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Das Stuttgarter Modell: Warum Glasfaser hier schneller wächst als anderswo

10.Feb. 2026 | 16 Min. Lesezeit | Digitalisierung, Standort |
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Der Ausbau des Glasfaser-Netzes in der Region Stuttgart kommt voran – getragen von einem ungewöhnlichen Kooperationsmodell, starken Investitionen und einem klaren Fokus auf Unternehmensstandorte und Gewerbegebiete.

„Ich war wirklich geschockt.“ Hans-Jürgen Bahde lacht gern und viel. Doch wenn der Geschäftsführer der Gigabitregion Stuttgart (GRS) an seine Anfangsjahre in Stuttgart zurückdenkt, muss er auch heute noch zunächst einmal tief durchatmen. Denn obwohl die Region Stuttgart schon damals, 2017, dank Daimler, Porsche, Bosch und Co sowie der Tüftlermentalität der hier lebenden Menschen auch international einen ausgezeichneten Ruf als eine der führenden Wirtschaftsregionen in Deutschland und Europa besaß, sprachen die Zahlen, mit denen Bahde sich beschäftigen musste, eine andere Sprache.

Denn in Sachen Glasfaserausbau hinkte die Region Stuttgart hinter den im internationalen Vergleich ohnehin schon miesen bundesweiten Zahlen meilenweit hinterher. Selbst die freundlichsten Bilanzen attestierten der Stadt Stuttgart und ihren umliegenden Kreisen eine Glasfaserabdeckung von lediglich 2,9 Prozent. Andere Statistiken kamen sogar gerade einmal auf nur 1,7 Prozent.

 „Wie passt das zusammen – die Wirtschaftsstärke und eine Infrastruktur, die eigentlich gar nicht vorhanden ist?“ hat sich Bahde damals gefragt – und sich dann in die Mammutausgabe gestürzt. Heute kann sich das Ergebnis sehen lassen. In diesen Monaten erreicht die Glasfaserversorgung aller Hausbalte in der Region die für Ende 2025 angepeilte 50-Prozent-Marke. In den Gewerbegebieten der Landeshauptstadt und in der Region liegt sie sogar deutlich über der 70-Prozent-Marke.  

Der Weg dorthin ist dabei mehr als eine Bau-Story: Er ist ein Lehrstück darüber, wie Infrastrukturmaßnahmen in einem dicht besiedelten, heterogenen Wirtschaftsraum schneller vorankommen, wenn Kommunen, Zweckverbände, Telekommunikationsunternehmen und Wirtschaftsakteure an einem Tisch sitzen – und wenn es eine Anlaufstelle gibt, die den Prozess konsequent moderiert.

Gewerbegebiete als roter Faden: erst Wertschöpfung, dann Fläche

Dass neben Schulen und öffentlichen Einrichtungen ein zentraler Schwerpunkt der Glasfaserausbau der Gewerbegebiete war von Beginn an klar. In der Region Stuttgart gibt es – je nach Definition – mehr als 400 Gewerbegebiete. Die Wirtschaft selbst kommt laut Bahde eher auf rund 270 Gebiete, weil zusammenhängende Areale anders gezählt werden. In fast allen Fällen aber könnten sich die Unternehmen inzwischen zu vertretbaren Preisen ans Glasfasernetz anschließen lassen.

Dass sich die Lage wesentlich verbessert hat, spürt Bahde auch indirekt.  „Seit zwei, drei Jahren erreichen uns aus den Bezirkskammern der IHK Region Stuttgart kaum noch Klagen von Unternehmern“, stellt er fest: Wenn er selber regelmäßig zu den IHK-Kammern gehe, um den Stand der Arbeiten zu erläutern, gebe es nur wenig Klagen. Zudem hätten sich die Fragen verändert. Bahde: „Früher ging es oft um Grundsätzliches: Wie komme ich dran? Geht das überhaupt?“ Heute werden eher Einzelfälle oder die letzten Lücken diskutiert.

Die Besonderheit der GRS: nicht bauen, sondern orchestrieren

Was hat den Ausschlag gegeben? Für Bahde ist es die Rolle der Gigabitregion als Koordinator und Moderator. Die GmbH steuere nicht die Bagger, sondern sie steuere das System: Wer plant wo? Welche Kommune ist bereit? Wo droht Doppelbau? Welche Standards gelten? Und wie lassen sich Ausbaupläne so transparent machen, dass die Investitionen zielgerichtet sind?

Bahde formuliert es so: „Wir schaffen Transparenz, damit Unternehmen nicht irgendwo anfangen zu bauen, wo zwei Wochen später ein anderes mit Baggern aus den Büschen springt.“ Diese Transparenz ist – in einer Region mit 179 Städten und Gemeinden, von denen mit Ausnahme von Göppingen mittlerweile alle dabei sind – nicht nur ein Service, sondern ein Hebel, um Ineffizienz zu vermeiden. Denn Parallelplanungen und Überbau kosten viel Geld und Zeit. Und Zeit ist beim Glasfaserausbau längst zur harten Währung geworden.

Um das System zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Gründungsphase der GRS. Anfangs gab es auch andere Ideen zum Ausbau des Glasfasernetzes – etwa einen öffentlich finanzierten Backbone, also ein weitgehend vom Staat finanziertes Netzwerk, in dem kleinere Netzwerke zusammengeführt und miteinander hätten verbunden werden sollen. Bahde erinnert sich an seine eigene Wirtschaftlichkeitsanalyse: Der Return on Investment hätte 80 Jahre betragen.

Für ihn war das ein Wendepunkt. Der Weg führte nun zu der Frage: Wie stark lässt sich der Ausbau eigenwirtschaftlich beschleunigen, wenn Kommunen und Anbieter verlässlich zusammenarbeiten?

Hans-Jürgen Bahde Geschäftsführer der Gigabitregion Stuttgart (GRS) © GRS
Hans-Jürgen Bahde Geschäftsführer der Gigabitregion Stuttgart (GRS)

Telekom als Hauptakteur – aber ohne Exklusivität

In diesem Modell spielte schnell die Deutsche Telekom die Hauptrolle. Als Vertragspartner und als Investor. Im Mai 2019 wurde die vertragliche Kooperation zwischen der Telekom und der Gigabitregion Stuttgart unterzeichnet. Noch heute gehen rund 80 Prozent der mit Glasfasern versorgten Haushalte und Betriebe in der Region auf das Konto der Telekom. Mit großem Abstand folgen Kooperationen der Telekom mit Stadtwerken und die Angebote weitere Anbieter.

Die Telekom-Bevollmächtigte Sabine Wittlinger beschreibt es so: „Die Ausgangslage in Baden-Württemberg war durchaus schwierig.“ Das lag zum einen an dem hohen Coax-Kabelanteil, der bereits gutes Tempo auf der Datenautobahn ermöglicht. Zum anderen gab es bereits staatlich geförderte Betreibermodelle in anderen Regionen. Auf der Habenseite habe man aber das enorme Potenzial im Ballungsraum Stuttgart erkannt.

Mit dem Kooperationsvertrag, sagt sie, habe die Telekom damals Neuland betreten: Ein Rahmenvertrag mit öffentlicher Hand außerhalb klassischer Förderung. Wegen des geplanten Investitionsumfangs wurde die Unterschrift zur Chefsache – getragen vom damaligen Telekom-Deutschland-CEO Dirk Wössner.

Die Bedeutung der Kooperation betont auch Markus Beier, der als Leitender Geschäftsführer der Bezirkskammer Rems-Murr sich bei der IHK Region Stuttgart um den Ausbau des Glasfasernetzes kümmert. Beier: „Aus meiner Sicht markierte der Abschluss der Kooperationsvereinbarung zwischen der Gigabitregion Stuttgart GmbH (GRS) und der Deutschen Telekom den entscheidenden Durchbruch. Es war der Startschuss für die gemeinsamen Bemühungen der Kommunen und Landkreise zum Glasfaserausbau – und damit echte Wirtschaftsförderung!“

 Das Erfolgsrezept so Beier, lag in der „Bündelung aller Kräfte durch die GRS, ergänzt um die operativ tätigen Zweckverbände auf Landkreisebene, statt vieler unkoordinierter Einzelvorhaben vor Ort“. Den alles entscheidenden Anteil daran habe der GRS-Geschäftsführer Hans-Jürgen Bahde: „Er hat es in großartiger Weise verstanden, alle Beteiligten auf die gemeinsamen Ziele einzuschwören und den formalen Rahmen auszuhandeln“.  Die IHK arbeite von Beginn an „eng und vertrauensvoll mit der Gigabitregion Stuttgart zusammen. Als IHK-Bezirkskammer Rems-Murr haben wir in einem Pilotprojekt – das später auf alle Landkreise ausgeweitet wurde – die ansässigen Unternehmen über bevorstehende Ausbauvorhaben der Telekom oder anderer Betreiber informiert und sie zur Teilnahme motiviert.“

Wichtig ist: Der Vertrag mit der Telekom war und ist nicht exklusiv. Hans-Jürgen Bahde: „Der Vorwurf, das Abkommen sei nichts anderes als ein öffentlich erkauftes Monopol, war von Anfang an ungerechtfertigt.“ Die aktuelle Situation liefere den Gegenbeweis. Bahde: „Mittlerweile haben wir neben dem Kooperationsvertrag mit der Telekom sechs schriftliche Vereinbarungen mit anderen Anbietern.“ Die Grundidee, so Bahde: „Jeder ist willkommen – sofern die Planung abgestimmt ist.“

Wer sonst ausbaut: Wettbewerb im Gewerbegebiet

Neben der Telekom nennt die GRS mehrere Partnerunternehmen, die aktuell in der Region aktiv sind und schriftliche Vereinbarungen getroffen haben: Deutsche Glasfaser, GVG Glasfaser, Netcom BW, OXG Glasfaser, Unsere Grüne Glasfaser (UGG) sowie Wisotel, die im Rems-Murr-Kreis aktiv sind.  

Gerade in den Gewerbegebieten sei der Wettbewerb stärker als im Haushaltsbereich. Bahde schätzt den Telekom-Anteil dort auf „knapp über 50 Prozent“ – ausdrücklich ohne harte Datengrundlage, weil diese Trennung in den Statistiken so nicht vorgenommen werde. Der Trend ist aber klar: In Gewerbegebieten waren schon früh andere Wettbewerber aktiv. Bahde nennt beispielhaft Colt als früheren Akteur. Die Telekom sei auch dort Marktführer – aber nicht alleiniger Taktgeber.

Wittlinger unterstreicht den Schwerpunkt aus Telekom-Sicht: In 172 Gewerbegebieten der Region habe die Telekom bereits Glasfaser verlegt – und nennt als Beispiel den Großmarkt Stuttgart. Sie argumentiert außerdem: In keiner anderen deutschen Ballungsregion habe die Telekom Gewerbegebiete so stark fokussiert wie hier.

Stadtwerke als zweite Säule: Kooperation statt Parallelbau

Ein wichtiger Faktor sind zudem die Stadtwerke-Kooperationen. In mehreren Kommunen setzen Stadtwerke und Telekom auf ein Modell, in dem kommunale Akteure vor allem die passive Infrastruktur, als Leerrohre oder Ähnliches erstellen und diese langfristig verpachten, während die Telekom den Betrieb und die Vermarktung übernimmt. Hans-Jürgen Bahde: „Das ist eine Win-Win-Situation: Das Netz bleibt im kommunalen Eigentum, wird aber wirtschaftlich ausgelastet. Gleichzeitig sinkt das Risiko, dass parallel jemand anders baut und Investitionen entwertet.“

Zu den kooperierenden Stadtwerken gehören Bietigheim-Bissingen, Ludwigsburg-Kornwestheim samt Asperg, Nürtingen, Sindelfingen, Weinstadt und die Filderstadtwerke. 

Die 50-Prozent-Marke: erreichbar – aber nicht im Sprint

Zum Jahreswechsel 2025/2026, so die Telekom, konnten mehr als 705000 Haushalte und Unternehmen in der Region Stuttgart einen Glasfasertarif buchen –  allein 70500 davon Dank der Kooperationen mit Stadtwerken.

Warum die Gigabit-Region für Unternehmen wichtig ist Der Glasfaserausbau ist für die Wirtschaft in der Region Stuttgart ein zentraler Standortfaktor. Gerade Gewerbegebiete wurden frühzeitig priorisiert, um Unternehmen eine stabile, leistungsfähige und skalierbare digitale Infrastruktur zu bieten. Glasfaser ermöglicht hohe und wachsende Bandbreiten, kurze Reaktionszeiten bei Störungen sowie die zuverlässige Nutzung von Cloud-Anwendungen, vernetzten Produktionsprozessen und datenintensiven Geschäftsmodellen.
Mit dem koordinierten Ansatz der GRS werden Doppelstrukturen vermieden und Investitionen gezielt gelenkt. Unternehmen profitieren davon, dass Ausbauplanungen transparenter sind und Netze schneller verfügbar werden. Die Annäherung an die 50-Prozent-Marke zeigt: Glasfaser ist in der Region Stuttgart nicht mehr die Ausnahme, sondern wird zunehmend zur Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Wachstum.

Wie es weitergeht? Hans-Jürgen Bahde ist bei den Prognosen eher vorsichtig:  Denn wie sich die Situation entwickele, lasse sich schwer prognostizieren. Die Phase, in der es auf dem Glasfaser-Markt eine investorengetriebene Goldgräberstimmung gegeben habe, sei aber vorbei. Bahde: „Es gab große Ankündigungen, hohe Ausbauzahlen. Dann kamen Pandemie, explodierende Baupreise, Engpässe, Insolvenzen – und schließlich eine Konsolidierungsphase.“ Nun müssten die Anbieter sich auf die neue Situation einstellen, bevor es weitergehen könne.

Der Fokus habe sich also verschoben. Nun sei die Aktivierung von Leitungen das zentrale Anliegen, also die Frage,  wie man die Menschen davon überzeugen könne, auf Glasfaser tatsächlich umzusteigen. Denn erst wenn Anschlüsse aktiv sind, fließen Einnahmen.

Und die Unternehmen? Nutzen ist da – der Take-up ist aber kompliziert

Der Flugplatz Hahnweide in Kirchheim unter Teck wird ans Glasfasernetz angebunden. Ein Beispiel, wie Digitalisierung den Mittelstand unterstützt. © GRS
Der Flugplatz Hahnweide in Kirchheim unter Teck wird ans Glasfasernetz angebunden. Ein Beispiel, wie Digitalisierung den Mittelstand unterstützt.

Eine entscheidende Frage für die Investoren ist deshalb: Wie viele Unternehmen nutzen die Möglichkeit tatsächlich? Bahde sagt offen: „Eine belastbare Statistik gibt es nicht“. Die Gründe liegen auf der Hand: Verträge in Gewerbegebieten gelten als Betriebsgeheimnis, Vermarktungsquoten wie bei Haushalten sind dort unüblich.

Bei der Aktivierung gibt es aber gewiss noch Luft nach oben: Gerade kleinere Unternehmen vergleichen nicht selten ihren bestehenden Kupfertarif mit einem Business-Glasfaserprodukt – und wundern sich über den Preis. Zu Hause bekommen sie  Glasfaser für monatlich 39,50 Euro und dann sollen sie im Unternehmen plötzlich einen Business-Tarif über 200 oder 300 Euro zahlen.

Der Unterschied: Business-Tarife enthalten Servicelevel, Entstörungszeiten, Redundanzen – Dinge, die in Firmen entscheidend sein können. Das alles kostet Geld.  Im Haushaltsbereich liegt die Anschlussquote, das so genannte Take-Up,  derzeit bei 37 Prozent in der Region Stuttgart – Tendenz leicht steigend. Auch hier zeigt sich: Infrastruktur allein genügt nicht. Es braucht Überzeugungsarbeit, konkrete Nutzenargumente, manchmal auch den Druck der Praxis.

Beispiele, die hängen bleiben: vom Kreativteam bis zum Flugplatz

Genau mit solchen Geschichten arbeitet die Telekom in ihrer Kommunikation. Wittlinger nennt Referenzen, die den Umstieg greifbar machen – vom Wachstum des Bandbreitenbedarfs bis zur strategischen Investition in Zukunftsfähigkeit. Als Beispiel  nennt sie den Flugplatz Hahnweide in Kirchheim unter Teck, der nun ans Glasfasernetz  angebunden werde. Solche Orte stünden sinnbildlich dafür, dass Digitalisierung nicht nur Konzernzentralen helfe, – sondern auch den Mittelstand, die Logistik, Event- und Spezialstandorte unterstütze.

Blick nach vorn: 90 Prozent – und die „Smart Region Stuttgart“

Der nächste Meilenstein wird für das Jahr 2030 angepeilt: Dann sollen 90 Prozent aller Haushalte in der Region das Glasfasernetz nutzen können. Bahde sagt klar: „Die ersten 50 Prozent sind einfacher als die zweiten 40 Prozent.“  Warum? Weil jetzt die attraktiven, gut planbaren Flächen zum großen Teil bearbeitet sind. Was bleibt, ist heterogener, kleinteiliger – ein Flickenteppich.

Und dennoch: Die Region hat einen Vorteil, der sich nicht in Metern Kabel messen lässt. Das Konstrukt ist etabliert, die Prozesse sind gelernt, die Akzeptanz ist hoch. Bahde beschreibt, dass es heute kaum noch kommunalpolitische Grundsatzkritik am Ansatz gebe – im Gegenteil: Je weiter der Ausbau, desto größer der Wunsch, „auch drankommen“ zu dürfen.

Parallel entwickelt die GRS schon eine Perspektive über den Breitbandausbau hinaus: die „Smart Region Stuttgart“.  Gesucht werden Anwendungen und Lösungen auf Basis der entstehenden Infrastruktur, nicht als Anbieter, sondern wieder als Koordinator zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft. Glasfaser ist also nicht der Endpunkt – sondern die Grundlage für neue Services, Prozesse, Geschäftsmodelle.

Und vielleicht erklärt das auch, warum die 50-Prozent-Hürde mehr ist als eine Zahl. Sie ist ein Signal an Unternehmen: Die Region rüstet nicht nur nach – sie baut die Plattform, auf der die nächste Entwicklungsstufe der Wirtschaft laufen soll.

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