übernehmen oder die Haustechnik. Wichtig wäre vor allem eines: Vertrauen in die Verantwortung der Unternehmen.
Entrümpeln – und zwar gründlich
Dr. Gisela Meister-Scheufelen von der Stiftung Familienunternehmen und Politik fordert deshalb: Die nächste Bundesregierung muss den Mut haben, den bürokratischen Wildwuchs zu stutzen. Drei Millionen Betriebe in Deutschland würden spürbar entlastet. Die Politik könnte mit gutem Beispiel vorangehen. Denn auch sie schafft Beauftragte am laufenden Band: Der Beauftragte für den Mittelstand, der Beauftragte für die Sozialversicherungswahlen, der Beauftragte für den Bonn-Berlin-Umzug – 43 Beauftragte zählt allein die amtierende Bundesregierung.
Es ist höchste Zeit, unnötigen Ballast endlich über Bord zu werfen.
Schreiben Sie einen Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.