3 junge Männer in Arbeitskleidung in einer Werkhalle © Maga/IHK
Anpacken macht Spaß: drei der sieben Rumänen, die bei Zeppelin Praxiserfahrung sammeln.

Azubisuche: Für die Praxis aus Rumänien nach Böblingen

12.März 2026 | 7 Min. Lesezeit | Ausbildung, Fachkräfte |
Autor:
Viele junge Fachschüler aus strukturschwachen Regionen Europas wollen praktische Erfahrung im Ausland sammeln – doch ihnen fehlt oft der Zugang zu Betrieben. Deutsche Unternehmen hingegen sind auf Azubisuche. Ein Vermittlungsprojekt bringt sie für Praktika nach Deutschland. Für beide Seiten eine Chance: Die Nachwuchskräfte sammeln Praxis, Unternehmen lernen motivierte Talente kennen.

Von 825 auf 1000 will die Zeppelin Baumaschinen GmbH die Zahl ihrer Servicetechniker bis zum Jahr 2030 steigern. Eine echte Herausforderung wenn man weiß, wie schwierig die Azubisuche ist: In ganz Deutschland gibt es pro Jahrgang nur um die 2000 Land- und Baumaschinen-­Mechatroniker, die ihre Ausbildung abschließen.

Jeder von ihnen kann sich rein rechnerisch eine unter 16.000 Stelle aussuchen. „Ein ganz, ganz krasses Missverhältnis“, wie Geschäftsführer Philip Wolters sagt.

Seine Versuche, Mitarbeiter von Zeppelin-­Niederlassungen in anderen Ländern abzuwerben scheiterten: „Wir werden einen Teufel tun, die brauchen wir schließlich selbst“, musste er sich immer wieder anhören. Einzelne neue Kollegen aus Syrien oder Afghanistan konnten zwar gewonnen werden. Der Weg erwies sich aber als so steinig, dass Wolters ihn nicht fortsetzen wollte.

Statt weiter „Stellenanzeigen rauszu­-hauen“ suchte er online nach einer vielversprechenden Lösung und fand sie ­unter dem Stichwort „Eucontact“. Hinter dem ­Namen verbirgt sich ein nicht kommerzielles Unternehmen mit Sitz im ­irischen Cork. Zu dessen Ziel ­gehört es, junge Leute aus strukturschwachen EU-Regionen in solche zu vermitteln, in denen Arbeits­kräfte fehlen.
Der Ablauf funktioniert so: In einer ersten Stufe lernen die jungen Leute ihren Beruf – so wie in fast allen Ländern der Welt – an einer Fachschule. Wenn sie kurz vor dem Abschluss stehen, kommen sie zum Beispiel nach Deutschland, um ein vierzehntägiges Praktikum in einem Betrieb zu absolvieren.
Eine Win-win-Situation, wie EU-­Contact-Mann Michael Zehner erklärt: „Wegen der rein schulischen Ausbildung haben sie nicht nur keine Berufspraxis, sondern auch noch keinen Arbeitgeber“. Der Gewinn für die deutsche Firma: ­motivierte junge ­Leute, die schon ein technisches Grund­wissen mitbringen. Vorteil sei aber auch, dass die ­bürokratischen wie kulturellen Hürden weitaus niedriger sind als bei Menschen aus anderen Teilen der Welt. Auch die Kosten halten sich im Rahmen, weil das Programm Erasmus Plus das ­Projekt unterstützt.

Wolters überzeugte das Konzept sofort, und so kamen Mitte Februar sieben ­junge Männer plus ein Berufsschullehrer aus dem rumänischen Arad nach Böblingen. Wie wurden die sieben ausgewählt? ­„Erstes ­Kriterium war der Wunsch, herzukommen, zweites gutes Benehmen und Lernwilligkeit und drittes die technische Begeisterung“, erzählt Zehner. Und: Alle 19 aus der Landmaschinentechniker-Klasse erfüllten die Kriterien. Deswegen entschied schließlich ein schriftlicher Test.

Der erste Eindruck überzeugt jedenfalls von Kriterium eins und zwei: Als Wolters unerwartet die Halle betritt, passiert ­etwas, was wohl so manchem gestandenen Ausbilder ­Tränen der Rührung in die Augen treiben würde: Die jungen Männer stellen sich spontan auf, um Wolters die Hand zu schütteln: „Thank you für bringing me here“.

Auf Deutsch können sie das ­allerdings (noch) nicht sagen. Aber auch hier ein Glücksfall: Serviceleiter Holger Winter hat rumänische Wurzeln. Zudem steht eine Dolmetscherin parat.

Aber warum wurden nur sieben aus­gewählt, wenn doch alle 19 Berufsschüler geeignet waren? „Wir haben jedem einen Gesellen zugeordnet, damit sie wirklich mitarbeiten können“, erzählt Wolters. Hinzu komme der ­Betreuungsbedarf auch in der Freizeit. Schließlich sollen sich die jungen Leute wohlfühlen und gern wieder­- kommen. Porsche-­Museum, Bowling und Fußball leisteten da Überzeugungsarbeit.

Die sieben Rumänen hat jedenfalls das Schwaben-Fieber erwischt: Alle würden gern hierbleiben beziehungsweise wieder­kommen. Und Zeppelin hat so gute Erfahrungen gemacht, dass Wolters schon mit der Idee liebäugelt, jungen EU-­Bürgern regel­mäßige Praktikumsblöcke im Betrieb anzubieten.

Interessenten gibt es jedenfalls genug, folgt man Zehner, und das nicht nur in ­Rumänien: „In Cork gibt es ein US-Konsulat, da ist die Straße dicht, wenn Visa vergeben werden“, hat er festgestellt, ­„sicher würden viele gern nach Deutschland ­kommen, wenn sie die Möglichkeit hätten.“

Wen Sie mehr zum Thema Ausbildung wissen wollen, klicken Sie auf unsere IHK-Homepage

Gefällt Ihnen unser Artikel?

Seite teilen

Mehr zum Thema

Push-News erhalten? JA NEIN