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Die Studierenden entwickelten ein Spiel, das Kindern zeigt, wo ihre Kompetenzen liegen – und wie diese später bei der Berufswahl helfen können.

Berufsorientierung 2.0: Studierende aus Esslingen entwickeln neue Impulse für Schulen

10.Juli 2026 | 7 Min. Lesezeit | Ausbildung |
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Wie gelingt Berufsorientierung, die Schülerinnen und Schüler motiviert und praxisnah auf die Berufswelt vorbereitet? Mit dieser Frage haben sich Studierende der Hochschule Esslingen ein Jahr lang beschäftigt. Im Auftrag der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen entwickelten sie innovative Konzepte für Schulen, die zugleich eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in den Mittelpunkt stellen.


Die Studentinnen und Studenten entschieden sich für das dritte Ziel: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“. Das Ergebnis: zwei praxistaugliche Konzepte, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und dennoch denselben Anspruch verfolgten: Berufsorientierung komplett neu denken. Ein Ansatz stärkt die Selbstreflexion der Jugendlichen durch ein spielerisches Kompetenztool, der andere ermöglicht Achtklässlern regelmäßige Einblicke in verschiedene Betriebe. Beide Konzepte setzen dabei auch echte Praxiserfahrung und eine enge Einbindung der Zielgruppe – und zeigen, wie Berufsorientierung moderner und wirksamer gestaltet und gelebt werden kann.

Die Zielgruppen früh einbeziehen

Beiden Projektgruppen aus den Studiengängen Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit war laut den Studierenden recht früh klar, dass man für ein gutes Ergebnis die Zielgruppe eng einbeziehen müsse. Um das zu erreichen, arbeiteten die Studierenden mit einem Design‑Thinking‑Prozess. Das zentrale Mindset „Fail early to succeed sooner“ beschreibt, worum es dabei geht: Schwachstellen früh sichtbar machen, aus Nutzer‑Feedback lernen und durch iterative Anpassungen schneller zur optimalen Lösung gelangen. Unter anderem die Deutsche Bahn nutzte Design Thinking bereits, um ihre Info-Schalter „Infopoint 4.0“ neu zu gestalten.

Ein Spiel, das Stärken sichtbar macht

Die erste Projektgruppe, vertreten durch die zwei angehenden Kindheitspädagoginnen Valerie Müller und Festina Imeraj, entwickelte ein spielerisches Kompetenztool, das Jugendlichen helfen soll, eigene Stärken zu erkennen und sichtbar zu machen. Ausgangspunkt war die Frage, wie Selbstbewusstsein und Selbstreflexion gezielt gefördert werden können – zentrale Bausteine einer gelingenden Berufsorientierung.

Über ein Jahr hinweg entstanden in der Gruppe zahlreiche Ideen: eine App, eine AG, Exkursionen und weitere Formate. Erst durch das Testen eines Prototyps an Schulen im Landkreis Esslingen und das daraus resultierende Feedback kristallisierte sich dann das finale Produkt heraus. Dieses wurde aber über Monate hinweg immer wieder angepasst und weiterentwickelt, ehe es jetzt vorgestellt werden konnte. Das Ergebnis ist ein Spiel, das Kindern durch Aufgaben, Challenges und Ereignisfelder zeigt, wo ihre Kompetenzen liegen – und wie diese später bei der Berufswahl helfen können. Die Kinder erspielen sich farbige Steinchen, die am Ende ein individuelles „Ich‑Männchen“ bilden. Jede Farbe steht für eine Stärke: Blau etwa für Kommunikationsfähigkeit, Orange für Selbstständigkeit. So entstehe ein visuelles Kompetenzprofil, das Selbstbewusstsein stärkt und Orientierung bietet, so die Studierenden.

Praktika auf einer neuen Basis

Die zweite Projektgruppe – Maria Schewtschenko, Chiara Hausser und Marvin Matulla aus dem Studiengang Soziale Arbeit – entwickelte einen komplett anderen Ansatz. Nachdem sie durch Besuche an Schulen die Zielgruppe erfolgreich kennengelernt hatten, beschlossen sie, Praktika neu denken zu wollen. Denn sie merkten schnell: Kinder wollen etwas erleben, am liebsten mit ihren Freunden. Ihre Idee: Schülerinnen und Schüler der achten Klasse gehen ein Schuljahr lang allezwei Wochen für einige Stunden in unterschiedliche Unternehmen. So sollen die Kinder in möglichst viele verschiedene Jobs reinschnuppern. Der praktische Nebeneffekt: die Kinder können recht früh ein Netzwerk aufbauen, das später für längere Praktika oder eine Ausbildung wertvoll sein kann.

Zum Start des Schuljahres ist ein „Orga‑Tag“ vorgesehen, an dem sich die Jugendlichen ihre Praktikumsstellen für das erste Halbjahr aussuchen. Alle 14 Tage folgt dann ein Praxistag, bevor das Konzept im zweiten Halbjahr erneut durchlaufen wird. Den Abschluss bildet ein Reflexionstermin, bei dem Erfahrungen gesammelt und ausgewertet werden.

Design-Thinking als verbindendes Element

Beide Gruppen arbeiteten nach einem klar strukturierten Innovationsprozess. Sie begannen mit dem Verstehen und Beobachten der Zielgruppe, übersetzten die Erkenntnisse in pädagogische Anforderungen, entwickelten Personas, zum besseren Verstehen der Zielgruppe, suchten kreative Lösungen, antizipierten mögliche Hürden und testeten ihre Produkte mit Schülerinnen und Schülern. Dieser Prozess sorgte dafür, dass die Ergebnisse nicht nur kreativ, sondern auch praxistauglich sind. Die Studierenden zeigten dabei, wie Hochschulen, Schulen und Wirtschaft gemeinsam neue Impulse für die Berufsorientierung setzen können.

Mehr Freiraum für Schulen, statt 100 Verordnungen

Das sagt auch Markus Fritz, der Schulleiter an der Riegelhofschule Realschule Ostfildern-Nellingen, einer der Kooperationsschulen für das Projekt. Er sieht großes Potenzial: Beide Projekte seien realisierbar und könnten Kindern wertvolle Erfahrungen auf dem Weg in den Beruf bieten. Nun brauche es Mut und Bereitschaft, auch einmal etwas Verrücktes auszuprobieren. Pilotklassen, die die Ideen der Gruppen im realen Schulalltag ausprobieren, könnten ein erster Schritt sein. Schulen bräuchten mehr Freiraum und keine 100 Verordnungen und bürokratische Hürden, so Fritz.

Auch Barbara Keller, Referatsleiterin Beruf und Qualifikation bei der IHK Bezirkskammer Esslingen‑Nürtingen, zieht ein positives Fazit. Die Kooperation sei ein voller Erfolg gewesen und solle unbedingt ausgebaut werden. Die Studierenden hätten bekannte Denkmuster durchbrochen und spannende neue Ideen entwickelt.

© Jannick Hess
Von links: Prof. Rita Grimm, Valerie Müller, Festina Imeraj, Maria Schewschenko, Chiara Hausser und Marvin Matulla

Die Noten für die Studierenden dürften auch nicht allzu schlecht ausfallen, denn auch ihre Professorin Dr. phil. Rita Grimm ist überzeugt von den Ergebnissen. Jetzt müsse es darum gehen, die beteiligten Akteure an einen Tisch zu holen und an der Umsetzung zu arbeiten.

Kultusministerium: Schulen haben Freiräume für neue Formate

Auch das Kultusministerium im Land hat sich auf Nachfrage der IHK zu den beiden Projektvorschlägen geäußert. Das Ministerium begrüße innovative Zugänge zur beruflichen Orientierung. Außerdem gebe es viele Schulen im Land, die offen seien für neue Formate und innovative Ideen zur beruflichen Orientierung bereits fest in ihren schulischen Konzepten verankert hätten. Viele Schulen hätten bereits heute die Freiheit, in Absprache mit Unternehmen und Betrieben „innovative Modelle für Praxiserfahrungen oder Betriebspraktika auszuprobieren und weiterzuentwickeln“. Praxiserfahrungen seien bereits ein zentrales und verbindliches Element der Beruflichen Orientierung, heißt es.

Gleichzeitig betont das Ministerium, dass solche Formate nur gelingen, wenn auch die Partner – Betriebe, Kammern und weitere Akteure – offen für neue Wege seien. Die Berufliche Orientierung sei eine „fächerübergreifende Teamaufgabe“, die im Schulalltag selbstverständlich verankert sei und sein müsse. Mit Initiativen wie den „Praktikumswochen BW“ und einem digitalen Matching‑Tool wolle man zusätzliche niederschwellige Praxiserfahrungen ermöglichen und die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Berufsberatung weiter stärken. Des Weiteren unterstütze das „Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung“ die Schulen dabei, neue, attraktive Elemente anzubieten.

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