© IHK Region Stuttgart
Im Auftrag der Wirtschaft: Vanessa Bachofer
27.Feb. 2026 | 14 Min. Lesezeit | Standort |Autor: Kai Holoch
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„Wenn ich genau drüber nachdenke: Zurzeit ist die IHK mein einziges Hobby“, sagt Vanessa Bachofer und lacht. Bevor die IHK das Freizeitleben der 43-Jährigen dominierte, gab es da noch den Stadtteilchor im Stuttgarter Norden – zwei, drei Projekte im Jahr, bei denen sie mitgesungen hat. „Auch sollte ich mich mehr bewegen. Immerhin mache ich Sport, um größere Rückenschäden zu verhindern“, fügt sie dann noch hinzu. So sieht Vanessa Bachofers kurzer Blick auf die eigene To-do-Liste aus: pragmatisch, mit trockenem Humor.
Zusammen mit zwei Cousins leitet Vanessa Bachofer in vierter Generation das auf Kunststofftechnik spezialisierte Familienunternehmen Mack & Schneider in Filderstadt-Plattenhardt. Wie so viele Mittelständler in der Region beliefert das 1934 gegründete Traditionsunternehmen heute vorrangig die Automotive-Branche. Rund 140 Mitarbeiter hat Mack & Schneider. 2009 ist Vanessa Bachofer ins Unternehmen eingetreten. In der Geschäftsführung ist sie für die Bereiche Einkauf und Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umwelt zuständig.
Das Ehrenamt nimmt im Schnitt einen Arbeitstag pro Woche in Anspruch
In einer Region, in der Industrie nicht nur ein Wirtschaftszweig ist, sondern Identität vermittelt, hängt gerade an solchen Betrieben mehr als Umsatz und Auftragslage. Es geht um Ausbildungsplätze, Kaufkraft, kommunale Einnahmen – und am Ende auch um die Stimmung im Landkreis.
Genau dort setzt ihr Ehrenamt an. Seit rund einem Jahr – und zunächst bis 2029 – steht Vanessa Bachofer als Präsidentin an der Spitze der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. Es ist ein Ehrenamt, das sie „im Schnitt einen Arbeitstag pro Woche“ kostet – plus Abendtermine. Und das sie trotzdem nicht als Last empfindet. Vanessa Bachofer: „Für mich ist das mein intellektueller Ausgleichssport zum Alltag im Betrieb.“
Dass sie überhaupt in diese Rolle hineingewachsen ist, hat mit dem klassischen Familienunternehmer-Gen zu tun – und mit dem väterlichen Schubs in Richtung Eigenständigkeit. „Kind, mach, was du willst“, habe ihr Vater immer gesagt. Sie nahm ihn beim Wort. Studiert hat sie in Passau zunächst Diplom-Kulturwirtschaft mit Schwerpunkt auf Spanien, Portugal und Lateinamerika. Später kam – nebenberuflich – noch ein Master in Philosophie, Politik und Wirtschaft dazu. Vor allem aber sammelte sie früh Eindrücke jenseits der Heimat.
„Freiwillig“ – aber mit Nachteil? EU-Regeln, die im Mittelstand ankommen
Wenn Vanessa Bachofer über Bürokratie spricht, meint sie nicht nur Formulare aus dem Landratsamt. Viel Druck komme über europäische Vorgaben direkt in die Betriebe – und landet am Ende oft bei mittelständischen Unternehmen, die keine eigenen Stabsabteilungen für Regulatorik haben.
Beispiele, die im Landkreis Esslingen Thema sind:
- Medical Device Regulation (MDR): trifft Unternehmen, die in medizinnahe Produkte oder Zulieferketten eingebunden sind.
- Altfahrzeugverordnung & Recycling-Vorgaben: Anforderungen an Recyclinganteile und Materialnachweise – relevant für viele Industrie-Zulieferer.
- Nachhaltigkeitsberichterstattung: Zwar sollen KMU in Zukunft oft von der Berichterstattung ausgenommen sein. Gleichzeitig existiere ein „freiwilliger“ Berichtsstandard. Bachofers Sorge: Wer nicht „freiwillig“ berichtet, könne Nachteile haben – etwa in Lieferketten, bei Kundenanforderungen oder bei der Finanzierung.
- Cybersecurity-Regeln: die europäischen Vorgaben schlagen „komplett durch“ bis in die Unternehmen – mit Prozessen, Audits und IT-Anforderungen.
- Entgelttransparenz: kündigt sich als nächstes großes Thema an, auch wenn die Betriebe unterschiedlich stark betroffen sind.
Bachofers Kernkritik: Regulierung darf nicht dazu führen, dass Unternehmen Zeit und Personal in Parallelwelten binden, während die eigentliche Transformation – neue Produkte, neue Qualifikationen, neue Märkte – liegen bleibt.
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Ein Praktikum in einer Unternehmensberatung – „für mich das schlimmste Praktikum“ – und ein paar Wochen bei einem Global Player im Einkauf schenkten ihr vor allem eine Erkenntnis: „Ich bin einfach nicht der Konzerntyp.“ Lieber kleine Strukturen, näher dran an der Werkbank. Bachofer: „Mein halbes Jahr bei einem Formenbauer in Portugal hat mir deutlich mehr Spaß gemacht als irgendwie im Konzern zu sitzen und dann erstmal ein Portal nach dem anderen gezeigt zu bekommen.“
Zur IHK kam sie über ihren Vater, der 1990 bei den Wirtschaftsjunioren Kreissprecher gewesen war. Sie selbst kam auf dieser Schiene früh zum Wirtschaftsnachwuchs – und beschreibt den Aufstieg mit einer Mischung aus Selbstironie und Tempo: „Man macht ein paar Termine, fällt durch Fragen auf, dann kommt die nächste Anfrage – und schwuppdiwupp ist man halt drin“. Bereut? „Bisher noch nicht.“ Und wieder ist da dieses Lachen.
Nicht erst reagieren, wenn die Messe gelesen ist
Was sie antreibt, formuliert sie nicht als wohlklingenden Aktionskatalog. Sie hat aber einen sehr konkreten Anspruch: Vanessa Bachofer will den Service für Unternehmen verbessern, frühzeitig wissen, was politisch auf sie zurollt – und nicht erst reagieren, „wenn die Messe gelesen ist“. Dabei geht es unter anderem um die Begleitung der Transformation, die Integration ausländischer Fachkräfte sowie um digitale Angebote im Bereich der Ausbildung und Prüfungen.
Gleichzeitig weiß sie um die Grenzen ihres Ehrenamts: „Wir haben als IHK Esslingen-Nürtingen natürlich einen relativ begrenzten Wirkungskreis nach außen in Richtung Politik“. Nach innen dagegen könne man sehr wohl etwas bewegen – gerade, weil in der Region fünf Kammern zusammenarbeiten und sich nicht jede in ihrer eigenen Welt drehe.
Im Landkreis Esslingen, sagt die Präsidentin, spüre man aber den aktuellen Gegenwind stärker als anderswo: „Wir sind rein von der Struktur her der industrielastigste Kreis in der Region.“ In den Konjunkturumfragen liege Esslingen oft unter dem Schnitt, die Arbeitslosigkeit sei höher. Über allem hänge die Transformation der Automobilindustrie – im Landkreis besonders schmerzhaft, weil hier über Jahrzehnte Wertschöpfung, Zulieferketten und Beschäftigung daran gewachsen sind. Ihr eigenes Unternehmen liefere „zu knapp 85 Prozent“ in die Autoindustrie.
Das Bewusstsein für die Tragweite der Transformation ist noch zu gering
Die Krise ist an Mack & Schneider bisher weitgehend vorbeigegangen: Bachofer: „Noch ist das bei uns absolut kein Drama. Wir haben uns global und breit aufgestellt. Wir bedienen das Oberklassesegment ebenso wie Trucks und Busse und arbeiten nicht nur mit deutschen Herstellern zusammen.“
Und dann macht sie deutlich, welche Bedeutung sie dem anstehenden Transformationsprozess beimisst. Das Bewusstsein dafür sein auch im Landkreis Esslingen noch zu wenig ausgeprägt. Bachofer formuliert es so: „Viele Betriebe machen bisher vorrangig das Gleiche wie bisher, aber mit Photovoltaik auf dem Dach.“ Sie erwartet aber, dass die große Transformationswelle bald sichtbar wird: über Beschäftigungspläne, Umschulungen, neue Geschäftsmodelle. Und natürlich macht sich die IHK-Präsidentin Gedanken, was passiert, wenn Gewerbesteuern und Einkommen wegbröckeln.
Kosten, Bürokratie, Fachkräftemangel: Unternehmen in der Region unter Druck
Für viele Betriebe verschärfen sich die Rahmenbedingungen spürbar. Es geht nicht um konjunkturelle Schwankungen, sondern um strukturelle Herausforderungen, die Kosten erhöhen und Spielräume einengen.
Globaler Preisdruck: Asiatische Wettbewerber erhöhen den Kostendruck auf heimische Betriebe.
Geopolitische Risiken: Exportbeschränkungen für seltene Erden und Halbleiter erschweren Planung und verteuern Beschaffung.
Steigende Produktionskosten: Hohe Energiepreise, teurere Zukaufteile, Zölle, CO₂-Grenzausgleich (ab 2026) und steigende Löhne belasten.
Mehr Bürokratie: Wachsende Dokumentationspflichten gegenüber Behörden, Versicherern und Kunden.
Nachhaltigkeitsanforderungen: CO₂-Bilanzen, Zertifizierungen und Compliance verursachen zusätzlichen Verwaltungsaufwand.
Fachkräftemangel: Weniger Bewerbungen für technische Berufe, alternde Belegschaften und fehlendes Personal in Produktion und Qualifikation.
Vanessa Bachofer denkt laut darüber nach, wie sich der Landkreis neu erfinden könnte: Weniger reine Fertigung, mehr Dienstleistungen, dazu die Entwicklung neuer Felder wie die Gesundheitswirtschaft. Vorrangig geht es ihr darum, die Wirtschaft auf die Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung auszurichten. Offen räumt sie ein, dass es für alle Bereiche keine einfachen Antworten gibt.
IHK zeigt Möglichkeiten – muss aber auch Erwartungen dämpfen
Die IHK sieht sie dabei als Vernetzerin – „Matchmaker“ nennt sie es – etwa in Richtung Luft- und Raumfahrt oder Verteidigungswirtschaft. Gleichzeitig bremst sie gerade im Rüstungsbereich zu hohe Erwartungen und benennt die Probleme: überschaubare Stückzahlen, Vorlaufzeiten und Zertifizierungen: „Da kann jetzt nicht jeder einsteigen, der halt irgendwie ein Blech umbiegt.“ Und selbst wenn es klappt, ersetzt ein Auftrag aus einer neuen Branche nicht automatisch die wegbrechenden Automotive-Großaufträge.
Im Rüstungsbereich kann nicht jeder einsteigen, der irgendwie ein Blech umbiegt
Vanessa Bachofer
Mindestens genauso wichtig wie die Transformation ist für Vanessa Bachofer der Bürokratieabbau: „Ich möchte wirklich mal sagen können: Es wurde irgendwo spürbar Bürokratie abgebaut – und nicht nur drüber geredet und es kam wieder irgendwas Neues hinterher.“ Dabei vermeidet sie den schnellen „Federstrich“-Populismus. Sie weiß zu gut, wie Zuständigkeiten, Regelwerke und Ebenen ineinander greifen. Aber sie hat wichtige Stellschrauben im Blick: die Abschaffung doppelter Prüfungen und überlappender Verantwortlichkeiten. Müssen da wirklich immer eine Behörde, ein Versicherer und ein Zertifizierer involviert sein, das fragt sie sich oft. Ihr Punkt: Es koste die Unternehmen Zeit – und Zeit sei in vielen Betrieben längst die knappste Ressource.
Hier einen Beitrag zur Entlastung der Unternehmen zu leisten, das ist Vanessa Bachofer wichtig. Sie wirkt dabei nicht wie jemand, der die Präsidentschaft angestrebt hat, um sich auf einer großen Bühne präsentieren zu können. Es geht ihr immer um die Sache selber. Sie nutzt ihr Amt, um mit klaren Sätzen und Humor auch unbequeme Tatsachen anzusprechen. Im Landkreis Esslingen, wo die Industrie gerade neu sortiert wird, kann genau diese Mischung den Standort aufwerten. Vanessa Bachofer formuliert es so: „Ich bin Lobbyistin – für den Wirtschaftsstandort, für die Soziale Marktwirtschaft – aus Leidenschaft.“