Im Bio-Labor des Festo- Ausbildungszentrums in Esslingen üben Azubis den Umgang mit Bioreaktoren und Messsystemen. © Festo Didactic SE
Im Bio-Labor des Festo- Ausbildungszentrums in Esslingen üben Azubis den Umgang mit Bioreaktoren und Messsystemen.

Im Biolabor lernen Azubis, wie Zellen ticken

04.Feb. 2026 | 4 Min. Lesezeit | Ausbildung, Digitalisierung, Klimaschutz |
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Die Automatisierung rückt näher an die Biologie. Was früher getrennte Welten waren – Maschinenbau hier, Zellkultur dort – verschmilzt zunehmend. Der Esslinger Automatisierungsspezialist Festo hat diese Entwicklung erkannt und zieht die Konsequenzen: Im Ausbildungszentrum in Berkheim wurde ein Biolabor eingerichtet, in dem Auszubildende lernen, was ihre Kunden aus Chemie, Pharma und Biotechnologie bewegt.

Das Ziel ist klar: Wer künftig Anlagen und Steuerungen für Labor und Produktion entwirft, muss verstehen, wie biologische Prozesse funktionieren. „Wir wollen First Mover sein und nicht darauf warten, dass es irgendwoher passende Bildungskonzepte für dieses Zukunftsthema gibt“, sagt Stefan Dietl, Ausbildungsleiter der Festo Didactic SE und Mitglied im Berufsbildungsausschuss der IHK. Festo bildet traditionell stark technisch aus – Mechatroniker, Elektroniker, Industriemechaniker. Doch nun sollen die jungen Fachkräfte auch ein Gefühl dafür bekommen, wie lebende Systeme arbeiten – im neuen Biolabor in Esslingen-Berkheim.

Vom Schraubenschlüssel zum Bioreaktor

Im neuen Biolabor lernen seit dem vergangenen September 62 Auszubildende, darunter ein Viertel junge Frauen, die Grundlagen der Biotechnologie. Sie messen pH-Werte, Sauerstoffgehalt und Zelldichte, steuern Bioreaktoren und analysieren Prozesse. Die meisten haben mit Biologie bislang wenig zu tun gehabt. Umso wichtiger ist der direkte Bezug zu ihrer künftigen Arbeit: In der Prozessautomation liefert Festo längst Komponenten wie Ventilinseln, Sensoren und Regeltechnik für biotechnologische Anlagen. Mit dem Bio-Labor schließt sich die Wissenslücke zwischen Technik und Biologie.

Das Biolabor selbst ist Teil des Ausbildungszentrums, in dem 20 Ausbilder tätig sind. Um den Bio-Bereich kümmern sich eine Biologin und ein Verfahrenstechnik-Ingenieur. Die beiden verbinden naturwissenschaftliches Grundlagenwissen mit dem Verständnis für industrielle Prozesse. Festo versteht das Projekt als Pilot – nicht nur für den eigenen Nachwuchs, sondern auch für die Region. Schon jetzt interessieren sich Berufsschulen und Gymnasiallehrer für die neue Lernumgebung.

Dietl sieht darin einen notwendigen Schritt. Immer mehr Stoffe werden biotechnologisch hergestellt, die Prozesse werden komplexer, die Automatisierung rückt in den Vordergrund. Festo hat diesen Wandel früh erkannt – spätestens seit der Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IGB im Jahr 2016, als das Unternehmen begann, die Automatisierung von Bioreaktoren als eigenen Geschäftsbereich aufzubauen. Bis dahin war das oft Handarbeit. Heute geht es um Effizienz, etwa bei der Belüftung von Bioreaktoren: Wer die Bläschengröße und Gasaustauschfläche optimiert, spart bis zu 30 Prozent Energie.

Die IHK als Partner der Transformation

Die IHK Region Stuttgart begleitet das Projekt nicht nur über Dietls Mitwirkung im Berufsbildungsausschuss, sondern auch organisatorisch. Gemeinsam mit Festo hat sie die Zusatzqualifikation „Nachhaltigkeitsmanagement“ auf den Weg gebracht. Damit wird das Bio-Labor zum Baustein einer umfassenderen Ausbildungsstrategie, die technische und bioökonomische Kompetenz mit ökologischem Bewusstsein verbindet.

Für Dietl ist das entscheidend: „Die beste Technik nützt nichts, wenn der Mensch keinen Bock hat.“ Festo will junge Menschen für Zukunftsthemen begeistern – und sie zugleich auf Kunden vorbereiten, deren Anforderungen sich rasant verändern. Während viele Unternehmen noch zögern, investiert Festo in die Verbindung von Technik und Biologie.

Das Ergebnis ist ein Labor, das den Nachwuchs auf die Welt von morgen vorbereitet: eine Welt, in der Automatisierung nicht mehr nur aus Stahl, Sensoren und Software besteht, sondern auch aus Zellen, Enzymen und Prozessen, die leben.

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