300 Gäste besuchten den Jahresempfang in der Stadthalle Sindelfingen. © Dimitri Drofitsch
300 Gäste besuchten den Jahresempfang in der Stadthalle Sindelfingen.

„Auswege aus der Autokrise brauchen politische Rückendeckung“

16.Apr. 2026 | 6 Min. Lesezeit | Mobilität, Politische Forderungen, Standort |
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Auf dem Jahresempfang der IHK-Bezirkskammer Böblingen in der Sindelfinger Stadthalle analysierte die VDA-Präsidentin Hildegard Müller die Lage der Automobilbranche. Sie fordert weniger Regulierung und mehr Tempo, damit der Motor der Region wieder anspringt.
Hildegard Müller, Präsidentin des Automobilbauverbands VDA, beschrieb die Herausforderungen, mit denen die Branche derzeit kämpft. © Dimitri Drofitsch
Hildegard Müller, Präsidentin des Automobilbauverbands VDA, beschrieb die Herausforderungen, mit denen die Branche derzeit kämpft.

Auch wenn die Verhältnisse derzeit nicht zum Feiern einladen – wer auf einem IHK-Jahresempfang Verzagtheit erwartet, liegt falsch. Auch dann, wenn die Stadthalle des vom Automobilbau geprägten Sindelfingens der Schauplatz ist und die IHK-Bezirkskammer Böblingen die VDA-Präsidentin Hildegard Müller als Gastrednerin geladen hat. Diese analysierte zwar die Lage der Branche schonungslos, machte aber auch klar, dass entschlossenes Handeln Auswege schaffen kann.

Die Unternehmen haben das Potenzial, aus der Krise zu kommen

Moderiert von Präsident Andreas Weeber und Geschäftsführerin Marion Oker entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in der klar wurde, dass die Unternehmen in Deutschland, Baden-Württemberg und der Region das Potenzial haben, aus der Krise zu finden – zumindest mit einem Mindestmaß an Flankenschutz durch die Politik.

Von links: IHK-Bezirkskammerpräsident Andreas Weeber, Dehoga-Vorsitzender Peter Kramer, Mercedes-Standortleiterin Sara Gielen, VDA-Präsidentin Hildegard Müller, IHK-Geschäftsführerin Marion Oker. © Dimitri Drofitsch
Von links: IHK-Bezirkskammerpräsident Andreas Weeber, Dehoga-Vorsitzender Peter Kramer, Mercedes-Standortleiterin Sara Gielen, VDA-Präsidentin Hildegard Müller, IHK-Geschäftsführerin Marion Oker.

Rund 300 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft folgten interessiert dem Impulsvortrag der Verbandschefin und ehemaligen CDU-Politikerin, die zunächst das bekannte Lagebild entwarf: Neue Wettbewerber treten auf den Plan und fordern unsere Wirtschaft heraus. Der Strukturwandel der Automobilindustrie erfordert gigantische Investitionen – allein 320 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung bis 2039 – die jedoch überwiegend ins Ausland fließen. Die Unsicherheit durch globale Krisen und Kriege wird zum Dauerzustand. Und all dies trifft auf hausgemachte Probleme wie die überbordende Regulierung in Brüssel und Berlin.

Müller ließ keinen Zweifel daran, dass die deutsche Autoindustrie auch in Zukunft wettbewerbsfähige Produkte anbieten werde. Entscheidend sei jedoch, dass auch der Standort wieder Wettbewerbsfähigkeit gewinnt. Hoffnung machen dabei „gewachsene Ökosysteme“ wie das der Autobranche im Kreis Böblingen: „Diese Region war immer innovativ, hat sich nie zufriedengegeben und jede Chance wahrgenommen.“    

Doch nach Einschätzung der VDA-Präsidentin braucht es weit mehr, damit der Wohlstand Europas und der Region auch in Zukunft bestehen bleibt. Zum einen eine Kehrtwende in der EU-Politik, die aufhören müsse, die Unternehmen durch ausufernde Regulierung bis ins feinste Detail zu lähmen. Zum anderen ein höheres Tempo bei der Digitalisierung, wobei es Vorbilder in nächster Nachbarschaft gebe: „Würden wir in Deutschland den Stand Dänemarks erreichen, hätten wir 100 Milliarden Euro mehr Wirtschaftsleistung.“

Für den musikalischen Rahmen sorgte das Duo Jules. © Dimitri Drofitsch
Für den musikalischen Rahmen sorgte das Duo Jules.

Neue Handesabkommen machen Hoffung – endlich!

Letztlich, so Müller, könne Europa global nur durch eine stärker koordinierte Industriepolitik und die Entfaltung seiner wirtschaftlichen Kraft bestehen. „Das ist das Wichtigste, was wir in die Waagschale werfen können.“ In diesem Zusammenhang begrüßte sie den Abschluss neuer Handelsabkommen in den vergangenen Monaten, mit denen es zuvor Jahrzehnte nicht vorangegangen sei. „Wenn man Ewigkeiten verhandelt und zu keinem Ergebnis kommt, darf man sich nicht wundern, wenn sich Andere die wichtigen Rohstoffe sichern.“

In der anschließenden Diskussion brach Sara Gielen, Standortleiterin des Mercedes-Benz-Werkes Sindelfingen, eine Lanze für den Standort, der sich durch „Effizienz, Geschwindigkeit und Flexibilität“ auszeichne. Gerade die Flexibilität mache sich in unsicheren Zeiten mehr als bezahlt. Und: „Es wird durchaus auch in Deutschland investiert!“ Ihr Unternehmen sei dabei, seinen Anspruch als Innovationführer der Branche behaupten, was sich unter anderem in einer Produktpipeline von 40 Automodellen in den kommenden drei Jahren.

„Die Abhängigkeit von der Automobilindustrie ist riesengroß“, bestätigte Peter Kramer, Vorsitzender des Dehoga im Kreis Böblingen und Inhaber des Erikson Hotels gegenüber dem Sindelfinger Mercedes-Werk, dessen Gäste zu drei Vierteln aus Geschäftsreisenden bestehen. Folglich spüre sein Haus die Krise in der Branche sofort – „in der heutigen Zeit geht vieles auch online.“ Den Schneid abkaufen lässt sich der Hotelchef jedoch nicht: „Auch wenn die Situation schwierig ist, muss man da manchmal eben durch.“ Mit diesem Bekenntnis erntete e spontanen Applaus.

So beendeten die Gäste den offiziellen Teil des Frühjahrsempfangs in zuversichtlicher Stimmung und diskutierten noch lange über die Denkanstöße dieses Abends. 

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